Kabarett

Martin Buchholz: "Irgendwann hat man zu allem was gesagt"

| Lesedauer: 8 Minuten
Volker Blech
Martin Buchholz feiert seinen Bühnenabschied bei den Wühlmäusen

Martin Buchholz feiert seinen Bühnenabschied bei den Wühlmäusen

Foto: picture-alliance

Kabarettist Martin Buchholz verabschiedet sich von der Bühne. Im Gespräch zieht er eine nüchterne Bilanz.

Martin Buchholz, einer der bekanntesten und wichtigsten Kabarettisten Deutschlands, zieht sich zurück. An diesem Sonnabend feiert er seinen Bühnenabschied bei den Wühlmäusen. „Alles Lüge, kannste glauben“ heißt das letzte Programm des gebürtigen Berliners, der seine Karriere zunächst als Journalist begann, um erst ziemlich spät ins Kabarett zu wechseln. Der 75-Jährige wird zwei Tage nach seinem Rückzug von der Bühne erst einmal einen langen Urlaub mit seiner Frau in Neuseeland machen. Wir haben ihn davor gesprochen.

Herr Buchholz, warum hören Sie jetzt auf? Wird es vielleicht immer schwerer, so viel Text auswendig zu lernen?

Martin Buchholz: Das eigentlich weniger. Aber ich habe in den 36 Jahren 30 Programme geschrieben. Man hat zu allem schon mal etwas gesagt, auch wenn sich die Namen ändern, etwa aus Stoiber Seehofer wird. Wenn ich etwas schon einmal halbwegs intelligent gesagt habe, kann ich es nicht mehr besser formulieren. Und bevor es Asche auf meiner Zunge wird, verabschiede ich mich, solange die Leute es bedauern.

Haben Sie alle Programme auswendig gelernt?

Ja, das muss man. Das ist wie beim Jazzmusiker, der muss die Melodie kennen, bevor er darüber improvisieren kann.

Haben angegriffene Politiker jemals auf Sie reagiert?

Nein, außer Guido Westerwelle. Das war bei den Wühlmäusen. Ich hatte mich über Nekrophilie-Lust der FDP ausgelassen, die immer wieder dieselben Leichen herrichten. Der Reim lautete: „Dann wird der Schädel ondoliert und als Westerwelle präsentiert.“ Er hat türenschlagend das Theater verlassen. Anschließend hat er einen Protestbrief geschrieben, den habe ich auf der Bühne zitiert.

Gibt es im politischen Kabarett Versatzstücke, die immer wieder passen?

Gibt es gewiss. Wenn ich alleine an die lange Zeit von Helmut Kohl denke. Da wird man dröge. Obwohl ich Birnen-Witze nie gemocht habe, das war zu einfach. Mit zwölf Jahren Merkel ist das ähnlich. Das Thema ist eigentlich ausgelutscht. Man muss sogar aufpassen, dass man die Merkel nicht irgendwann sympathisch findet. In meinem Programm gibt es einen Standardspruch, mit dem ich meine Programme immer abschließe. „Was Bullrich-Salz für die Verdauung, ist Buchholz für die Weltanschauung.“ Wenn ich den mal nicht bringe, gibt es Protest.

Wer ist heute das Publikum für politische Kabarett?

Ärgerlich ist für mich, dass das Publikum mit mir mitgealtert ist. Die wirklich jungen Leute gehen lieber in die Comedy als ins politische Kabarett. Das stört mich schon. Als ich anfing, waren alle jung. Das waren noch die Ausläufer der Friedensbewegung, der Öko-Bewegung, die Atomkraftgegner und die Frauenbewegung. Da konnte man noch mit theoretischem Hintergrund arbeiten. Man wusste, dass sich die Leute nicht ausklinken. Ich erinnere mich noch an das Programm „Freud mal Fromm geteilt durch Marx“, das habe ich allein in Berlin vor 70.000 Besuchern gespielt. Wenn ich so ein Programm heute ankündigen würde, könnte ich gleich in einer Telefonzelle auftreten. Heute geht so etwas nur noch in homöopathischen Dosen. Bei intellektuellen Texten läuft das Publikum davon. Ich erreiche eher das liberale Bürgertum. Von liberal bis links.

Das westdeutsche Kabarett galt immer als direkter, das ostdeutsche als Ort für Zwischentöne. Gibt es heute noch die Humorgrenze?

Im Kabarett gibt es die schon noch, weil die Tradition im Osten eher eine Ensemble-Tradition ist. Die wird im Westen kaum noch gepflegt. Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft versucht es immer noch neu zu beleben oder jetzt die Wühlmäuse in Berlin. Beim Ensemble muss man immer auf die gerechte Pointenverteilung achten. Zwischendurch gibt es einen Song, dann wieder einen Sketch. Dabei geht ein bisschen die Unverfrorenheit, der fröhliche Sarkasmus verloren. Es ist vielmehr die feine Ironie.

Was waren die besten Zeiten, was die schwersten?

Die besten Zeiten waren die Anfangszeiten. Das waren noch die Ausläufer der 68er-Zeit. Spannend war auch die Zeit nach der Wende. Das war eine ideale Phase fürs politische Kabarett, weil so viele Widersprüche aufbrachen. Vor allem war es nach den Vorstellungen spannend, dann saß man in verschiedenen Gruppen zusammen, Intellektuelle aus Ost und West, und es gab eine ganze Menge Missverständnisse. Die schwersten Zeiten waren die Kohl-Jahre. Das war eine bleierne Zeit. Das lähmte die politische Satire.

Was war die peinlichste Situation, die Sie erlebt haben?

Im Bayrischen gab es in der Stadthalle ein Jubiläum. In der ersten Reihe saßen die ganzen CSU-Honoratioren. Jeder der Künstler hatte so zehn Minuten. Ich hatte eine Nummer, in der Jesus, Mohammed und Moses am See Genezareth in einer WG zusammen hocken und sich über ihre Jünger unterhalten. Plötzlich breitete sich eine maulige Unruhe aus. Zwei Reihen verschwanden plötzlich aus dem Saal. Ein andermal hatte mich die Hapag-Loyd auf eine Kreuzfahrt auf der MS Europa mitgenommen. Beim Eröffnungsabend tuckerten wir gerade an der Küste von El Salvador vorbei. Ich sprach darüber, dass die Deutschen mit den Diktaturen in Mittel- und Lateinamerika immer ganz gut ausgekommen sind. Und weil einige im Publikum einen gesunden Teint hatten, sagt ich: Daran sieht man, dass man auch außerhalb Deutschlands braun werden kann. Da flogen tatsächlich Aschenbecher und Reservierungsschilder auf die Bühne.

Gibt es Tabuthemen?

Nein, wenn man von Krebs, Tod oder Kirche einmal absieht. Aber das gilt nur fürs Fernsehen. Deshalb war ich nicht so oft im Fernsehen. Angeblich gibt es keine Zensur. Man muss nur den Text vorher einreichen – wegen der Kameraeinstellungen. Irgendwann kommt der Programmdirektor.

Was halten Sie von Comedy?

Da gibt es solche und solche. Der englische Nonsens-Humor bereitet mir viel Vergnügen. Die anderen mit ihren Einschaltzoten mag ich nicht. Da hört man Witze, die früher bei Familiengeburtstagen erzählt wurden, wenn die Frauen in die Küche gingen. Herrenwitze höre ich heute in fast jeder Comedyshow.

Politisches Kabarett setzen wir immer mit links gleich. Warum gibt es kein rechtes politisches Kabarett?

Es gab mal ein konservatives politisches Kabarett in Berlin, das waren „Die Insulaner“. Das war ein Kalte-Kriegs-Kabarett vom RIAS und hatte durch Günter Neumann eine hohe Qualität. Danach gab es kein vergleichbar intelligentes Kabarett mehr. Ist auch logisch. Satire ist wie der politische Witz von unten nach oben gerichtet. Der funktioniert umgekehrt nicht, wenn man Parteien verteidigen will. Dann wird man irgendwann so ein Langweiler wie Dieter Nuhr.

Aber es gibt die Milieus von Pegida oder der AfD?

Da herrscht eine zu große Humorlosigkeit. Ich bin viel in Sachsen unterwegs gewesen. Wenn bei den AfD-Wählern das Gespräch auf bestimmte Themen etwa wie Ausländer kommt, dann haben sie Schaum vorm Mund. Da gibt es keine ernsthaften Gespräche und schon gar keinen Humor. Jede Ironie wird überhaupt nicht verstanden.

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