Manchmal kann es vorkommen, dass man Ai Weiwei in einem der asiatischen Suppenläden in Prenzlauer Berg beim Löffeln entdeckt, oder wenn er mit seinem Sohn unterwegs ist, der in Berlin in die Schule geht und fleißig Deutsch lernt. Man erkennt Ai Weiwei recht schnell an seiner stämmigen Figur mit dem Leinen-Outfit. Vor einigen Tagen schaute sich Deutschlands berühmtester Chinese im Museum für Fotografie die Ausstellung „Arbeiten in Geschichte“ an. Dort geht es um die Kulturrevolution, und wie junge Fotografen auf diese Vergangenheit reagieren. Er kennt einige der Künstler, einer davon ist sein Nachbar in Peking. Am Pfefferberg unterhält er ein großes, unterirdisches Atelier, umgeben von einem Team, das ihn bei den Ausstellungsvorbereitungen hilft, ihn abschirmt von der Öffentlichkeit. Wenn er als Gastprofessor bei seinen Studenten an der UdK ist, will er schließlich kein Publikum. Er ist ein Eigenbrötler, und manchmal reicht es eben. Oft ist er auch unterwegs für seine Kunst, rund die Hälfte des Jahres. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag.
Europa wird von ihm auf Herz und Nieren untersucht
Richtig ruhig wird der Ehrentag für ihn nicht werden, am Freitag wird er bei den Filmfestspielen in Venedig seine neue Dokumentation im Wettbewerb vorstellen. „Human Flow“ beschäftigt sich mit der weltweiten Flüchtlingskrise und -politik: 140 Minuten lang, in zehn Sprachen, darunter Arabisch und Farsi. Neu ist, dass ein bildender Künstler im Wettbewerb vertreten ist. Für Ai Weiwei ist es der erste Film dieses abendfüllenden Formates. Einige Szenen drehte er in den Hangars am Flughafen Tempelhof, die als Notunterkunft für Flüchtlinge dienen. Die Menschenrechtssituation und Umweltzerstörung in China – das waren die Themen in seinem kommunistischen Heimatland. Jetzt ist er im Westen und nun ist Europa dran, wird politisch auf Herzen und Nieren untersucht. Das mögen nicht alle. Die Flüchtlingskrise ist sein neues Herzensthema. Seine Solidarität gilt den Heimatlosen.
Dabei agiert er nicht immer glücklich, es ist weniger Kunst als Aktivismus. Er stellt ein Foto nach, das um die Welt geht: die am Strand von Bodrum angespülte Leiche des dreijährigen Aylan. Das Bild des toten Kleinen kursierte tagelang im Netz, Zeitungen weltweit druckten es auf ihren Titelseiten. Es löste eine Debatte aus über die Frage, ob es zu schrecklich sei, um es zu zeigen. Auch in Berlin nutzt der Künstler seine Prominenz, um an das Schicksal von Flüchtlingen zu erinnern. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt umhüllte er mit einer Installation aus gebrauchten Schwimmwesten. Sehr plakativ, aber genau das ist seine Absicht. Ein Mahnmal für jene Menschen, die auf dem Weg nach Europa ihr Leben verloren haben. 14.000 dieser Westen bekam Ai Weiwei von den Behörden der Insel Lesbos. Dort wurden Tausende Schwimmwesten angespült oder blieben am Strand liegen.
Ai Weiwei wird in Berlin gefeiert wie ein Superstar
Als Ai Weiwei 2015 nach Berlin kommt, nach längerem Arrest und einem fürchterlichen Gefängnisaufenthalt, wird er in der Stadt gefeiert wie ein Superstar. Der Bürgermeister empfängt ihn im Rathaus, schenkt ihm ein Hertha-T-Shirt. Das Bild twittert Ai Weiwei in die Welt hinaus. Angela Merkel hatte sich persönlich für seine Freilassung eingesetzt, Prominente sammelten Unterschriften für seine Freilassung. Bereits 2013 darf er Deutschland in Venedig vertreten. Ai Weiwei lässt einen Turm mit knapp 900 Stühlen wackeln – sein Beitrag für die Kunst-Biennale. Ein Jahr später sehen wir wieder jede Menge Holzschemel. Mit „Evidence“ zeigt der Martin-Gropius-Bau Ai Weiweis weltweit größte Einzelausstellung. Zur Eröffnung darf Ai Weiwei nicht kommen, die Funktionäre verweigern ihm den Reisepass.
Doch nur wenige Wochen nach seiner Ankunft in Berlin, ist alles irgendwie anders. Der Chinese fremdelt, die Berliner erkennen in ihm nicht den Ai, den sie aus China und den Medien zu kennen glauben. Das Bild stimmt nicht mehr. Was ist mit ihm passiert? Er sitzt auf Podien, antwortet einsilbig und eher gelangweilt.
Er gibt Interviews, sagte darin Sätze wie „Festgenommen zu werden, ist doch gar kein Problem“. Worte, die kein Deutscher zu deuten weiß, weil er plötzlich das chinesische Regime zu schützen scheint. Es hagelt Kritik. Ai Weiwei reagiert empfindlich, vermeidet seitdem große Interviews. In Venedig will er diese Woche wieder einige geben. Danach in Berlin. Vielleicht gibt es noch ein Happy End.


