Chris Dercon, der neue Intendant der Volksbühne, stellt am heutigen Dienstag sein erstes Theaterprogramm für die Saison 2017/18 vor. Der Termin ist lang erwartet worden – von Freunden wie Feinden. Wie immer ist viel Symbolik im Spiel. Dercon empfängt im ehemaligen Restaurant des Flughafens Tempelhof, denn er ist nicht nur zum Chef der Volksbühne, sondern durch die Berliner Politik auch zum Chef über Hangar 5 berufen worden. Dort soll es künftig irgendwie Theater und Erquickliches geben. Im Stammhaus wartet derweil Frank Castorfs Altmannschaft, bis sie das Haus an Dercons Truppe besenrein zu übergeben hat. Unklarheit herrscht derzeit über das Wahrzeichen vor dem Haus: Das Räuberrad steht für die Ära von Frank Castorf und soll – so die Stimmungslage – bloß nicht in Dercons Hände fallen.

Eine Räuberpistole zum Abschluss der Castorf-Ära

Es ist eine weitere Räuberpistole rund um den Chefwechsel. Die Idee zur Rad-Skulptur stammte von Bert Neumann, dem 2015 verstorbenen legendären Bühnenbildner. Er hatte das laufende Rad 1990 für die Castorf’sche „Räuber“-Inszenierung entworfen. Vier Jahre später wurde die vom Schweizer Designer Rainer Haußmann gebaute Plastik auf der Grünfläche vor dem Theater aufgestellt. Seither gehört sie zur Marke Castorf. Als Logo ist das Laufrad auch auf Programmheften oder Streichholzschachteln zu sehen. Castorf wollte die Plastik – so ist aus dem Haus zu hören – nach Frankreich rollen und dort öffentlich zu Grabe tragen lassen. Das Finale einer Ära. Aber da gibt es noch die Neumann-Erbengemeinschaft, die mithilfe eines Anwaltbüros für den Verbleib am Platz kämpft. Designer Rainer Haußmann hat als Rechteinhaber hingegen den Abbau beschlossen.

Chris Dercon meint ausweichend, die Mitarbeiter sollten entscheiden, was damit wird. Die Mehrheit wolle den Erhalt, ist im Haus zu hören. Aber letztlich hat das keiner an der Volksbühne zu entscheiden, denn der Gaunerzinken ist öffentliches Eigentum und gehört dem Land Berlin. Die Entscheidung bleibt an Kultursenator Klaus Leder (Linke) hängen, wie er das Knäuel möglichst geräuschlos löst. Offiziell teilt sein Büro am Montag mit, dass der Senator nicht entscheidet, was mit der Plastik passiert. „Klar ist, es laufen gegenwärtig ,Suchprozesse‘, aus denen sich Herr Lederer heraushält, solange alles nach Recht und Gesetz zugeht.“ Das klingt ungewollt gefährlich.

Der Kultursenator tut sich schon schwer mit der Personalie Dercon. Im Wahlkampf hatte sich Lederer demonstrativ auf die Seite von Altintendant Frank Castorf und seiner Mitstreiter gestellt. Gleich nach seiner Benennung zum Kultursenator erklärte er öffentlich, alles noch einmal zu überprüfen. Das hat mächtige Wellen geschlagen. Schließlich trafen sich der Senator und der designierte Intendant. Das Ergebnis war eindeutig. „Wir haben uns geeinigt, uns nicht zu einigen“, hieß es diplomatisch kühl. Man mag sich offenbar nicht sonderlich, der Senator hält aber an dem bereits geschlossenen Intendanten-Vertrag fest und will darüber hinaus möglichst wenig mit Dercon zu tun haben.

Dabei ist der Name Dercon längst populär in Berlin, obwohl der Intendant in seinem Job noch gar nichts Vorzeigbares gemacht hat. Außer öffentlich stillzuhalten und viele böse Dinge über sich zu hören. Er hat – wie man im Boxsport sagt, wenn es harte Schläge hagelt – gute Nehmerqualitäten. Die brauchte er von Anfang an, nachdem seine Berufung öffentlich wurde. Denn großes Entsetzen herrschte in der Berliner Theaterszene, als im April 2015 bekannt wurde, dass Frank Castorf, der als Regisseur Theatergeschichte geschrieben hat, durch Chris Dercon, einen gebürtigen Belgier und Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, ersetzt werden soll. „Es ist der Wunsch der neuen Berliner Kulturpolitik“, sagte Castorf seinerzeit im Interview: „Von meiner Seite hätte ich, da ich nie ein Ende finden kann, auch an der Volksbühne keins gefunden.“

Sein Amtskollege Claus Peymann, der zeitgleich das Berliner Ensemble verlässt, holte zu Rundumschlägen gegen die „provinzielle“ Kulturpolitik aus. Es waren altvertraute poltrige Auftritte des Theatermanns. Zeitweilig war Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) sein beliebtestes Angriffsziel. In einem offenen Brief bezeichnete er ihn als „die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“. Im „Zeit“-Interview bescheinigte er Renner „keinerlei Geschichtsbewusstsein, kein Hintergrund. Da können Sie genauso gut mit dem Pförtner sprechen. Er ist einer dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben.“ Peymann prägte mit Blick auf Dercon auch den Begriff „Eventkultur“, der seither durch die Diskussionen rund um die neue Volksbühne geistert.

Tempelhof braucht einen spektakulären Auftakt

Dercon wird heute jenseits einer üblichen Saisonvorschau auf eine Reihe von Streitpunkten eingehen müssen. Er wird das in seiner polyglotten Art hinbekommen. Er wird den Vorwurf einer rein auf Unterhaltung angelegten Eventkultur elegant wegwischen, auch wenn Tempelhof etwas Spektakuläres braucht, um in Gang zu kommen. Tempelhof ist ein interessantes Theaterprojekt, es kann künftig eine Schnittstelle zu Kunst- und anderen Messen werden.

Was sein Stammhaus, die Volksbühne betrifft, wird Dercon eine Reihe von Ängsten abbauen. Die Ära Castorf endet im Juli, aber im August werden wohl mehr seiner Mitarbeiter als bisher angenommen zur Dercon-Truppe gehören. Es ist eine alte Erfahrung, dass sich Mitarbeiter immer nach der Macht ausrichten. Dercon hat die Macht, und heute wird er sie offiziell einfordern. Im Gegenzug muss er ein Programm anbieten, das allen Anforderungen an ein Repertoire- und Ensembletheater gerecht wird. Die ersten drei Premieren müssen überzeugen, ansonsten könnte Dercons Macht schnell wieder ins Wanken geraten. Es wird spannend sein, auf welche Symbolik der Theaterintendant für die Volksbühne setzt. Das Räuberrad muss neu erfunden werden.

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