Konzert

Marathon mit Ansage - The Cure in Berlin

The Cure spielt sich in der Mercedes-Arena durch ihre 40-jährige Musikgeschichte. Unter 150 Minuten und 30 Songs machen sie es nicht.

Für immer Wehmut: Robert Smith schrieb mit 16 Jahren seine ersten Lieder. Heute ist er 57 Jahre alt und singt noch immer „Boys don’t cry“

Für immer Wehmut: Robert Smith schrieb mit 16 Jahren seine ersten Lieder. Heute ist er 57 Jahre alt und singt noch immer „Boys don’t cry“

Foto: Getty Images / Redferns/Getty Images

Bei Lied vier verdeutlicht sich ein Grundproblem des Konzerts. Die ersten Gitarrenzupfer von "The Walk" erklingen, und im Saal wird geruckelt und gezuckelt, aber aufstehen tut dann doch kaum einer. Im Innenraum können die Besucher stehen, ansonsten ist das Konzert von The Cure bestuhlt. Vielleicht ist das ja aus logistischen Gründen nicht anders möglich bei 14.000 Besuchern, aber es fühlt sich für eine Band, die unter dem Etikett Post-Punk 1979 angefangen hat, irgendwie falsch an.

Die britischen Musiker sind in Deutschland unterwegs, an diesem Dienstag gastieren sie in der Mercedes-Arena. Mit "Shake Dog Shake" beginnt der Abend, ein Marathon mit Ansage, unter 150 Minuten und 30 Songs machen sie es nicht. Es gibt kein Grund sich zu mokieren, in der Volksbühne macht man da gerade die erste Pause.

Robert Smiths Konzerte sind ohne Firlefanz und Effekte. Er ist der Mittelpunkt, ein großer Tänzer war er nie, so etwas ändert sich ja selten mit 57 Jahren. Robert Smith wirke, so schreibt "RBB-Online" in dem Versuch den optischen Eindruck freundlich zu vermitteln, "weniger aufgedunsen als erwartet". Seine Stimme vermeidet anstrengende Höhen, die Lightshow ist angenehm unambitioniert. Das Konzert hätte ruhig ein wenig lauter sein können, das hätte den Gesang der Vorderreihe erträglicher gemacht.

Das Melodiöse rettet die Band in die Gegenwart

In knapp 40 Jahren ist einiges Material zusammengekommen, Sänger Robert Smith hat früh begonnen. Mit 16 Jahren schreibt er "10:15 Saturday Night" und "Killing an Arab". Angeblich hat er "10:15 Saturday Night" an einem schlecht gelaunten Abend in der Küche geschrieben. Selbstverständlich ist das Lied voll geladen mit dem Pathos eines Pubertierenden, der Unheil fürchtend auf den Anruf der Geliebten wartet: "And I am crying for yesterday."

Aus der Sicht eines 16-Jährigen ist das Leben zu diesem Zeitpunkt ohnehin gelaufen. Zu dem Album "Three Imaginary Boys" tanzt 1980 die Jugend, wenn im Gemeindesaal die Stühle zur Seite geschoben werden. Ähnlich wie Depeche Mode wird The Cure von Älteren belächelt, auch stehen sie in diesen Jahren unter Generalverdacht "immer poppiger" zu werden.

Das Poppige bedeutete einst kommerziell und beliebig zu sein, 40 Jahre später ist man da etwas schlauer, rettet doch das Melodiöse – und nicht das Lebensgefühl – die Band in die Gegenwart. Denn für die Fans der ersten Stunde ist die Jugend längst vorbei. Ein Teil möchte nicht mehr daran erinnert werden, dass sie einen zerzausten Typ mit Lippenstift angehimmelt haben, ein anderer Teil fand diesen ganzen "Gothic"-Rummel, dem die Band anhaftet, seit jeher albern. Was 2016 geblieben ist, sind die Klassiker: "Just like heaven", "Why can't I be you" und "In Between days". Sie sind zeitlos und eingängig. Auf Wiedervorlage für 2026.

Und irgendwann tanzen doch alle

Und so passt es, dass nach 40 Minuten der Abend, der bis dahin eher dahinplätschert, mit "In Between days" eine Wendung bekommt. Das Publikum erhebt sich von den Sitzen und beginnt zu tanzen. Damit das so bleibt, legt die Band nach. Erst das Schunkellied "Friday I'm in love", dann "Boys don't cry" aus den frühen Tagen.

Ein paar schöne Momente hat der Abend. Bei "A forest" recken sich im Rund der Halle die Arme im gleichen Moment in die Höhe, als der Schlag auf das Becken die Zeile "Into the trees" beendet. Beim vorletzten Lied "Close to me" – wir sind bei der dritten Zugabe, Song Nummer 32 – tanzt in einer Sitzreihe ein älterer, bauchiger, graugesichtiger Mann mit sehr hoher Stirn und ein paar Sitze weiter bewegt sich eine hübsche, blonde Hipsterfrau mit Hipstermütze, und sind für ein paar Minuten vereint, schauen sie doch beide weggetreten glückselig.

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