Nein, Kinder mag er keine haben. Und wenn er trotzdem danach gefragt wird, antwortet er keck: „Ich hab ja schon eins.“ Und zeigt wie zum Beweis sein Buch „Emil und die Detektive“ vor. „Es ist ein Junge, und der heißt Emil.“ Es ist schon verrückt: Erich Kästner feiert seine größten Erfolge nicht mit seinem gesellschaftskritischen Roman „Fabian“ oder mit seinen bissigen Gedichten, sondern mit einem Kinderbuch. Aber selbst mag er sich nicht mit Kindern abgeben. Söhne aus Papier, meint er, seien dagegen ganz praktisch. Die machen nicht in die Windeln, und um die muss man sich auch nicht ständig kümmern.
Eines Tages aber schreibt ihm ein Knirps. Und steht bald auch vor seiner Tür. Der Siebenjährige gibt sich als glühender Verehrer aus. Und bittet den berühmten Autor, ob er nicht für seine Schülerzeitung etwas schreiben könnte. Der leicht genervte Autor, immerhin steht er in Feinripp-Unterwäsche da und im Bett wartet eine Dame, wimmelt ihn mit einem pazifistischen Gedicht ab. Das ist pädagogisch nicht eben klug, dafür erhält der Junge auf dem Schulhof eine saftige Ohrfeige von einem stramm nationalistischen Lehrkörper. Aber unbeirrt steht der Junge bald wieder vor der Tür.
Schicksale, die leider von zeitloser Aktualität sind
Die Geschichte, die in dem ARD-Film „Kästner und der kleine Dienstag“ erzählt, ist keine Drehbucherfindung. Sie hat sich, so ähnlich zumindest, wirklich zugetragen. Sie ist nur nicht sonderlich bekannt. Dorothee Schön hat sie aufgeschrieben und Wolfgang Murnberger hat sie verfilmt, mit Florian David Fitz als etwas hemdsärmeliger, aber charmanter Kästner, der sein Leben und seinen Ruhm in Saus und Braus genießt, aber keine Bindung oder gar familiäre Verantwortung eingehen will.
Bis er auf jenen Hans-Albrecht Löhr trifft, der doch ein wenig Vatergefühle in ihm weckt. Sie treffen sich öfter, der Junge inspiriert ihn sogar zu den Ideen von „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“, die später Kinderbuchklassiker werden. Als „Emil und die Detektive“ 1931 von der Ufa verfilmt wird, bettelt der Junge , ob er nicht eine kleine Rolle übernehmen dürfte. Und darf dann auch wirklich den „kleinen Dienstag“ spielen, der am Telefon sitzen muss, während alle anderen Kinder mit der „Parole Emil“ auf Räuberjagd gehen. So heißt Hans denn auch fortan bei Kästner und seinen Künstlerfreunden: der kleine Dienstag.

Aber der kleine Dienstag, er wird größer. Und die Zeiten ändern sich. Kästner, der immer vor den Nazis gewarnt und sie bissig verspottet hat, ist plötzlich verfemt, er muss miterleben, wie seine Bücher auf dem Bebelplatz verbrannt werden. Florian David Fitz ergraut und erlischt sichtlich in diesen Momenten. Und muss seinem kleinen Freund raten, seine Nähe zu meiden. Hans (als Kind von Nico Ramon Kleemann, als Jugendlicher dann von Jascha Baum gespielt) aber sammelt nach wie vor alles, was er von Kästner ergattern kann, auch wenn er es gut verstecken muss. Er sucht den väterlichen Freund immer wieder auf, auch wenn die Gestapo vor dessen Haus steht. Wobei die alte „Parole Emil“ plötzlich zu einer Art Geheimcode des Widerstands wird.
Der Junge hält sich an die klaren politischen Vorgaben, die Kästner einst in seiner scharfen Lyrik vorgegeben hat. Er muss den Autor, der sich gänzlich in die innere Emigration zurückzieht, sogar manchmal an seine eigenen Maximen erinnern. Und er lässt ihn auch noch aus dem Krieg heraus grüßen, vor dem Kästner ihn nicht hat bewahren können. Damit ist das Schicksal von Hans, wie die Drehbuchautorin anmerkt, „das von tausenden Kindern im Dritten Reich, die Kästners Bücher geliebt haben, aber nicht das Glück hatten, den Frieden zu erleben, für den der Pazifist Kästner immer geschrieben haben.“

„Kästner und der kleine Dienstag“ beginnt im rauschenden Berlin des Jahres 1929. Das ist ja derzeit schwer in Mode, nicht nur durch die Mammutserie „Babylon Berlin“ von Tom Tykwer, auch durch Prachtbildbände wie „Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger“. Das Einzige, was man Murnbergers Film vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass er zwar da spielt, aber sichtlich nicht dort gedreht ist. Die Dreharbeiten fanden in Wien statt, die wenigen Stadtansichten werden deshalb nie in Totalen gezeigt, aber der echte Bebelplatz war halt doch etwas größer. Auch für andere aufwendige Momente wie die Reichspogromnacht oder eine Schlachtszene war wohl nicht genug Geld da.
Aber das macht nichts. Klug beschränkt sich der Film ganz auf die Geschichte zwischen Kästner und Hans. Die allerdings noch gespiegelt wird in der Geschichte von Kästners Freund Erich Ohser, der im Gegensatz zu Kästner sehr wohl eine Familie gründet, als E.O. Plauen im Dritten Reich berühmt wird für seine Bildergeschichten „Vater und Sohn“, aber dann denunziert wird und sich dem sicheren Todesurteil durch Selbstmord entzieht.

Das erklärt dann schon auch, warum Kästner immer mehr verstummt. Auch wenn er, auf Goebbels’ Geheiß, das Drehbuch zu dem Ufa-Jubiläumsfilm „Münchhausen“ schreiben darf. Natürlich nur unter Pseudonym. Der Fernsehfilm ist damit auch ein ganz eigener, kritischer Beitrag zum Hundertjährigen der Ufa.
Ganz am Ende sind dann sogar Originalaufnahmen zu sehen aus der alten „Emil“-Verfilmung. Und da sieht man ihn dann, den echten „kleinen Dienstag“. An dieser Stelle muss wohl jeder schlucken. Von allen Kinderdarstellern, die damals mitgewirkt haben, haben nur zwei den Krieg überlebt. Hans-Albrecht Löhr war nicht dabei. Dieser Film ist eine Hommage an ihn. Das Buch, das Kästner über die Nazizeit hat schreiben wollen, weshalb er nie aus Berlin weggegangen ist, hat er nie zustande gebracht.
„Kästner und der kleine Dienstag“ ARD, 21.12., 20.15 Uhr





