Vor der Verleihung

Vor dem Oscar: „Trag was du willst, aber mach den Mund auf“

In der Nacht zu Montag werden die Oscars verliehen. Dabei wird es diesmal weniger um die Filme und mehr um politische Positionen gehen.

Der Rote Teppich wurde bereits ausgerollt. Er ist in diesem Jahr etwas dunkler als gewohnt

Der Rote Teppich wurde bereits ausgerollt. Er ist in diesem Jahr etwas dunkler als gewohnt

Foto: Barbara Munker / dpa

Der Teppich ist schon ausgerollt, die Schweinwerfer sind installiert, die Wände werden noch dekoriert. In der Nacht zu Montag, gegen 2 Uhr MEZ werden wieder die Oscars verliehen, die wichtigsten Filmpreise der Welt. Und diesmal zum 90. Mal. Aber wo es sonst um Stars und Glamour geht und die Filmindustrie sich selber feiert, wird es diesmal gemäßigter zugehen. Und das runde Jubiläum eher am Rande zelebriert.

Zum dritten Mal in Folge wird es bei der Verleihung der Academy Awards weniger um die Filme als um Politik gehen. Das war vor zwei Jahren so, als die Diskussion OscarSoWhite entbrannt war, weil keine afroamerikanischen Filmschaffenden nominiert worden waren und einige aus Protest fern blieb. Das war auch vor einem Jahr so, als die Oscar-Nacht eine der ersten Gelegenheiten für das liberale Hollywood war, um auf die ausgrenzenden Diffamierungen des neuen US-Präsidenten Donald Trump zu reagieren.

Eine Kleiderordnung ist nicht vorgeschrieben

Diesmal wird der Abend, wie schon die Golden-Globe-Verleihung, von der #Me­Too-Debatte bestimmt werden. Wobei es spannend wird, ob sich Hollywood diesmal etwas anders verhält. Die Globes werden ja von Hollywoods Verband der Auslandspresse verliehen, da ist man nur Gast und kann sich ein paar Freiheiten mehr erlauben.

Die Academy Awards werden indes von der Filmbranche selbst verliehen, jeder, der nominiert wird, ist automatisch aufgenommen in die Akademie, die derzeit etwa 8400 Mitglieder zählt. Da will man vielleicht ein einheitlicheres Bild von sich präsentieren.

Ob wieder alle als Zeichen gegen Sexismus, Missbrauch und Benachteiligung in Schwarz kommen, ist nicht ausgemacht. Der Rote Teppich ist diesmal zwar in einem dunkleren Cayenne-Ton gehalten. Die Academy hat aber keine Kleidervorschrift gegeben, Frauenverbände sollen von einem derartigen Aufruf ebenfalls abgesehen haben, dafür sollen in diesem Jahr fast nur Roben von weiblichen Modeschöpfern geordert worden sein.

Die Hamburger Oscar-Anwärterin Katja Benrath (siehe Kasten) hat sich in Los Angeles gleich an die größte Institution gewandt und Meryl Streep gefragt, was sie tragen solle. „Trag, was du willst“, hat sie geantwortet haben, „aber mach den Mund auf, wenn’s nötig ist“.

Einige Herren werden gar nicht erst erscheinen

Erste Auswirkungen hat die Debatte längst bewirkt. Dass Christopher Plummer als bester Nebendarsteller aufgestellt ist (mit 88 Jahren der älteste Schauspieler, der je nominiert wurde), ist auch ein politisches Signal: Alle Szenen in „Alles Geld der Welt mit Kevin Spacey wurden nach den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn bekanntlich mit Plummer neu gedreht.

Und Spacey wird an dem Abend ebenso fehlen wie Harvey Weinstein und andere Herren, die sich derzeit heftigen Vorwürfen ausgesetzt sehen. Auch Casey Affleck, der im Vorjahr als Bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, wird nicht wie üblich die Trophäe an die Beste Schauspielerin verleihen. Gegen ihn wurden ebenfalls Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben.

Die angespannte Situation wird sich auch auf das Votum der Mitglieder, das bis Dienstagabend abgegeben werden musste, ausgewirkt haben. Der klare Favorit mit 13 Nominierungen ist zwar „Shape of Water“ von Guillermo del Toro (siehe die Nominierten-Liste rechts), und das entrückt-poetische Fantasy-Märchen hat eigentlich alles, wofür die Traumfabrik gemeinhin steht. Aber angesichts der Stimmungslage ist es einfach nicht der Film zur Stunde.

Wesentlich wahrscheinlicher dürfte ein Sieg für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ sein, in dem es um den Kampf der Mutter einer vergewaltigten und ermordeten Tochter geht. „Billboards“ steht mit sieben Nominierungen an dritter Stelle, nach Christopher Nolans virtuosem Kriegsdrama „Dunkirk“ (mit acht Nominierungen). Der wird aber wohl eher in den Nebenkategorien triumphieren.

Der große Favorit ist nicht der Film zur Stunde

Wer bei eventuellen Oscar-Wetten nicht ganz schlecht dastehen möchte, für den lohnt immer ein Blick auf internationale Buchmacher wie bet365, tpico oder interwetten. Sie alle geben „Three Billboards“ die größten Chancen, auch die besten Hauptdarsteller scheinen mit Frances McDormand („Billboards“) und Gary Oldman (als Winston Churchill in „Die dunkelste Stunde“) gesetzt. Genau so sind ja auch die Globes verteilt worden.

Aber ein Rest an Überraschungen bleibt ja immer. Im Jahre 90 der Oscars könnten auch Frauen Geschichte schreiben. Mit Greta Gerwig (für „Ladybird“) ist erst die fünfte Frau in der Regie-Kategorie nominiert (und erst eine, Kathryn Bigelow, hat ihn bislang gewonnen). Mit Rachel Morrison ist überhaupt erst die erste Kamerafrau nominiert, mit Dee Ree die erste schwarze Drehbuchautorin (beide für das Filmdrama „Mudbound“).

Nach den OscarSoWhite-Vorwürfen hat die Academy ihre Regularien verändert und mehr Frauen und mehr Schwarze in die Akademie aufgenommen, um demonstrativ mehr Vielfalt zu beweisen. Hollywood, das ist das klare Signal, das vermittelt werden soll, ist bunt und vielfältig. Und deutlich liberaler als die Hauptstadt im Osten.

Mit größter Wahrscheinlichkeit wird der Regiepreis aber an del Toro gehen, und auch das ist ein Zeichen. Während afroamerikanische Filmschaffende nach wie vor über Benachteiligung in der Branche allgemein, aber auch bei den Oscars im Speziellen klagen, holten mexikanische Kollegen von 2014 bis 2016 drei Jahre in Folge den Oscar für die beste Regie: erst Alfonso Cuarón für „Gravity“, dann Alejandro González Inárritú für „Birdman“ und „Revenant“, die Kamera führte in allen drei Filmen der Mexikaner Emmanuel Lubezki, der damit als erster Kameramann überhaupt drei Oscars nacheinander einholte.

Trotz aller pauschaler Diffamierung seitens des Präsidenten, Mexikaner seien Drogendealer und Vergewaltiger, haben sich die Filmemacher des Nachbarlandes ganz selbstverständlich nach vorn gespielt. Der Siegeszug könnte nun durch del Toro fortgesetzt werden, der auch für das Drehbuch und als Produzent für den Besten Film nominiert ist.

So oder so wird es spannend an dieser 90. Oscar-Nacht. Und nicht nur die Nominierten, auch die Verantwortlichen werden bangen. Nicht nur, weil für den Abend in Kalifornien s starker Regen vorhergesagt wird, der den Teppich verhageln könnte.

Sondern auch wegen des peinlichen Patzers im vergangenen Jahr, als ausgerechnet in der Hauptkategorie ein falscher Umschlag geöffnet wurde und erst mal „La La Land“ als Bester Film genannt wurde – und dann erst das schwarze Schwulendrama „Moonlight“. Bislang kannten nur zwei Mitarbeiter von PricewaterhouseCoopers die Oscar-Ergebnisse vorab. Trotz des Debakels darf die Prüfgesellschaft diese Aufgabe weiterhin übernehmen. Nun ist aber erstmals eine dritte Person eingeweiht. als zusätzliche Kontrolle.

TV-Übertragung: ProSieben sendet live ab Montag, 0.40 vom Roten Teppich. Die Oscar-Gala beginnt gegen 2 Uhr MEZ