Kultur

Jan Böhmermann lässt Gregor Gysi alt aussehen

Entertainer Jan Böhmermann war zu Gast beim Sonntagstalk von Gregor Gysi. Der Linken-Politiker gab sich betont zurückhaltend.

Jan Böhmermann (l.) und Gregor Gysi

Jan Böhmermann (l.) und Gregor Gysi

Foto: Johanna Ewald

Betont lässig lehnt er sich zurück, streckt sich und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Das Publikum lacht. Jan Böhmermann guckt verdutzt, schaut zu seinen verschwitzten Achseln und rollt die Augen: "Sie sind aber hämisch. Gucken Sie sich selbst mal unter die Arme", sagt er und nimmt die Arme wieder hinunter. Gregor Gysi hat den Satiriker zu seinem Sonntags-Talk „Missverstehen Sie mich richtig“ in das Kabarett-Theater Distel an der Friedrichstraße eingeladen. Vom Satire-Coup mit Mittelfinger bis zur internationalen Staatsaffäre sollte es gehen. Satire gibt es an diesem Abend reichlich, Mittelfinger kaum und Staatsaffäre so viel wie eben notwendig.

Gysi beginnt die Fragerunde, die eigentlich als Gespräch angekündigt war. Biografisch arbeitet sich das Publikum gemeinsam mit dem Gastgeber und Linken-Politiker durch Böhmermanns Leben. Nach Einstiegsfragen über die Heimat Bremen und warum Böhmermann eigentlich kein Polizist geworden ist, fragt Gysi nach der Leukämieerkrankung des Vaters. „Und sowas fragen Sie direkt am Anfang?“ kommentiert Böhmermann und zieht eine Grimasse. Das macht er an diesem Abend noch häufiger, immer dann, wenn ihm eine Frage unangenehm wird. „Naja, mein Vater ist als ich 15 war erkrankt und zwei Jahre später gestorben. In einem typischen Akademiker-Haushalt werden Gefühle nicht groß reflektiert“, antwortet er schließlich.

Jan Böhmermann ist ein Show-Man durch und durch. Missgeschicke setzt er bewusst in Szene, seinem Gegenüber stiehlt er die Show durch Redegeschwindigkeit, Witz und Gestik. „Ich frage mich, wie sie so geworden sind. Wurden Sie in ihrer Schulzeit gehänselt?“, fragt Gysi, fast schon ratlos. Und so geht die Reise weiter durch das Leben des Jan Böhmermann. Da reden die zwei über seine Jobs bei diversen Radio-Sendern, seine Idee Schauspieler zu werden und das Studium der Geschichte, Soziologie, Kunst und Kulturwissenschaften. Das ist soweit alles ganz nett, aber satirische Spitzen — wie man es von diesen beiden Persönlichkeiten erwartet — fehlen gänzlich. Bis zur Pause. Dann packt Gysi die politischen Themen an. „Na endlich“, kommentiert Böhmermann nur und verdreht die Augen.

Was er von Erdogans Politik halte, fragt Gysi. „Ein Undemokrat benutzt demokratische Strukturen, um die Demokratie seines Landes systematisch abzubauen“, antwortet der Satiriker. „Und was denken Sie über Trump“, fragt er weiter. „Na das gleiche. Mit dem großen Unterschied zu — Böhmermann singt Erdogans Namen —, dass er überraschend in sein Amt gekommen ist und dadurch im Nachteil ist.“ Außerdem bezweifle er, dass sich Trump gegen so eine starke Demokratie und geübte Presse durchsetzen könne.

„Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, so einen Brief an Erdogan zu schreiben?“, fragt der Linken-Politiker. Er war der erste Gast, der bei Böhmermann nach der „Staatsaffäre“ eingeladen worden war. Dabei kritisierte er das Schmähgedicht als „nicht witzig“. „Ein Brief?“, fragt Böhmermann verwirrt nach. „Da waren viele Briefe, aber ich kann mich nicht erinnern Erdogan einen geschrieben zu haben“, kokettiert Böhmermann. Ob er die Schmähkritik meine, fragt er. „Wir wollten schauen, wie wir, als Satiriker, von unserem Staat, verteidigt werden und dachten, wir probieren es einfach mal aus“, sagt Böhmermann schließlich. Dass es auch auf privater Ebene so viele Folgen haben würde, damit habe er nicht gerechnet. Das setze ihm immer noch zu. „Dabei sind wir doch nur eine Mini-Popel-kleine Sendung für Kiffer und Studenten.

An diesem Abend lernt man Gregor Gysi so freundlich und zurückhaltend kennen, wie nie zuvor. Er hat aber auch kaum eine Wahl, da Böhmermann kaum eine Pause macht, während er redet. Er dominiert. Einwürfe von Gysi nimmt er entweder nicht wahr oder ignoriert sie. Das Publikum ist vor allen Dingen jung, sehr hip und scheinbar kultiviert, typisches Böhmermann’sche Publikum eben. Innerhalb einer viertel Stunde waren die Karten für diesen Abend ausverkauft.

„Sie sind ein Provokateur. Und solche Menschen wie Sie braucht unser Land“, bedankt sich Gysi schließlich bei Böhmermann. Ein fast väterlicher Abschied.

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