Film

Matt Damon wird kleingemacht: „Downsizing“

Die Lösung für alle Probleme unseres Planeten ist gefunden. Zumindest in der Filmsatire „Downsizing“: die Schrumpfung der Menschheit.

Komm mach es auch: Ein Schulfreund (Jason Sudeikis, r.) zählt Paul (Matt Damon) die Vorzüge des Kleinseins auf

Komm mach es auch: Ein Schulfreund (Jason Sudeikis, r.) zählt Paul (Matt Damon) die Vorzüge des Kleinseins auf

Foto: Paramount Pictures

Das größte Problem unseres Planeten ist nicht die Erderwärmung, nicht die Umweltverschmutzung und auch nicht der Ressourcenschwund. Das größte Problem ist der Mensch, der für all das verantwortlich ist. Aber jetzt gibt es eine Lösung. Zumindest in Alexander Paynes bissiger Filmsatire „Down­sizing“.

Einem norwegischen Forscher gelingt da ein revolutionäres Verfahren, mit dem ausgewachsene Menschen auf gerade mal zwölf Zentimeter geschrumpft werden können. Der lapidare Spruch „Hast du’s nicht ’ne Nummer kleiner?“ wird hier konsequent zu Ende gedacht: die Krönung der Schöpfung, auf Daumengröße gebracht.

Der ewige Gulliver-Traum vom Land der Liliputaner

Der ökologische Fußabdruck des Homo sapiens ist mit einem Mal drastisch reduziert. Der Abfall von 36 Menschen über vier Jahre füllt im Film nicht mal einen halben herkömmlichen Müllbeutel. Überall auf der Welt entstehen Klein-Städte im wörtlichen Sinn, die nur noch Ausmaße eines Parkplatzes einnehmen.

Und die Mini-Menschen benötigen nur noch einen Bruchteil vom üblichen Bedarf an Luft, Wasser, fossilen Brennstoffen und Nahrungsmitteln. „Size matters“ – Größe zählt doch. Nur halt im umgekehrten Sinn.

Klasssische Mittelschichtsverlierrer: Matt Damon und Kristen Wiig als Paul Safranek und Audrey Safranek Paramount Pictures

Seit Jonathan Swift vor fast 300 Jahren in „Gullivers Reisen“ das Fantasieland Liliput erfunden hat, lassen sie uns nicht mehr los: die Fantasien über wundersam geschrumpfte Wesen. Sei es der kleine Däumling im Märchen oder Nils Holgersson aus den Büchern von Selma Lagerlöf. Das Kino hat das mit seinen technischen Tricks und Effekten noch kräftig angeheizt. Ob als Angstszenario vor atomarer Strahlung („Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“), als Parodie darauf („Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K“ mit Lily Tomlin) oder als reine Kinderbelustigung („Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“).

Eine ironische Fügung will es, dass in dieser Woche gleich zwei Filme in die deutschen Kinos kommen, die davon handeln. „Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft“, eine deutsche Version des US-Klassikers, bei dem die Großen mal ganz klein gemacht werden, und eben Paynes „Downsizing“. Letzterer kümmert sich erstaunlicherweise gar nicht um die naheliegenden Effekte, wenn einfache Haustiere, Insekten oder selbst Regentropfen zur Gefahr werden. Davor schützt eine Art Käseglocke über den Mini-Städten. Dafür setzt sich Payne mit den großen soziopolitischen Themen auseinander, und das am Fallbeispiel vom Otto Normalverbraucher.

Matt Damon und Kristen Wiig spielen mit Paul und Audrey Safranek zwei typische Durchschnittsamerikaner, deren Träume ein wenig größer sind als ihr Portemonnaie und denen die Schulden über den Kopf wachsen. Es sind gar nicht so sehr die hehren Ideale, den Planeten zu schonen, die sie antreiben, sondern die pekuniären Nöte, die sie zu dem großen Schritt zum Kleinerwerden bewegen: Da sich die Ausgaben ja dramatisch verringern, wird jeder Durchschnittsverdiener zum Millionär.

Es ist großartig inszeniert, wie Stars wie Laura Dern oder Neil Patrick Harris in buchstäblich winzigen Cameo-Auftritten für das Leben in der Mini-Modellwelt werben. Und wie der Zuschauer einen Einblick in die Massenproduktion der Minimalisierung erhält. Da werden Scharen von Patienten der Kopf geschoren und Zahnersatz gezogen, weil die nicht mitschrumpfen. Und nach der Verkleinerungsprozedur werden sie von Krankenschwestern vorsichtig auf Pfannenhebern in ihre neue Welt gehievt. Es ist für Matt Damons Figur dennoch ein böses Erwachen. Denn seine Frau hat in letzter Sekunde kalte Füße bekommen und sich doch nicht verkleinern lassen. Der glücklose Paul ist jetzt allein in seinem Puppenhaus-Paradies.

Doch hier, wo der Film doch erst so richtig loslegen müsste, verliert er sich überraschend im Klein-Klein. Es gebe so viele Geschichten zu erzählen: wie Klein und Groß miteinander auskommen, wie der Massenausfall an Konsum und Bauvorhaben zu Verwerfungen in der großen Welt führen. Dass sich womöglich ein Rassismus gegen XXS-Menschen bildet. Und Unterdrückungsregimes die Technik auch dazu nutzen, unliebsame Bürger zu minimieren. All das streift Alexander Payne, aber es wird nicht vertieft. Stattdessen sehen wir nur, wie auch dieses vermeintliche Idyll die Midlife-Crisis des Klein-Bürgers nicht aufhalten kann. Während seine hedonistischen Nachbarn (Christoph Waltz und Udo Kier) nur ihrem Luxus frönen.

Da scheint, um im Bild zu bleiben, auch der Film selbst zu verzwergen. Er fängt sich erst wieder mit der Figur der vietnamesischen Dissidentin Ngoc Lan Tran (Hong Chau). Sie ist eines der Opfer, die gegen ihren Willen geschrumpft wurde und nur in einem Fernsehgerät versteckt fliehen konnte, wobei ihr ein Bein verloren ging. Mittellos sitzt sie jetzt in diesem Miniluxusland und darf den Reichen die Wohnungen putzen. Man sieht, auch dieses Utopia hat seine Abgründe. Als der Ergotherapeut Paul sich ihr Bein ansehen will, zwingt ihn die Vietnamesin, sie an den äußersten Rand der Ministadt zu begleiten, wo sich Slums von Bedürftigen befinden, und sich, wie sie, um andere zu kümmern, die es nötiger haben als sie.

So wie ja schon „Gullivers Reisen“ eine grelle Satire auf zeitgenössische Missstände zu Swifts Zeiten war, so sieht sich auch „Downsizing“ als treffliche Metapher auf die derzeitige USA an. Da werden die Schattenseiten des American Way of Life süffisant bloßgestellt. Die Ärmsten wohnen an einer Riesenwand, die so aussieht, als habe Trump die Mauer zu Mexiko schon errichtet. Und dann hat Trump ja gerade erst die Norweger als die besseren Einwanderer gelobt. Vielleicht hat er „Downsizing“ ja schon gesehen und den norwegischen Forscher für bare Münze genommen.

Und doch: Alexander Payne, mit Filmen wie „About Schmidt“ oder „Nebraska“ eigentlich ein Meister im Porträtieren desillusionierter Mittelschichtsmänner, fehlt es in diesem mit 135 Minuten arg langen Film doch an Stringenz. Die große Satire, sie ist ihm am Ende etwas zu klein geraten. Aber einen grünen Punkt verdient „Downsizing“ allemal.

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