Der Kalte Krieg ist in der Wirklichkeit zurück, zumindest für die Literatur ist das eine ganz gute Nachricht. Kat Kaufmann hat in ihrem neuen Roman „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ eine Art Paralleluniversum daraus entwickelt. Wir schreiben das Jahr 2017. Die Geschichte spielt zunächst in einem reichlich bekannten Berlin, das dem Block „Ameropa“ angehört, der gegen „Russasia“ aufgestellt ist, zwischen denen es im Laufe des Romans auch zu einem echten, altmodischen Krieg mit Bomben, Panzern und Bodentruppen kommen wird.
Schlechtes Timing für Jonas, den Wirtschaftsmathematikstudenten, der so gern Malerei studiert hätte, allein die Eltern wollten das nicht. Jetzt steht er nach sechs Semestern kurz vor dem endgültigen universitären Scheitern, kriegt nichts so richtig auf die Reihe und wird deshalb erst mal voll auf Identitätssuche gehen.
An seinem 25. Geburtstag bricht Jonas mit Eltern und Freundin, zündet seine Wohnung an und beginnt die Reise zu seinen Wurzeln oder dem, was er dafür hält. Jonas hat zufällig und von der Mutter unbeabsichtigt erfahren, dass sein Vater nicht sein biologischer Erzeuger ist. Als er vom sterbenden Großvater Ernst, der im Zweiten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft war, 5000 Euro und einen Zettel bekommt, auf dem steht: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin“, ist im Ich-Universum des Twentysomething als Arbeitsthese klar, dass es um seinen Vater geht.
Russische Wurzeln und Kalter Krieg, das ist eine herausfordernde Paarung, weil es Reisefreiheit gen Osten nicht mehr gibt. Jonas taucht ins Nachtleben ein, lernt in einer einschlägigen Bar die russischstämmigen Jungs Stas und Juri kennen und versucht mit deren Hilfe, an Reisepapiere zu gelangen. Während Jonas einem als planloses, fleischgewordenes Egozentrum schon bald auf die Nerven geht, kann Kat Kaufmann ihre Leser mit Stas und Juri trotz aller Stereotypen schnell für sich gewinnen. Sie sind die Gauner mit Herz, die, die es wirklich nicht einfach im Leben hatten, die durch Migration oder elterliche Ambition ein bisschen auf der Strecke geblieben sind, dafür aber einen moralischen Kompass haben und eine Menge mehr vom Leben verstehen.
Stas’ Mutter, eine russische Jüdin, ist per Heirat nach Deutschland gekommen, hängt seitdem in einer überaus traurigen Partnerschaft mit dem König der TV-Fernbedienung Hubert fest und bereut, dass sie nicht etwas länger gewartet hatte, weil kurze Zeit später die Migration nach Deutschland als sogenannte Kontingentflüchtlinge auch so möglich gewesen wäre. „Jetzt sitzt Svetlana also auf der Couch hinter Hubert und starrt ihm auf die Glatze. Er weiter in die Glotze.“ Denn auch Hubert fühlt sich betrogen, weil er damals der „fülligen Schönheit“ erlegen ist, die mit Kind und Großeltern in seine Wohnung eingefallen ist. „Seitdem, welchem Gott auch immer zum Gefallen, lebten sie mal links, mal rechts vorbei am Glück, aber das immerhin schon fast dreißig Jahre.“
Stas selbst verfolgt ein Traum von seiner Einschulung in Deutschland, in dem sich das intelligente Kind vorstellt, ohne Zunge dazustehen, und es nur „kehlige Geräusche“ hervorbringen kann. Das Trauma bleibt über das Erlernen der deutschen Sprache und über die Kindheit bis ins Erwachsenenleben hinaus bestehen, und die ganze Klasse lacht. Denn Stas ist eben auch „The Brain“, der vom Mathematiklehrer als „Spatzenhirn“ geoutet wird und sich mit den Fäusten zu verteidigen lernt.
Juri dagegen stammt aus wohlhabenderem Haus, sollte nach Wunsch der Mutter Geigenvirtuose werden, ist homosexuell und nach Missbrauch durch den Musiklehrer nicht auf der vorgeschriebenen Spur geblieben. Die Geige ist nur noch für das Pfandhaus zu gebrauchen, er firmiert seit seiner Jugend als persönlichkeitsgestört. Als Zeichen ihrer Freundschaft haben sich Juri und Stas auf den Fingern statt des üblichen „love“ und „hate“ „schm ock“ und „schni del“ mit jeweiligen Davidsternen darüber tätowiert.
Die in Sankt Petersburg geborene Kat Kaufmann ist Anfang der 90er-Jahre mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen und hat ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft in Sachsen-Anhalt gelebt Für ihren Roman „Superposition“ bekam Kaufmann 2015 den „aspekte“-Literaturpreis für das beste Debüt. Sie lebt in Berlin, ist nach einem Studium an der Filmhochschule Potsdam auch als Komponistin und Fotografin tätig und wendet sich nun in ihrem zweiten Roman erneut der Identität russischstämmiger Zuwanderer in Deutschland zu, diesmal allerdings mit deutlich düsterem Humor.
Als „Roadnovel“ vom Verlag verkauft, erinnert der Roman tatsächlich an einige Roadmovies, mit den ausreichend verpeilten, liebenswerten Typen, die kleine Mädchen retten und große böse Männer töten.
Stas und Juri schmuggeln Jonas schließlich nach Russland ein, wo sich der Spurensuchende in eine Frau verliebt, die unschuldig wegen krimineller Angehöriger aus Deutschland abgeschoben worden ist. Auch hier kommt es zu chaotischen Nachtclubkämpfen und einer Reihe absurder Situationen, bis Jonas schließlich Valerij Butzukin findet und sich den haarsträubenden Konsequenzen der Sprachlosigkeit zwischen dem Russen und dem Deutschen ergibt.
In der großen, weiten Welt außerhalb Moskaus bricht derweil der echte Krieg aus, und auf der Flucht treffen die Freunde in den Wäldern auf im Internet formierte Selbstmordbrigaden, die sich als Politsöldner zur Verfügung stellen, während Kat Kaufmann in Rückblenden den Roman noch einmal völlig auf den Kopf stellt.
Am Ende ist die Geschichte, wie viele Roadmovies, ein bisschen dünn, ist sie an einigen Stellen nicht wirklich überzeugend, sind es ein, zwei Stereotype des Chaotischen zu viel. Trotzdem hat Kaufmann einen intelligenten Roman mit erkennbarer Freude an Boshaftigkeiten geschrieben.
Lesung am 23.5., 19.30 Uhr, in der Buchhandlung Uslar und Rai, Schönhauser Allee 43,
Moderation:
Moritz von Uslar

