Film

Machtspiel als Slapstick-Nummer: „The Death of Stalin“

Darf man über Diktatoren lachen? Man muss sogar. Eine rabenschwarze Satire über Stalins letzte Tage und den Kampf um seine Nachfolge.

Beim Streit um die Nachfolge wird jedes Mittel angewandt: General Schukow (Jason Isaacs) wählt scharfe Waffen

Beim Streit um die Nachfolge wird jedes Mittel angewandt: General Schukow (Jason Isaacs) wählt scharfe Waffen

Foto: Concorde

Manchmal muss man das Grauen wegla-chen. Auch das ist eine Form der Verarbeitung. Und je schlimmer das Grauen, desto frecher, absurder muss der Humor geraten. Charles Chaplin hat es vorgemacht, als er Adolf Hitler in „Der große Diktator“ zur Witzfigur degradierte. Roberto Benigni ist gelungen, woran selbst Jerry Lewis noch gescheitert war: eine Komödie über den Holocaust zu drehen. Auch die DDR wurde wiederholt zur Zielscheibe des Spotts, zuletzt in der Honecker-Parodie „Vorwärts immer“. Nun kommt diese Woche „The Death of Stalin“, eine grelle Satire über Josef Stalin in die Kinos. 65 Jahre nach dessen Tod. Dass der Film in Russland umgehend verboten wurde, macht ihn nur interessanter.

Das Lachen bleibt einem im Halse stecken

Der Film beginnt am 2. März 1953. Da hat Stalin schon fast 30 Jahre lang als Alleinherrscher die Sowjetunion regiert und die halbe Nation verhaftet, bis ihn der verdiente Schlag trifft. Beißend wird die Allmacht des Diktators zu Beginn in Form eines klassisches Konzerts gezeigt, das im Radio übertragen wird und von dem Stalin umgehend eine Aufnahme haben will. Leider wurde keine gemacht, so muss das Konzert mitten in der Nacht wiederholt werden, wird das Publikum am Weggehen gehindert, wird die Pianistin bestochen, erneut zu spielen, muss sogar, weil der Dirigent ausfällt, ein anderer aus dem Schlaf gerissen und im Pyjama in den Konzertsaal geschleift werden. Nur damit Genosse Stalin seinen Willen bekommt.

Man könnte das als milden Spott abtun. Würde nicht in derselben Nacht die alltägliche Liste von Verhaftungen abgehakt, die der Diktator ausgegeben hat. Dass es hier immerzu um Terror und Menschenleben geht, wird nie vergessen und immerzu gegen den Klamauk montiert, sodass einem das Lachen stets im Halse stecken bleibt.

Und es wird noch schlimmer, als Väterchen Stalin (Adrian McLoughlin) schließlich umkippt und halb tot in seiner Urinlache liegt. Zwei Tage hält eine heuchlerische Klage seiner Hofschranzen um ihren Anführer an und ein Wettstreit darum, wer Stalins Kindern den meisten Beistand liefert. Und doch bereitet sich der überforderte Malenkow (Jeffrey Tambor) schon auf die Machtübernahme vor, und Chruschtschow (Steve Buscemi) und der berüchtigte Geheimdienstchef Beria (Simon Russell Beale) wetzen schon die Messer, um sie den anderen in den Rücken zu bohren.

Schon einmal waren diese Tage Stoff eines Films. In Andrej Kontschalowskis US-Film „Der innere Kreis“, der 1992 die Berlinale eröffnete, wurden die Ereignisse als Drama eines naiven Genossen erzählt, der als Stalins persönlicher Filmvorführer in den inneren Machtkreis katapultiert wird und dessen Stab als Tross von Speichelleckern und Tyrannen erlebt. In der französisch-britischen Produktion „The Death of Stalin“, der morgen ins Kino kommt, gibt es dagegen keinen einfachen Menschen, mit dem sich der Zuschauer identifizieren könnte. Er wird direkt hineingeworfen in diesen Haufen von Unmenschen.

Urkomisch, wie die stundenlang um den siechenden Stalin herumstehen und debattieren, ob sie einen Arzt holen sollen, wo sie doch alle guten Ärzte längst in den Gulag geschickt haben. Wenn sie ihn dann doch irgendwann aufheben und ins Bett hieven, ist das eine wahre Slapsticknummer. Die Schauspieler, zu denen auch Ex-Monty-Python Michael Palin als Molotow und Jason Isaacs als General Schukow zählen, treiben ihre Figuren mit Lust zur Karikatur, ja zur Knallcharge.

Und doch sind viele Situationen keine Erfindungen eines gewitzten Drehbuchautors. Der Plot hat sich mehr oder weniger so zugetragen und musste nur noch überhöht und zugespitzt werden. Das haben Fabien Nury und Thierry Robin für ihre Graphic Novels, auf denen der Film basiert, recherchiert. Und der britische Regisseur Armando Iannucci, der schon in seinem Film „Kabinett außer Kontrolle“ und seinen Fernsehserien „The Thick of It“ und „Veep – Die Vizepräsidentin“ die Mechanismen der Macht aufs Korn genommen hat, hat das in ein äußerst bissiges, schwarzhumoriges, zuweilen grell makabres Szenarium verdichtet. „Je mehr man über diese wahren Ereignisse herausfindet“, erklärt er, „um so mehr erscheinen sie als Farce.“

Immer wieder bei derartigen Polit-Farcen kommt die Frage auf, ob man sich über Diktatoren und Menschen­-verbrechen lustig machen darf. Dabei hat Charles Chaplin das schon ein für alle Mal beantwortet: Man darf nicht nur, man muss sogar. Als Therapie des Weglachens. Das gilt umso mehr, wenn eine Satire über historische Ereignisse auch die eine oder andere Wahrheit über unsere Zeit offenbart. „The Death of Stalin“, das war ein Grundanliegen Ianuccis, erzählt prinzipiell etwas über Autoritarismus, wohin ein Land steuern kann, wenn eine Person es im Alleingang und ohne Kontrollinstanzen lenkt.

Kein Wunder also, dass der Film in Russland verboten ist: Nicht nur, weil er ein verzerrtes Bild einer Nation entlarvt, sondern vor allem, weil Putin selbst selbstherrlich wie ein Zar regiert. Aber auch Parallelen zu anderen Autokraten drängen sich auf, zu Erdogan, Orbán, Trump – auch wenn der bei der Entwicklung des Films noch gar nicht gewählt worden war. Man lacht hier erst mal über längst Vergangenes und scheinbar Überwundenes, aber zugleich geht einem doch einiges auf, was auch heute – noch oder wieder – schiefläuft.

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