Regimekritiker

Ai Weiwei: "Wenn du kannst, musst du helfen"

Der Künstler und Regimekritiker Ai WeiWei spricht über seinen ersten Kinofilm, Repressionen in China und sein Außenseitertum in Berlin.

Hat für seinen Film die halbe Welt bereist: Der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem Berliner Atelier

Hat für seinen Film die halbe Welt bereist: Der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem Berliner Atelier

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Seit er in Berlin lebt, ist es etwas stiller um ihn geworden. Nun legt der chinesische Regimekritiker und Konzeptkünstler Ai Weiwei seinen ersten Kinofilm vor. Für "Human Flow", der auf dem Filmfestival in Venedig lief und am 16. November ins Kino kommt, ist der UdK-Professor durch 23 Länder gereist, hat überall Geflüchtete porträtiert: vom Libanon über Bangladesh und Israel bis Mexiko, auch im Flughafen Tempelhof wurde gedreht. Wir haben den Künstler in seinem unterirdischen Atelier am Pfefferberg getroffen.

Sie leben jetzt seit zwei Jahren in Berlin. Ist die Stadt ein Zuhause für Sie?

Ai Weiwei: Was ist überhaupt ein Zuhause? Ein Ort, an dem man sich sicher fühlt, wo man frei ist. Ich werde Zeit meines Lebens keinen Ort haben, an dem ich mich Zuhause fühle. Auch China, wo ich 40 Jahre gelebt habe, nicht. Ich wurde bestraft, zu Unrecht angeklagt und ins Gefängnis gesteckt. In Deutschland wurde ich großzügig empfangen, man gab mir einen Professorentitel, aber ich spreche kein Deutsch, bin kein Berliner. Ich bin hierher ausgestoßen worden. Es ist sicher, komfortabel und gut. Aber trotzdem kann ich es nicht Zuhause nennen.

Wenn Sie an China denken, wie viel Druck spüren Sie da noch? Denken Sie darüber nach, wie gefährlich es für Sie ist, bevor sie etwas sagen oder tun?

China schränkt mich nicht ein, ich habe keine Angst. Doch die Gefahr ist stärker, die Situation ist angespannt. Zwei meiner Anwählte sind gerade im Gefängnis. Die Strategie der Politik ist simpel: keine weitere Stimme zulassen, jede Stimme zu unterdrücken. Egal, was sie sagt. Ich lebe dort nicht mehr, nicht weil ich Angst habe, sondern weil ich das Land nicht allein verändern kann. Ich würde mich dort bloß opfern. Denn ich wäre im Gefängnis, wo meine Stimme nie gehört würde. Und hier braucht mich mein achtjähriger Sohn. Es wäre nicht fair, ihn nach Deutschland zu bringen und dann nicht für ihn da zu sein

Wir können Ihren Sohn auch im Film sehen, er hat Sie auf manchen Reisen begleitet. Wie haben Sie ihm erklärt, was er sieht?

Das war sehr hart. Ich habe ihm gesagt, dass wir Urlaub in Lesbos machen. Als wir dann genau vor uns ein Flüchtlingsboot sahen, waren wir erschrocken. Also haben wir entschieden, länger zu bleiben. Wir haben dann Silvester im Flüchtlingscamp verbracht, haben Menschen ohne Licht in nassen Zelten sitzen sehen. Also haben wir Hunderte Taschenlampen mitgebracht, um ihnen wenigstens Licht zu schenken. Ich hoffe, dass hat Eindrücke bei meinem Sohn gemacht. Als ich sehr klein war, trafen meine Mutter und ich eine Obdachlose mit ihrem Sohn und meine Mutter hat mich gebeten, meine Winterjacke auszuziehen und dem Jungen zu geben. Ich habe es nicht vergessen: Wenn du kannst, musst du helfen.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Situation in China bessert?

Ja. Wenn man seinen Bürgern nie traut und keine unabhängige Presse akzeptiert, herrschen Korruption und Machtkämpfe. Damit kann man dem internationalen Wettbewerb nicht begegnen. Wie soll China ein kreatives Land werden? China macht Profit, weil es unter billigen Arbeitsbedingungen produziert. Aber das wird ein Ende haben, die Menschen werden mehr einfordern.

Fühlen Sie sich noch als Teil der Opposition?

Nein, denn es gibt dort keine echte Opposition. Keine oppositionelle Partei, keine Organisation, NGOs existieren nicht. Ich war bloß eine individuelle Stimme. Und ich kann in China nichts mehr posten, mein Name taucht nirgendwo im Internet auf. Man verschwindet aus der Öffentlichkeit. Das ist traurig. Sogar in der Türkei und Russland gibt es eine Opposition, nur nicht in Nordkorea und China.

Ist das der Grund, warum Sie diesen Film gemacht haben? Aus Verbundenheit mit dem Schicksal der Geflüchteten?

Ja. Ich fühle mich mit den Menschen verbunden, die ihr Zuhause verloren und alles aufgegeben haben, die nur ihre Kinder an die Hand nahmen und sagen: 'Lasst uns alles vergessen.' Es ist keine einfache Entscheidung, in ein anderes Land zu gehen, das eine andere Religion hat, eine andere Sprache. Und wenn dich die Menschen in diesem Land dann noch als kriminell ansehen oder als nutzlos, als Bürde, das ist nicht leicht.

Für die Dreharbeiten haben Sie Geflüchtete in Camps besucht und frierend an den Grenzen. Sie haben sich früher immer als Optimisten bezeichnet. Jetzt auch noch?

Ich bin immer noch optimistisch. Denn wenn du den Kindern auf der Flucht in die Augen schaust, dann siehst du, was sie wollen: Sie wollen glücklich sein, sicher sein und Bildung. Sie sind mutig. Man sieht sie fast nie weinen. Gleichzeitig kann man sehen, dass sie nie die Chance haben werden zu studieren. Jedes dieser Kinder verbringt Jahre in Flüchtlingscamps, da gibt es kaum Schule. Es ist eine verschwendete Generation.

Und trotzdem sind Sie optimistisch, dass man diesen Kindern noch eine Zukunft ermöglichen kann?

Wir haben Ressourcen, Moralprinzipien und Werte entwickelt, die eigentlich genug Raum geben, um die Flüchtlingskrise zu lösen. Aber es sind zu viele Menschen uninformiert über die Zustände der Geflüchteten, oder sie sind egoistisch. Aber solange jemand kämpft und hilft, ist der Kampf nicht verloren.

Und Sie denken, dass es Ihr Film das leisten kann, diese Menschen zu informieren? Und Ihre Meinung zu ändern?

Ein Film kann nicht die Meinung aller ändern. Aber der Dreh hat meine Meinung geändert und meine Perspektive, auch auf die europäische Situation. Und es muss doch nur ein Mensch den Film sehen, dessen Meinung der Film auch ändert, so wie bei mir. Deswegen mache ich mir diese Mühe, weil ich hoffe, dass sich die Welt noch ändert.

Sie sind selbst häufig im Film zu sehen. Sie reichen Tee und Alu-Jacken, schneiden Haare. Einige bemängeln, dass der Film zu einer Ego-Show geworden ist.

Das hat die deutsche Presse geschrieben. Amerikaner lieben den Film, gerade wegen des persönlichen Moments. Alle verstehen das, bloß die Deutschen nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, warum. Als Künstler kannst du natürlich in eigenen Projekten sichtbar sein. Aber Deutsche attackieren einfach immer die Personalität. Ich denke, das ist kein intelligenter Weg, über diesen Film zu urteilen.

Tut Ihnen das weh?

Nein. Ich war in schlimmeren Situationen. Wenn das Gefängnis mir nicht wehtun kann, kann mir auch diese Kritik nicht weh tun. Berlin ist ein so schöner Ort, niemand kann mich hier verletzen. Kritik ist gesund, aber sie muss sich mit echten Problemen beschäftigen, statt zu urteilen, dass ich mich mit dem Film profiliere. Warum sollte ich das in dieser traurigen Situation tun? Dass ich in dem Film bin, zeigt meine Involviertheit. Denn ich sorge mich um die Menschen. Und es hilft mir ihre Situation zu verstehen. Wir hatten eine lange Diskussion mit dem Cutter darüber, er hat mich schließlich überzeugt. Er hat gesagt, viele, die den Film sehen, identifizieren sich mit mir. Und das stimmt.

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