Meine erste Begegnung mit dem Autor Maxim Biller kam vor Jahren über einen Artikel in der „FAS“ zum Thema Knut. Der Berliner Eisbär war damals noch süß und klein wie ein flauschiger Schneeball und Tausende, bereit für eine unschuldige Verzückung, pilgerten tagtäglich zu seinem Zwinger im Zoologischen Garten. Nur einer hatte an einem dieser Tage schlechte Laune. Und das war Biller.
Während des Gangs zum Eisbär-Gehege mit seiner Tochter Zelda bekommt der jüdische Schriftsteller „Deportationsfantasien“ und sein Urteil zum Baby-Eisbären lautet, Knut sei ein „unselbständiger kleiner Idiot“. Als Leser fand ich das unerhört. Darf man in einer Sonntagszeitung, die ja bekanntlich auf dem Frühstückstisch der deutschen Familie liegt, so schreiben? Warum darf der so vulgär urteilen, wie ich es in meinen kühnsten Jung-Redakteurstagen nicht abzugeben gewagt hätte? Wo war sie hin, die gebotene Höflichkeit, die Distanz? Der journalistische Pathos.
So begann ich mich einzulesen in die Causa Biller. Ein Intellektueller, der als Autor in Zeiten des Gonzo-Journalismus seinen Weg zum damaligen Lifestyle-Zentralorgan, dem Magazin „Tempo“, fand. Gerade sind Maxim Billers komplette Kolumnen „100 Zeilen Hass“ in einem Sammelband herausgekommen. Von 1987 bis 1996 erschienen sie bei Tempo. Danach wurde Billers geballter Hass bis 1999 im Zeit-Magazin fortgesetzt.
100 Zeilen Hass, das klingt für den Autor jedes Mal wie eine Herausforderung, für den Leser wie ein Versprechen. Doch wie man liest, hatte Biller schon ab Kolumne eins seine Taktik raus. Das heißt nicht ganz. Anfangs geht Biller dem „Opfer“ seiner Hundert Zeilen sofort an die Wäsche. Ein Todesbiss, fertig. Mickey Rourke ist ein Arschfisch. Kurt Waldheim ist hässlich wie die Nacht. Marion Gräfin Dönhoff von der „Zeit“ soll ihren „ehrwürdigen Hintern aus unserer Presselandschaft bewegen“.
In späteren Kolumnen findet der Autor Gefallen am Kreisen um das Sujet. Dann geht es um die deutsche Weihnacht, Gerhard Schröder und den gehassten Ferdinand von Schirach. Hass ist die einzige Triebfeder mit Eleganz. Und Biller kann noch mehr. Sein Hass ist klug, pointiert und vernichtend.
Nun die schlechte Nachricht für den hassenden Biller. Liest man alle Kolumnen am Stück, stellt sich ein fröhlicher Lesegenuss ein. Eine Art gute Laune. Dieselbe vielleicht, als wenn man eine gute Komödie im Kino sieht. So schneidend und zerstörerisch Worte sein können, so viel verraten sie auch über einen Autor, der nie ganz ohne schwarzen oder echten Humor auskommt. Wer so leidenschaftlich hasst, kann nicht ohne Freude sein. Und wer Freude empfindet, der liebt nun mal das Leben.
Maxim Biller, Hundert zeilen Hass. Tempo Verlag, 400 Seiten, 25 Euro


