Mercedes-Benz-Arena

Red Hot Chili Peppers auf Mission in Berlin

Die US-Kultband spielt in der Mercedes-Benz-Arena ein durchwachsenes Konzert. Später am Abend reicht es sogar für ein paar Moshpits.

Bassist Flea (links) und Gitarrist Klinghoffer (Archivbild)

Bassist Flea (links) und Gitarrist Klinghoffer (Archivbild)

Foto: Giorgio Benvenuti / dpa

Michael Balzary alias Flea, Bassist der Red Hot Chili Peppers, kommt zur letzten Zugabe im Handstand, läuft, die Beine in der Luft, einmal quer auf Händen über die Bühne. Seine Haare milimeterkurz und gelb, die Klamotten flickenbunt. Er sieht er aus wie eine Comicfigur, wie ein durchgeknallter Clown.

Solch zirkushafte Energie hatte man sich versprochen von einem Auftritt der Red Hot Chili Peppers. Ja, die Peppers aus Los Angeles waren in den 90er-Jahren eine wirklich gute und einflussreiche Band. In LA gibt es ungefähr so viele Musiker wie andere Städte Einwohner haben, und sehr viele von ihnen klingen noch heute nach dieser Mischung aus Hiphop, Funk und Indierock, die damals von irgendjemandem Crossover getauft wurde.

Nichts Tiefgründiges, keine Seelenerkundungen

Dazu kam ein Schuss kalifornischer Unverfrorenheit – etwa, Konzerte nackt zu spielen, nur mit langen Socken über den Genitalien. Das konnte man schon damals entweder großartig oder pubertär finden – oder beides.

Klar war immer, dass es bei den Peppers nicht um sehr tiefgründige Songs ging, um Seelenerkundungen oder ausgereifte politische Statements, sondern vor allem um – wie ihr immer noch bestes Album von 1991 programmatisch heißt – Blood Sugar Sex Magik. Kaum eine so heftig im Mainstream angekommene Band, die Rock'n'Roll einmal mehr als kraftstrotzenden Jugendkult inszeniert hat, als krachige, groovende, sexy Musik für Skaterjungs und Surfermädchen.

Frage: Wie lebt man mit so einem Image wenn man die 50 überschritten hat? Wie altert man als Bild ewiger Jugend in einem Business, das so etwas schon dezenteren Künstlern nicht leicht macht? Man zieht auf jedem Fall während des Konzerts irgendwann das T-Shirt aus, zeigt seine Muskeln, seine Tattoos. Ehrensache. Sänger Anthony Kiedis hat sich, muss man zugeben, für seine 54 Jahre verdammt gut gehalten.

Fast wie im Proberaum der Peppers

Vielleicht gelingt so was ja nur Ex-Drogies, die ihren Körper auf nicht ganz gesunde Weise an seine Grenzen gebracht haben. Und immer noch leben. Kiedis trägt noch immer so eine kurze schwarze Skaterhose, dazu passende Baseball-Kappe. Nur die Haare sind kürzer geworden. Und er hat einen Schnauzer, wie er bis vor kurzem vor allem in den Schwulenszenen der Welt als halb ironisches Distinktionsmerkmal angesagt war.

Das gibt ihm etwas verschwitzt Professorales – halb jugendlich, halb Daddy. Von allen Heteromännern dürfen aber genau genommen nur Streifenpolizisten so etwas tragen. Und Nick Cave. Aber egal: die Koordinaten stimmen, die Outfits sitzen. Zwölf Minuten lang jammt die Band gleich zu Beginn, funkt rum auf einem Akkord, als säße die fast ausverkaufte Mercedes-Benz-Arena zufällig im Proberaum der Peppers.

Immer wieder, über den Abend verteilt, spielen Flea und Gitarrist Josh Klinghoffer kleine Duo-Einsprengsel. Dicht bei einander stehen sie dann, Stirn an Stirn, und dengeln und jaulen, als wären sie allein auf der Welt. Das sind die Highlights, Momente von purem Spaß an der Musik. Ein Großteil der Show besteht jedoch aus Songs des aktuellen Albums „The Getaway“, und die klingen doch arg glatt.

Alles gut gemacht, aber doch bloß Feel-Good-Music

Der Titeltrack, „Dark Necessities“ oder „Goodbye Angels“ sind reine Popsongs, die niemandem wehtun. Nicht wirklich zündende Mitsingrefrains, dazwischen Routine-Funk und ein paar Breaks aus dem Peppers-Lehrbuch. Fleas koboldiges, akrobatisches Durch-die-Gegend-Hüpfen wirkt bei so viel Radiotauglichkeit ein wenig verloren.

Erfrischend ist da nur „Sick Love“, das klingt, als hätten die Peppers einen Country-Song gecovert, den ihnen jemand morgens um vier in irgendeiner Kaschemme am Stadtrand von Nashville vorgespielt hat. Auch einige Hits aus anderen Karrierephasen klingen an diesem Abend harmlos.

Alles gut gemacht, keine Frage, aber letztlich doch bloß Feel-Good-Music, die genauso bei H&M laufen könnte wie im Autoradio, wenn man den Pacific Coast Highway von LA in Richtung Malibu hoch cruist. Die Peppers müssen schon in ihre alten Plattenkisten greifen, um verständlich zu machen, was in den 90ern so elektrisierend an dieser Band war: „Me and my Friends“ bratzt und poltert laut durch die Mehrzweckhalle. „I could have lied“ – aus unerwiderter Liebe zu Sinéad O'Connor geschrieben – ist auch heute noch gut, weil es etwas Gebrochenes hat.

Viele glückliche, gerötete Gesichter

Das steht der Band im fortgeschrittenen Alter, das steht vor allem Kiedis' Stimme, ihrem tieferen Timbre. Bei „Blood Sugar Sex Magik“ wiederum hat der Sound auf einmal das Jugendliche, Ungestüme, was in anderen Songs eher behauptet klingt. Es groovt und lärmt. Kiedis rappt vernuschelt, nachlässig und cool zugleich. Spät erst, bei „Give it away“ und „By the Way“, bilden sich Moshpits im Publikum: einzelne Strudel aus Gliedmaßen.

Eine Kamera fährt die erste Reihe ab. Auf einer Leinwand hinter der Bühne sieht man viele glücklich gerötete Gesichter, vom Rollkragenmädchen über gröhlige Jungs um die Dreißig bis zum zerknitterten Altrocker. Kiedis bewegt sich, die Beine gespreizt, ruckartig vor und zurück: ein Soldat des Indierock, noch immer auf Mission.