„Glaubt keinem Sänger“ hat Heinz Rudolf Kunze schon 1984 gefordert. „Every artist is a cannibal, every poet is a thief” sang Bono von U2 1991 in „The Fly“. Es stimmt schon: Die Popmusik ist voller Geschichten, die oft zu schön sind, um wirklich wahr zu sein. Wie etwa die vom umherziehenden Hobo, der Jahrzehnte seines Lebens auf der Straße, in Zügen und unter Brücken verbracht hat, der als mittelloser Straßenmusiker jobbte und plötzlich, mit über 60 Jahren, sein erstes Album veröffentlichte und nun den großen, späten Erfolg feiern kann – was für eine Story!
Das ist die Geschichte des Bluesmusikers Seasick Steve. Doch wie eine gerade in England erschienene Biografie von Matthew Wright über den Musiker enthüllt, stimmt sie nicht. Er heißt im wirklichen Leben nicht Steve Wold, wie er behauptet, sondern Steven Leach. Er wurde nicht 1941, sondern erst 1951 geboren, und er hat die meiste Zeit seines Lebens nicht auf der Straße, sondern in kalifornischen Tonstudios als Sessionmusiker für Pop- und Discoproduktionen verbracht. Na und? Was stört es, wenn die Musik trotzdem ganz tief von Herzen kommt?
Der Postbahnhof ist am Montagabend ausverkauft, als Seasick Steve nach einem Vorprogramm des belgischen Garagenrock-Duos Black Box Revelation Punkt 21 Uhr auf der Bühne erscheint. Und dem Publikum ist es schlicht egal, ob die Geschichten vom eigenen Outlaw-Leben, die der graubärtige Bluesmann da singt, tatsächlich wahr sind. Denn sie sind einfach gut, bodenständig und wahrhaftig. Und mindestens so gut wie die von Blueslegende Robert Johnson, der dem Teufel an einer Kreuzung seine Seele verkauft haben wollte.
Die USA hinter sich gelassen
Unprätentiös kommt Seasick Steve in Jeans, kariertem Hemd und Basecap ins Rampenlicht. Und beginnt den Abend mit dem Statement, dass er aufgehört habe, sich für Fernsehen, Nachrichten und Politik zu interessieren. „Aber ich weiß natürlich schon, wer Donald Trump ist. Und wer Hillary Clinton ist.“ Aber wenn das alles sei, was das große Amerika aufzubieten habe, fände er es nur peinlich und traurig. Er habe sich zuletzt in den 60ern noch für „Bobby“ Kennedy stark gemacht. Diese Hoffnung sei beim tödlichen Attentat auf JFKs Bruder gestorben. Er hat einen durchaus pessimistischen Blick auf sein Heimatland.
So lebt der 65-Jährige denn auch selbst seit Anfang der 2000er-Jahre mit seiner Frau in Norwegen. Und hat dort 2005 seine erste Platte „Beast“ aufgenommen, der viele weitere Alben folgten. Nun setzt er setzt sich auf ein Podest, das er sich mit Verstärkern und einem wuchtigen Schlagzeug teilt, und spielt zunächst auf einer gammeligen Akustikgitarre die wunderschöne Ballade „Abraham, Martin and John“, mit viel Gefühl, mit viel Wehmut. Dann erscheint der schwedische Schlagzeuger Dan Magnussen, mit langer grauer Mähne und ebenso langem grauen Bart und gemeinsam bringen sie den Postbahnhof mit „Bullseye“ auf Touren.
Dieser Blues ist von perkussiver Wucht. Seasick Steve begleitet sich mit kantigen Riffs, hämmert aufwühlende Akkorde aus den Saiten, lässt das Instrument mit dem Bottleneck jaulen und heulen. Große Soloeinlagen sind nicht sein Ding. Er steigert die Emotionen mit immer neuen Boogie-Blues-Krachern und wird beim Crescendo eins mit Dan, dem Drummer-Man. Irgendwann holt er ein Mädchen zu sich auf die Bühne. Emma ist ihr Name. Er setzt sie neben sich und singt nur für sie die Ballade „Walking Man“. Es ist mucksmäuschen still in der Halle, der anschließende Jubel ist frenetisch. Dann aber geht es wieder wuchtig zur Sache. Dieser Blues des weißen Mannes ist wild und kantig, rau und authentisch.
Eins sein mit der Gitarre
Nahezu zwei Stunden lang ist Seasick Steve für seine Fans da, erzählt immer wieder kleine Anekdoten, wird dann eins mit seinen Gitarren. Für jeden Song bekommt er eine neue gereicht. Einige hat er selbst gebastelt. Wie ein Exemplar, dessen Resonanzkörper aus dem Luftfilter eines alten Ford besteht. Ein anderes ist sozusagen eine Zigarrenkiste mit Stiel. Gegen Ende holt er gar ein mit nur einer Saite bespanntes Brett hervor und es ist überwältigend, was für Sounds er da herausholt.
Gerade hat er mit „Keep That Horse Between You And The Ground“ sein neues Album veröffentlicht. Den Titelsong spielt Seasick Steve zum Ende des regulären Sets. Da kommt auch noch einmal die Vorgruppe auf die Bühne. Zwei Schlagzeuger, zwei Gitarren, und tatsächlich gibt es dann von Jan Paternoster von Black Box Revelation das erste und einzige Gitarrensolo des Abends. Ein mächtiger Schlussakkord, dem tosender Applaus folgt.
Die Zugaben beginnt er wieder ganz allein mit John Hartfords „Gentle On My Mind“, das einst durch Glen Campbell berühmt wurde. Er erzählt dazu auch die Geschichte, wie er den Song zum ersten Mal in Kalifornien auf dem Highway gehört hat. Er macht ihn sich auf rau-herzliche Art zu Eigen, bevor es gemeinsam mit Drummer Dan und „Back In The Doghouse“ noch einmal in die Vollen geht. Ein großartiger Abend. Seasick Steve ist ein energiegeladener Entertainer mit rauer Seele und großem Herzen, der Geschichten aus seinem Leben singt. Und nach diesem Konzert glauben wir sie ihm auch. Immer noch.





