Berliner Spaziergang

Rainald Grebe, der ernsthafte Spaßmacher

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Rainald Grebe, Kabarettist und Regisseur.

Rainald Grebe vor der Schaubuehne

Rainald Grebe vor der Schaubuehne

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Die Zeit läuft und noch immer kein Rainald Grebe in Sicht. Schon vorher hieß es, dass er mitten in den Endproben für sein Stück an der Schaubühne stecke und ja eigentlich gar keine Zeit habe. Eine knappe Stunde sei in etwa drin. Dass davon nun die Minuten abgehen, während man im Café des Theaters sitzt, ohne dass bislang auch nur ein Wort mit dem Interviewpartner gewechselt wurde, macht Autorin und Fotograf nervös.

Um 19.17 Uhr – 17 Minuten zu spät – tritt er endlich ein. Der Kabarettist, Autor, Regisseur. Der Liedermacher, der der breiten Masse vor etwa zehn Jahren vor allem durch seine Hymne auf Brandenburg bekannt wurde. Mit Mütze auf dem Kopf, Hoodie, darüber einen Mantel und Turnschuhen an den Füßen schlurft er ins Café. Man sieht schon von Weitem, dass er abgekämpft ist. Das verwundert nicht: Grebe kommt direkt aus der Probe, die seit 10 Uhr lief und auch noch überzogen wurde. Bis zur Premiere von "Fontane.200" geht es dann täglich bis 23 Uhr.

Er stellt seine Taschen neben sich, die Jacke lässt er an. Gar nicht erst gemütlich machen, sich einrichten. Auch das macht nervös, dieser Auf-dem-Sprung-Look, weil man merkt, dass er jetzt wohl eigentlich lieber nach Hause würde. Abschalten, niemandem mehr Fragen beantworten. Aber er fügt sich, auch wenn es ihm merklich schwerfällt.

Etwas trinken? Nein, danke – oder doch, vielleicht wäre ja ein Kaffee gut. Den bekommt er, mit Milch. Er spielt mit seiner runden Brille, hält sie während des Gesprächs die ganze Zeit zwischen den Fingern. Es ist sicher komisch, stundenlang im Modus auf und vor der Bühne zu sein, als Spielleiter und Schauspieler, und dann ganz plötzlich, in nur wenigen Sekunden umschalten zu müssen.

Es gibt immer die Angst, dass etwas nicht gelingt

Sein Tag, sagt er, lief leider nicht so besonders. Wir bleiben hier also einfach sitzen. Auch nicht einmal um den Block, "bitte keine Action mehr heute", sagt er. Heute habe so wenig geklappt, dass er sich fragt, wie hier überhaupt irgendetwas in den wenigen Tagen, die sie nur noch haben, stehen soll.

Hat er Angst? Natürlich sei die immer da, die Angst, dass etwas am Ende auf der Bühne nicht gelingt. Während der Endproben zeige sich, ob das, was man sich vorher ausgedacht hat, zusammengesetzt werden kann, um einen Abend zu ergeben. "Es ist sozusagen immer ein Deal mit der Angst." Vor sechs Jahren etwa hat er in der Waldbühne vor 15.000 Besuchern gespielt, das Größte, was so passiert ist in seiner Karriere. Und trotzdem fange man bei jeder neuen Show, bei jedem neuen Stück ganz von vorne an. Der Ruhm also, den er in den vergangenen Jahren erlangt hat, ist ihm offenbar keineswegs zu Kopf gestiegen. "Gerade nach so einem Tag wie heute nicht – da geht das gar nicht."

Das Schaubühnen-Café ist gefüllt mit gut gelaunten Theaterbesuchern, die sich, bevor Lars Eidinger gleich auf die Bühne tritt, noch eben Wein und Brezel genehmigen. Das Stimmengewirr ist momentweise überbordend laut, es fällt schwer zu filtern, was sein Gegenüber sagt.

Grebe runzelt bei manchen Fragen die Stirn. Es ist nicht ganz klar, ob er einen tatsächlich nur schlecht versteht oder sein kritischer Blick auf den Inhalt bezogen ist. Ob er sich nur zu konzentrieren versucht oder schlichtweg genervt ist. Von der Situation, von allem einfach gerade. Irgendwie tut es einem ja fast etwas leid, ihn an diesem Abend mit so blöden Fragen, ob er ein Kind habe, aufzuhalten. Zumindest antwortet er noch. Ja, eins. Und wie alt? Er überlegt und sagt dann: "sehr klein". Gut, das hätten wir.

Was genau ist das eigentlich mit ihm und Brandenburg? Wieder sein kritischer Blick. Na ja, erklärt man weiter, jetzt geht es ja wieder um dieses Land. Im Fokus eine Person, die im 19. Jahrhundert dort, in Neuruppin, geboren wurde. Genauer um den Dichter Theodor Fontane. Wieder also irgendwas mit Brandenburg.

Tatsächlich, sagt er, wurde er wohl durch seinen Brandenburg-Bezug von der Planungskommission der Fontane-Festspiele, die 2019 stattfinden werden, gefragt, ob er dafür etwas machen wolle. Er hat Ja gesagt, wisse aber bis jetzt noch nicht, was das am Ende sein wird.

Im Fontane-Jahr unterwegs in Brandenburg

Das aktuelle Stück an der Schaubühne ist nur ein Aufhänger, sagt er, und gehört offiziell gar nicht dazu. Grebe will darin Einblicke in die fieberhaften Überlegungen und minutiösen Vorbereitungen auf dieses kulturelle Highlight Deutschlands 2019, das Fontane-Jahr, geben. Er nimmt den Zuschauer mit durch Sumpflandschaften, Kleinstädte und Dörfer der Mark Brandenburg und gibt dabei Einblicke in das Leben und Werk Fontanes, heißt es im Programm.

Jahr für Jahr wurde er gefragt, wann er denn endlich dort hinziehe. Seit fünf Jahren fährt Grebe "irgendwo da oben zwischen Prenzlau und Boitzenburg" an einen festen Ort, an dem er Ruhe findet. Das mit der Ruhe sei allerdings so eine Sache. "Es gibt durchaus einen Punkt, an dem mir das beruhigte Landleben zu viel wird." Ein paar Tage am Stück ohne Handyempfang reichen ihm dann schon aus.

Und doch entspanne es, mal ein Feuer zu machen und in die Sterne zu gucken. Generell die anderen Reize, die da auf einen einwirken: Natur, zwei Nachbarn, deren Stimmen plötzlich wichtig werden. Anderes Umfeld, andere Gesellschaftsformen, "Probleme, die weniger exotisch, viel mehr nah und direkt sind." Das Huhn ist weggelaufen, der Hund bellt, das Dach ist abgedeckt worden, man muss den Rasen mähen. Dafür übrigens habe er mittlerweile jemanden, damit er nicht mehr nur dafür nach Brandenburg fährt. "Die Dorfis sind schon ein bisschen anders, muss man sagen, ne", sagt er und lächelt verschmitzt.

Bei vielen anderen würde so ein Satz irgendwie abfällig klingen. Grebe aber darf das, ohne dass sich ein Betroffener ernsthaft angegriffen fühlen muss. Sein Geheimnis ist wohl, sich bei all seinem Humor nie über andere zu stellen. Vielleicht auch weil er sich doch bloß selbst in zugespitzter Form besingt? Hinter einer Kunstfigur verschwindet er ja nie. Grebe hat ein Lied über Prenzlauer Berg geschrieben, die dort lebenden Hipster, der er ja eigentlich auch ist irgendwie, die in der Bio Company einkaufen. Die Millennials, Alt-68er – immer auch über das falsche Leben jener Menschen, die glauben, alles richtig zu machen.

Grebe kommt aus Nordrhein-Westfalen, wo er 1971 in Frechen bei Köln als Kind eines Professors für Buchkunde und einer Englischlehrerin geboren wurde und von wo aus er mit seiner Volljährigkeit die Flucht antrat. Irgendwo Richtung Osten trampte er damals – dorthin, wo kurz nach Mauerfall die Anarchie losging.

In Berlin-Mitte blieb er am Ende kleben, im Osten ist er auch geblieben. Fast schon irritiert, so als hätte er es vorhin im Gespräch falsch verstanden, fragt er noch einmal die Autorin, ob sie tatsächlich im Westen der Stadt lebe. Er nämlich wollte in jungen Jahren den Osten kennenlernen, weil es dort so lebhaft zuging. Aber ja, die Dinge haben sich verändert.

Es begann mit einem Puppenspieler-Studium

Weil er irgendetwas mit Kunst studieren wollte, begann er an der Schauspielschule Ernst Busch eher zufällig mit einem Puppen­spieler-Studium, schloss es 1997 ab. Wieso genau Puppenspiel? Wieder da die gerunzelte Stirn. "Weil ich beim Lesen des Lehrplans dachte, 'das bin ja ich'." Nicht wirklich Hochkultur, bisschen Straßen- und Kleinkunst, und doch nicht ganz fern von Theater. Vielleicht menschennäher, irgendwie geselliger.

Zwei Jahre später ging er dann ans Theaterhaus Jena und blieb dort bis 2004 als Schauspieler, Regisseur und Dramaturg. Er fühlte sich endlich frei. Im selben Jahr trat er mit seinem ersten Soloprogramm auf.

Wie wach muss man eigentlich sein in seinem Beruf? "Künstler, die dauernd produzieren, sind immer in einem bestimmten Modus des Erschaffens, da geht es nicht nur mir so – ein Dauerzustand, der Fluch und Segen zugleich bedeutet." Aus den Dingen, die man aufsaugt, von dem, was um einen herum passiert – was läuft in den Nachrichten, was sagen die Freunde, was Fremde? – formen sich dann Monologe und Szenen. "Und so setzt sich am Ende die Welt oder die eigene Bubble zusammen."

Grebes Texte für "Fontane.200" stehen übrigens noch nicht ganz fest (Stand: vier Tage vor der Premiere). Aber so gehe es ihm oft, Dinge entstehen spontan. Ganz so losgelöst von einem System wie bei seinen Soloauftritten mit seinem Markenzeichen, der Indianerkopfschmuck am Klavier, ist es am Theater natürlich nicht. Diesmal sind viel mehr auf der Bühne und alle müssen miteinander harmonieren. "Was alles nicht klappt, bis es klappt, ist unglaublich."

Er schüttelt den Kopf auf die Frage, welche Aufgabe er als Rainald Grebe denn eigentlich für die Gesellschaft habe. Gar keine, ist mit dieser Reaktion wohl gemeint. Und was kann er vermitteln? Wenn es um Kabarettisten geht, solle man wohl unterhaltsam sein und Leute zum Lachen bringen, sagt er trocken. "Für das Genre ist das der Ausweis und das klappt ja meistens, ne …" Klar, sichtbar wird das jedenfalls an seinen ständig ausverkauften Shows.

Der Kaffee ist getrunken, die Zeit läuft. Niemand will einen eiligen Grebe zu lange aufhalten. Und das, obwohl man sich nun nach den vergangenen Minuten durchaus vorstellen kann, wie intensiv und doch auch unbeschwert eine Unterhaltung mit Grebe unter anderen Umständen laufen könnte.

Nun müssen wir doch einmal kurz vor die Tür, für das Foto. Danach ist er entlassen, versprochen. Wir schlendern geradewegs über den breiten Bürgersteig auf die Mittelinsel auf dem Kudamm zu. Dort hat sich der Fotograf in weiser Voraussicht schon ein passendes Motiv überlegt, damit alles möglichst schnell geht.

Dass Grebe sagt, er könne am Ende gut über sich selber lachen, kauft man ihm gerade nicht so richtig gut ab. Kann er im Moment auch gar nicht, nicht heute, zu viel Druck, da gehe ihm der Humor flöten, sagt er. Der kann natürlich auch ganz schnell wiederkommen.

Aber, sagt er, auch sonst könne er, der Mann, der sonst mit weit aufgerissenen Augen im Stakkato-Tonfall auf den Bühnen des Landes die Leute zum Grölen bringt, sehr ernst sein. "Man braucht ohnehin eine gute Grundierung von gewisser Ernsthaftigkeit, sonst finde ich es oft gar nicht witzig."

Noch ein Letztes: Vor Jahren hat er in einem Interview gesagt, dass er Leute, die einen Schaden haben, sympathisch findet. Frage: Was ist seiner? Ich habe viele, antwortet Grebe direkt. "Ich bin mehrfach behindert und hoffe immer, dass es gut läuft und nicht so auffällt." Ist sein Humor vielleicht doch schon zurück?

Er könne ja das meiste nicht, sagt Grebe weiter, und wenn es gut läuft, kommen bei einem Stück wie "Fontane.200" alle mit ihren jeweiligen Behinderungen zusammen, gleichen einander in ihren Mankos aus und gestalten gemeinsam einen schönen Abend.

Na dann, tot toi toi, Herr Grebe. Danke, tschüss und bis bald! Mit deutlich schnellerem Schritt, als er ins Café kam, verschwindet er nun nach einem Wink in der Dunkelheit des Westens in den Osten der Stadt – endlich nach Hause.

Zur Person

Herkunft: Rainald Grebe wurde 1971 in Frechen bei Köln geboren, wo er auch aufwuchs. Sein Vater war Professor für Buchkunde, seine Mutter Englischlehrerin.

Karriere: Nach dem Abitur und dem Zivildienst beschloss er, nach Berlin zu gehen. Von 1993 bis 1997 studierte er Puppenspiel an der Ernst-Busch-Schauspielschule, bevor er 2000 für vier Jahre als Dramaturg, Schauspieler und Regisseur nach Jena ging. Seitdem ist Grebe als Autor, Kabarettist, Liedermacher und Dramaturg tätig. Es entstanden etwa die Varietéshow "Immer wieder Sonntags", Auftritte im "Quatsch Comedy Club" in Hamburg und Arbeiten mit der Berliner Kapelle der Versöhnung. Mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Kind lebt er in Berlin, im Osten der Stadt und pendelt, wenn Zeit ist, in die Uckermark, wo er seit fünf Jahren ein Domizil hat.

"Fontane.200" heißt seine aktuelle Inszenierung an der Schaubühne, die am heutigen Sonntag Premiere feiert und noch bis zum 25. Februar zu sehen ist.

Preise: Grebe wurde unter anderem mit dem Prix Pantheon 2003 sowie mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2006 und 2011 und dem Deutschen Kabarettpreis 2012 ausgezeichnet.

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