Der Druck ist spürbar. Chris Dercon hat einen Stapel weißer Notizblätter in der Hand, die so aussehen, als hätte er sie einige Tage mit sich herumgetragen und darin herumgebessert. In den Pausen, in denen er nicht spricht, fächelt er sich Luft damit zu. Mit seinem Charme, mit dem er sonst viele auf seine Seite bringt, probiert er es an diesem Dienstagmittag gar nicht erst. Die Luft ist dünn im ehemaligen Restaurant des Flughafens Tempelhof. Hierhin haben Chris Dercon und sein Team eingeladen, um das Programm 2017/18 für die Volksbühne, das „Stadttheater ohne Grenzen“ vorzustellen.

„Endlich müssen wir nicht mehr über mich reden“, sagt er. Sein Programm, für das er sich viel Zeit gelassen hat, ist die Messlatte für seinen Erfolg in Berlin. So viele Anfeindungen gegen einen Theatermann, der aus der Kunst kommt, gab es in Berlin noch nie. Verständlich, dass Dercon an diesem Dienstagmittag in permanenter Abwehrhaltung ist.

Eine der wichtigsten Nachrichten kommt erst nach 85 Minuten der Vorschau, gespickt mit Tanz und anderen digitalen und Kino-Projekten. Da fragt eine Frau: „Gibt es bei Ihnen auch Schauspieler?“ Also: Es wird kein Ensemble mehr geben an der Volksbühne, damit auch kein Repertoire. Das heißt: Castorfs Volksbühne ist tot. Aktuell sind von 27 Ensemblestellen elf besetzt. Von diesen elf werden drei weiter dort arbeiten: Sir John Henry, Silvia Rieger und Sophie Rois, eine Castorf-Heroine, die aber erst einmal Gastierurlaub hat.

Volksbühne Berlin nennt sich künftig die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Wir müssen ein Ensemble und ein Repertoire aufbauen – das ist die große Aufgabe für die ersten zwei Jahre“, sagt Dercon. Ganz viel Zeit sei verloren gegangen durch die Diskussion um Dercon, schiebt Programmdirektorin Marietta Piekenbrock nach. „So hatten wir keine stabilen Argumente, die Schauspieler nach Berlin zu holen.“ Mit Christian Morin als Musikkurator bleibt ein Hauch der Castorf-Ära.

Die andere Nachricht: Volksbühne Berlin nennt sich die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz künftig. Damit will Dercon unterstreichen, dass er neben dem Stammhaus und den Salons „weitere Orte im Stadtraum“ erobern will, wie angekündigt Flächen des ehemaligen Flughafens Tempelhof, das Kino Babylon ist dabei, die Fullscreen, das digitale Labor der Volksbühne, und ab 2019 wird der Prater wieder bespielt.

Und nun das Programm: Bis Ende Januar sind 16 Premieren geplant, darunter 13 Eigenproduktionen. Für den Saisonstart am 10. September geht Dercon auf den stillgelegten Flughafen. Bis Sommer sollen die Flüchtlinge dort ausgezogen sein. Der französische Choreograf Boris Charmatz lädt dann ganz Berlin zum Tanzen ein. Charmatz ist in der Stadt kein Unbekannter, er tanzte bereits beim „Tanz im August“ und im Hebbel-Theater.

Vom Keller bis auf die Bühne: Beckett an drei Tagen

Es ist der Auftakt zu einer vierwöchigen Premierenserie mit 15 Vorstellungen an diesem Ort. Dazu gehört die Uraufführung von „Iphigenie“ (30. September) von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada. Syrische Flüchtlingsfrauen wurden dafür gecastet. Eine Woche später wird die britische Rockerin Kate Tempest mit „Let Them Eat Chaos“ den alten Airport rocken.

Ein programmatischer Gemischtwarenladen, spartenübergreifend, ohne große Schauspielernamen und Regisseure. Dercons Begründung für seinen locker erweiterten Theaterbegriff: „Ich wünsche mir die Volksbühne als einen öffentlichen, durchlässigen Ort, der Raum lässt für ganz verschiedene Formen von darstellender Kunst, wo Disziplinen aufeinander reagieren und interagieren können.“ Marietta Piekenbrock kommt dabei ins Philosophieren: „Was unser Programm versammelt, ist das, was wir lieben, wovon wir träumen, was uns befremdet, was uns magisch anzieht, was wir mit Begriffen nicht zu fassen kriegen, was uns wichtig ist und was wir für wichtig halten.“

Zur Eröffnung am Rosa-Luxemburg-Platz (10. November) präsentiert die Volksbühne über drei Tage lang Einakter von Samuel Beckett – aber nicht als Klassiker, sondern zusammen mit immateriellen Performances von Tino Sehgal, der damit schon Museen bespielt hat. Das ganze Haus vom Keller bis zur Bühne soll dabei „als Architektur“ aufgeklappt werden. Weiter geht es mit Susanne Kennedys „Women in Trouble“ (30. November). Um das Sterben geht es dort und was man daraus lernen kann. In „Fever Room“ (ab 7. Dezember) mixt der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul („Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“) Kino mit Theater. Das breite Publikum brauche sinnliche Erfahrung, sagt Chris Dercon irgendwann. Mal sehen, ob das auch so ankommt.

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