Die Schriftstellerin Judith Hermann ist in Neukölln aufgewachsen. Die Familie lebte zu fünft in einer Vier-Zimmer-Wohnung, ein paar Straßen weiter „gab es den Kanal, dann die Elsenstraße, dann kam die Mauer, und dahinter begann Ost-Berlin“. Als die vertraute Mauer fiel, wohnte sie in Kreuzberg und kellnerte in Prenzlauer Berg. Es begann die Zeit, als zwei verschiedene Städte wie durch einen verrückten Zufall plötzlich nur wenige U-Bahnstationen voneinander entfernt waren. „Ich habe das sehr genossen – das Gefühl von zwei Identitäten, zwei Leben in einem.“

Comiczeichner Olaf Schwarzbach, besser bekannt unter seinem Kürzel OL, ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Er wäre auch in der DDR geblieben, hätte nicht bei einer Hausdurchsuchung der Staatssicherheit einige seiner Comics missfallen. Er entschied sich im August 1989 für die Flucht und verfolgte in München wenige Monate eher ungläubig das Geschehen: „Ich saß gerade mit einer dicken Backe und ziemlichen Schmerzen vor dem Fernseher, weil sie mir am selben Tag den Weisheitszahn gezogen hatten, sah diese ganzen Ossis, wie sie an der Bornholmer Straße über die Grenze kamen, und dachte nur – auch das noch.“ Kurz danach zog er, wenn auch mit einigem Widerwillen, zurück nach Berlin und erlebte die kurze Phase der Anarchie in Mitte. „Überall wurden in irgendwelchen Kellern Clubs aufgemacht, meistens von Westlern, die Ostler haben zugeguckt.“ Für die aus dem Westen „war es natürlich ein super Spielplatz“.

„Im Tacheles saßen Typen in Flokatiwesten am Lagerfeuer“

Musikerin und Schriftstellerin Christiane Rösinger zog 1985 nach Berlin. Hier gründete sie die Lassie Singers und erfreute sich in Kreuzberg 36 zu leben, im Schatten der Mauer, gut vertraut mit den Exzessen der Subkultur. Ein Mauerfall allein war nicht Grund genug das Leben zu ändern. „Mir kam das alles so old school vor. Ich bin 91 oder 92 rum mal zum Tacheles gegangen, da saßen Typen in Flokatiwesten im Kreis ums Lagerfeuer und haben Rotwein aus der Flasche getrunken und an Schrottskulpturen herumgeschweißt.“

Judith Hermann, Olaf Schwarzbach und Christiane Rösinger sind drei der Autoren des Sammelbandes „Berlin – Heartbeats. Stories from the wild years 1990 present“. Es sind, nimmt man noch den Artikel von Frank Castorf hinzu, die lesenswertesten Beiträge in diesem Buch. Geschrieben haben noch viele mehr. Sasha Waltz, die 1993 die Tanzkompanie Sasha Waltz & Guests gründete, Dimitri Hegemann, Gründer des Techno-Clubs „Tresor“, Klaus Biesenbach, der die „Kunst-Werke“ in der Augustraße eröffnete und heute ein Chefkurator im Museum of Modern Art in New York ist. Wer als Herausgeber viel Wert auf prominente Namen legt, kann nicht erwarten, dass die Inhalte mithalten. Manche Beiträge lesen sich wie ausformulierte Lebensläufe, die ihren kleinen Ich-Kosmos nicht verlassen. Aber auch so etwas kann entlarvend sein.

Interessant an diesem Buch ist auf jeden Fall, dass nachdem vor ein paar Wimpernschlägen eine große Welle an Büchern und Filmen über die düsteren, aufregenden 80er-Jahre in Berlin auf den Markt kamen, nun die Rückblicke auf die strahlenden, schon wieder aufregenden 90er-Jahre dran sind. Selbst die Erinnerung an Sehnsuchtszeiten beschleunigt sich. Für Schriftstellerin Sibylle Berg konnte man damals „die Welt besser vermeiden, als noch nicht jede Sekunde neue Nachrichten verfügbar waren. Die 90er waren die letzte Zeit, in der man noch an etwas Gutes glauben konnte.“ Sibylle Berg hatte das Lebensgefühl dieser Zeit auf „Spiegel Online“ formuliert, in „Heartbeats“ versucht sich Journalist Niklas Maak. Im Vorwort verwehrt er sich gegen jede Form der Nostalgie: „Es heißt immer dieser Tage der Leere, die Offenheit, die Nächte, das Improvisierte, Nomadische, alles sei weg, und natürlich ist das Unsinn. Vielleicht stimmt es für die, die älter geworden und in den Vororten mit Einfamilienhaus und Großraumlimousine gelandet sind.“ Die Stadt, so wie sie einmal war, gebe es noch immer, wenngleich nicht mehr im Zentrum, sondern in Neukölln und Wedding.

Vielleicht mag das stimmen, wenn man versucht das Lebensgefühl einer Stadt mit einem Zollstock für leer stehende Flächen zu ergründen. Doch das Außergewöhnliche dieser Zeit erschließt sich damit nicht. Es war nicht nur, dass es einmalig war, unmittelbar nach einem Mauerfall in Berlin zu leben, sondern dass man selber wusste, dass es eine historisch unvergleichbare Zeitspanne war. Gefühlt war alles möglich, die vertrauten Ordnungen galten nicht mehr. Nie zuvor war das Leben gegenwärtiger, weil die Erfahrungen keine Rückschlüsse auf die Zukunft zuließen. Der Bruch mit der Vergangenheit, darauf weist Judith Hermann hin, war keine ostspezifische Erfahrung: „Mein West-Berlin ist auch von der Landkarte gelöscht worden, auch das gab es nicht mehr.“

Frank Castorf, Jahrgang 1951, weiß als Ältester in diesem Sammelband den größten Bogen zu schlagen. Er war es „gewohnt, in dieser geteilten Stadt zu leben – die Heimat war Prenzlauer Berg –, aber regelmäßig das verruchte West-Berlin zu sehen, mit den Alliierten, mit den ganzen Amerikanismus, der mir damals schon als die große Freiheit erschien, vom Kaugummi bis zur Currywurst, war ein Geschenk. Der 13. August, das war ein Schlag in die Fresse .“ 1992 wurde er Intendant der Volksbühne, seine Arbeiten als Regisseur waren radikal, eine Tortur, mit diabolischer Freude am Konflikt. Hier wusste einer, was er wollte. Und nicht die Marktforschung. Oder eine Förderstelle für partizipative und kollaborative Projekte. „Kunst kommt aus dem Dreck, aus dem Widerstand und nicht aus der Übereinstimmung“, so Frank Castorf. Voll „old school“, schon klar. Man vermisst sie trotzdem.