Kultur

„Ich werde nicht vertragsbrüchig“

Er war noch nicht im Amt, da hat Klaus Lederer von den Linken bereits provoziert. Jetzt sitzt er als Kultursenator in seinem neuen Büro. Ein Treffen

Es war eine seiner ersten Amtshandlungen, sich mit Chris Dercon zu verabreden. Der neue Kultursenator Klaus Lederer (42) hat heftige Dissonanzen mit dem künftigen Volksbühnen-Intendanten Dercon auszuräumen. Überhaupt hat der Linke-Politiker Lederer einige Baustellen übernommen.

Herr Lederer, warum sagt ein Linker, der bislang in der Kulturpolitik nicht sonderlich aufgefallen ist, dass er das Kulturressort übernehmen will. Was soll für das linke Milieu am Ende herausspringen?

Klaus Lederer: Für mich stellt sich im Kern die Frage, wie organisiere ich Zugänge zu den Segmenten und Ebenen im Kulturbetrieb. Das kann der Zugang zur freien Szene, zur Musikschule oder zum Jugendtheater sein. Es geht aber nicht darum, die großen Kulturinstitutionen zu schröpfen, um es den kleinen Einrichtungen zu geben.

Bürgerliche Parteien wissen, wer ihr Adressat in Sachen Kultur ist. Wer ist es bei den Linken?

Es sind breite Schichten, einfach weil Kultur eine Art Grundnahrungsmittel ist, ein Lebensmittel zur Verständigung in einer Gesellschaft. Aber die Zugänge und Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und drei Jobs wird es schwer haben, sich Zeit fürs Theater zu nehmen. Und es ist auch eine Frage des Geldes. Wir wollen niedrigschwellige Zugänge zu Kunst und Kultur schaffen.

Wie wollen Sie mit der Staatsoper oder den Philharmonikern, mit Stars wie Daniel Barenboim oder Kirill Petrenko umgehen?

Ich hoffe, dass sie bleiben. Ich bin nicht bereit, vermeintliche Populärkultur gegen Hochkultur zu stellen. Es gehört alles dazu und braucht Unterstützung. Wenn es der Markt allein regeln würde, bräuchte man keine Kulturpolitik. Es geht in der heutigen Zeit zunehmend auch darum, die Kulturstandorte, die aus dem öffentlichen Raum zu verschwinden drohen, zu bewahren. Das muss in Querverbindung zur Stadtentwicklung geschehen. Wir müssen etwa neue Ateliers schaffen oder sichern.

Sie haben gleich nach Ihrer Benennung als Kultursenator öffentlich gesagt, die Personalie Dercon zu überprüfen. Wie ernst ist es Ihnen damit?

Es geht nicht darum, Leute auf den Schild zu heben oder vom Schild zu stoßen. Das ist keine Art und Weise, um den Leuten und den Kulturinstitutionen gerecht zu werden. Mein Ansatz war, die Dinge zu überprüfen. Das habe ich vor der Wahl gesagt, und werde mich danach auch nicht um 180 Grad drehen. Ich möchte das Konzept kennenlernen. Alle fragen sich doch, was in der Volksbühne ab nächsten Herbst passieren wird. Ich werde mit allen Beteiligten reden, auch mit denen, die bislang nicht in den Prozess einbezogen waren.

Dercon ist gleich nach seiner Berufung, also vor Ihrer Amtszeit, öffentlich gedemütigt worden, und gleich nach Ihrer Berufung von Ihnen wieder. Das ist kein guter Umgang mit einem Intendanten, der noch gar nicht im Amt ist?

Die ganze Kommunikation um den Intendantenwechsel an der Volksbühne war ein Desaster. Das hat sich nicht nur auf Dercon abgeladen, sondern ist auch von Teilen in der Volksbühne so empfunden worden. In der Zwischenzeit hatte sich der Konflikt weiter entwickelt in einer Solidarisierung mit den Mitarbeitern, wo ich Beteiligter war. Aber es ist doch völlig klar, dass ich in einer solchen Situation nicht den Daumen hebe oder senke.

Ist denn Dercons Vertrag wieder lösbar?

Im Augenblick schaue ich mir eine kulturpolitische Entscheidung an. Ich werde nicht vertragsbrüchig werden. Es gibt diesen Vertrag. Die Frage bleibt: Ist das, was Dercon konzeptionell vorhat, für diesen Ort das Richtige oder nicht? Es ist keine Entscheidung für oder gegen Dercon, sondern für oder gegen ein Konzept an einem bestimmten Ort. Dercon ist ein anerkannter Kurator, seine Fähigkeiten sind in Berlin gefragt.

Wird es mit einem linken Kultursenator eine Ressourcenverteilung von teurer Spitzenkultur hin zu armen Künstlern in der Stadt geben?

Ich habe diese Gegenüberstellung nie verstanden. Ich weiß, dass es Vertreter der freien Kulturszene gibt, die immer wieder darauf hinweisen, die Opernhäuser bekommen soundso viel und wir nur soviel.

Das stimmt doch aber auch.

Richtig ist, dass die großen und traditionsreichen Kultureinrichtungen in Berlin über die größten Budgets verfügen, um ihre Kunst betreiben zu können. Aber auch in den großen Häusern gibt es Arbeit hart am Limit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Das gibt es nicht nur in der freien Szene. Man kann sich nicht hinstellen und sagen, die Großen haben schon so viel, jetzt packen wir rundum noch etwas obendrauf. Ich denke, wir müssen neue Schwerpunkte in Berlin setzen und notfalls in den Haushaltsberatungen darum kämpfen, dass diese ausfinanziert werden. Das betrifft die Basiskultur, Bibliotheken, Musikschulen oder Kinder- und Jugendtheater. Diese Mittel müssen zusätzlich erwirtschaftet werden.

Zu Ihren Baustellen gehört auch das Staatsballett, dass vehement gegen die neue Doppelintendanz von Sasha Waltz und Johannes Öhman opponiert?

Es besteht kein Zweifel daran, dass Sasha Waltz eine bedeutende Choreografin ist und die Tanzlandschaft in der Stadt geprägt hat. Es gibt viele Orte in Berlin, an denen zeitgenössischer Tanz stattfindet. Manche sagen, zu wenig, andere meinen, zu viel. Ich denke, es ist bislang nicht gelungen, dem zeitgenössischen Tanz die Basis zu verschaffen, die er in Berlin verdient.

Das sollte aber nicht das Problem des Staatsballetts sein?

Das Staatsballett hat eine internationale Ausstrahlungskraft. Manche sagen, sie ist nicht mehr so groß unter dem gegenwärtigen Intendanten. Im Staatsballett geht die Angst um, dass es unter der neuen Doppelintendanz die klassische Ausrichtung verliert. Auch hier müssen Idee und Konzept auf den Tisch kommen. Ich werde einen Prozess der Kommunikation in Gang bringen müssen, der leider eben im Vorfeld nicht stattgefunden hat.

Wolfgang Brauer, der zuletzt den Untersuchungsausschuss Staatsoper geleitet hat, hat die Linken verlassen. Nicht ohne vorher allen mitzuteilen, dass Sie als Kultursenator ungeeignet seien, weil er Sie nie im Theater gesehen hat.

Ich habe ihn auch nie in Kultureinrichtungen gesehen, aber das ist kein Beweis dafür, dass er nirgendwo war. Es zeigt nur, wie groß die Kulturlandschaft ist. Ich habe nach der Wahl mit ihm gesprochen und ihn gebeten, für uns die Kultur mitzuverhandeln. Wenn er wirklich davon überzeugt wäre, dass ich für das Amt ungeeignet wäre, hätte er mich nicht unterstützt, Kultursenator zu werden. Ich schätze ihn sehr und bedaure seinen Schritt.