Berliner Spaziergang

Lilith Stangenbergs Kometenstart in die Theaterwelt

Lilith Stangenberg hat auch ohne Schauspielausbildung eine erstaunliche Karriere hingelegt. Große Bühnen haben sie engagiert.

Fotoshooting in Kreuzberg: Schauspielerin Lilith Stangenberg

Fotoshooting in Kreuzberg: Schauspielerin Lilith Stangenberg

Foto: Ricarda Spiegel

Die graue Decke da oben drückt, der Nebel ummantelt einen fast vollständig. Der erste fiese Herbsttag in diesem Jahr. Lilith Stangenberg kommt trotzdem mit dem Rad. Ungeschminkt ist sie, nur etwas Mascara in den Wimpern. Die langen, dicken Haare hat sie zu einem Dutt nach oben gebunden.

Eigentlich soll das ja ein Spaziergang werden. Nur ist es draußen wirklich ungemütlich. Die Schauspielerin stört sich nicht am Nieselregen. Also laufen wir runter zur Skalitzer Straße, dann wieder zurück, an Dealern vorbei durch den Görlitzer Park. Kreuzberg ist ihr Kiez. In der Cuvrystraße ist sie geboren. Mit zwei älteren Schwestern und ihrer Mutter in der Ecke aufgewachsen, bis heute geblieben. Ihr momentaner Lieblingsplatz ist trotzdem woanders: das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. „Die Architektur ist so riesig angelegt, als Mensch fühlt man sich darin sehr klein, das tut manchmal gut.“ Neulich schon hat sie sich mit solchen Relationen beschäftigt. Da hat sie sich oft unter den Sternenhimmel gelegt und gedacht, wie winzig die Erde im Gegensatz zu allen anderen Planeten doch sein muss.

Während wir schlendern, muss sie sich ab und an vor die Kamera stellen. Die Fotografin sagt, sie solle sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen. Stangenberg aber mag es, wenn sie im Wind wehen und führt die Anweisung nur zaghaft aus. Ein Moment, der subtil zeigt, wer sie sein könnte: Eine junge Frau, die Glattgebügeltes nicht mag. Das wirkt nicht kauzig, es ist erwartbar. Immerhin steht die 28-Jährige seit elf Jahren auf großen Theaterbühnen. Kritiker mögen sie.

Vielleicht möchte sie gar nicht von allen verstanden werden

Und Stangenberg zeichnet gerade diese uneitle Attitüde aus. Nicht, dass sie frisiert, mit Rouge und Lippenstift nicht auch strahlen würde. Aber ihr markantes Gesicht mit den eisblauen Augen kommt ohne all das viel besser zur Geltung. In Nicolette Krebitz’ Film „Wild“ konnte man dies zuletzt im Kino sehen. Dort spielt sie Ania, eine Frau, die sich zu einem Wolf hingezogen fühlt. Klar, unabhängig und unverfälscht wirkt sie darin. Es gelingt Stangenberg darstellerisch, das nicht als Perversion zu zeigen. Man blickt liebevoll und mit Verständnis auf diese besessene Zuneigung. Der Stoff durchdringt einen, während man das natürliche Spiel verfolgt. Wobei viele den Film auch verstörend fanden. Aber vielleicht möchte Stangenberg ja auch gar nicht Dinge tun, die von allen verstanden werden.

Ähnlich wie Ania wirkt auch sie märchenhaft, stellenweise verträumt, aber trotzdem verwurzelt im Jetzt. Sie spricht bedächtig, ohne dass die Wörter schleppend aus ihrem Mund kommen würden. Im Café, in das wir uns nun doch gesetzt haben, schaut sie ihr Gegenüber nur selten direkt an. Ihr Blick schweift in der Gegend herum, ohne etwas Bestimmtes zu fokussieren. Sie schaut so, als würde sie, was sie sagt, in Bildern vor sich sehen und diesen mit ihren Augen folgen wie einer Geschichte.

Dreharbeiten zu „Idioten der Familie“

Sie bestellt grünen Tee – den brauche sie jetzt. In dieser Nacht hat sie bis drei Uhr morgens gedreht. Eine Familiengeschichte und sie in einer herausfordernden Rolle. Michael Klier ist der Regisseur des Kinofilms „Idioten der Familie“, mehr darf sie nicht sagen.

Bevor Stangenberg Filme drehte, stand sie bereits lange Zeit auf der Bühne. Angefangen am Jugendtheater „P14“ der Volksbühne hatte sie das Glück, schon mit 17 Jahren mit Größen wie Martin Wuttke zu spielen. Die Inszenierungen im großen Haus überwältigten sie. Pollesch, Castorf, Marthaler. „Ich habe mich sofort zu Hause gefühlt in dieser Sprache.“ Eine, die sie verstehen konnte. Schauspieler wie Sophie Rois, Hinrichs oder Hosemann wurden zu ihren Lehrmeistern. Sie nahmen sie an die Hand und gaben ihr den Freiraum zur Entfaltung.

Noch während des Abiturs spielte sie Fausts Gretchen in Hannover, später Lulu im gleichnamigen Stück. Eigentlich war sie sicher, dass sie nach dem Schulabschluss an eine Schauspielschule gehen würde, ganz klassisch. Aber dann ging alles nahtlos ineinander über. Schon mit der letzten Abiturprüfung war sicher, dass sie Gast am Theater Basel sein würde. Mit 20 dann ein Engagement in Zürich, später an der Volksbühne.

Heute ist sie froh über die fehlende Ausbildung: „Ich habe oft beobachtet, dass Absolventen etwas von geeichten Soldaten haben. Viele müssen sich das Unverwechselbare wiedererobern, weil sie es verloren haben.“ In der Schauspielerei aber berühre gerade das Eigenartige. Besonders sind ja die Zwischentöne, eine individuelle Stimme.

Schon ewig in der Welt der Erwachsenen

Damals sei sie naiv und abenteuerlustig in den Beruf gesprungen. Mit einem kindlichen Selbstbewusstsein, sagt sie. Gut so. „Angst interessiert niemanden und wenn doch, wird sie nur ausgenutzt und begrenzt einen.“ Um zu überleben, solle man sich einen Teil dieser kindlichen Unbedarftheit bewahren. So trivial es klingt, leicht ist das nicht. Ihr ist das gelungen. In Momenten scheint sie arglos und infantil, dann wieder erwachsen.

Dass Stangenberg reif wirkt, liegt wohl auch daran, da sie sich schon ewig in einer Welt Erwachsener aufhält, umgeben von Stars, die sie akzeptieren. Dass sie nie wirklich jugendlich war, weiß sie. Keine Zeit. Vor ein paar Jahren hatte sie Gleichaltrige im Görlitzer Park gesehen, erinnert sie sich, mit Frisbee und Bier. Sie war fasziniert von der Leichtigkeit. Kurz dachte sie da, ein Stück ihrer Jugend verschenkt zu haben. Ihr Leben bestand schon lange aus Bühne, Beleuchtung, Maske und Verantwortung – vor dem Publikum, dem Theater und sich selbst. Ein Brocken.

Während andere ihr Studium gerade abschließen, erste Jobs annehmen, fliegt sie mit der Volksbühne nach Schanghai und Mexiko. „Wenn ich sehe, was Leute für Geld tun müssen, empfinde ich die darstellende Kunst aber als den schönsten Beruf der Welt“, sagt sie. Trotz Verzweiflung und Stress, weil es ständig um die eigene Person geht.

Selbstdarstellung mag sie nicht

Welche Schauspieler fallen eigentlich in ihre Generation? Schwierig. Vielleicht auch, weil sie sich mit anderen ihres Alters im Film gar nicht identifizieren lässt. Stangenberg ist eben kein Sternchen, weit weg von Markenbotschafterin und Instagram, worüber sich viele definieren. Die Selbstdarstellung mag sie nicht. „Da fasziniert mich der Schleier mehr.“ Das Geheimnisvolle. Nachdem sie sich neulich auf Instagram, im weltweiten Bilderbuch, wie ein Maniac stundenlang auf japanischen und amerikanischen Profilen verloren hatte, löschte sie ihren Account wieder. Sie staunte, wie viele sich dort freiwillig und hemmungslos entblättern. Verurteilen will sie sie trotzdem nicht.

Man erwartet diese Form der Darstellung aber auch gar nicht von ihr. Weil sie mehr als das Flüchtige, mehr als nur Mode ist. Mit ihrer Art hat sie schon lange eine eigene Sprache entwickelt, die zeitlos scheint. Interviews gibt sie selten, öffentliche Auftritte absolviert sie nur, wenn es sich gut anfühlt und Sinn ergibt. Und was Stangenberg spielt, macht sie mit einem Funken Manie. Immer ist da dieses Eindringliche. So intensiv sie auf der Bühne schreien kann, so intensiv zurückgenommen kann sie sein. Man hört ihr gerne zu.

Die Tonlage Stangenbergs ist markant, durchdringend, mit diesem besonderen Timbre darin. Irgendetwas zwischen mädchenhaft, lasziv und rau. Zwischendrin blitzt Berlinfärbung auf. Wenn sie Buchstaben verschluckt, nachdem sie etwas besonders betont hat. „Dis“ statt „das“, „drinne“ statt „darin“. Und wenn sie mal nichts sagt, schaut man sie gerne an. Präsent auch ohne das Laute. Auf der Bühne und in echt.

Stangenberg spielt nun im Theater und vor der Kamera. Dosierung und Intimität sind da völlig verschieden, sagt sie. Beim Film sind die Augen die Bühne. „Da reicht die Hand an einer Tür – die kann schon so viel erzählen.“ Im Theater kann fast nichts zu doll sein. In beiden Genres aber findet Stangenberg Irritation wichtig: „Das ist immer eine Rampe, weil man aus dem Panzer und der Monotonie gerissen wird, wenn da ein plötzlicher Kontrollverlust passiert.“

Sphinxe sind ihre Heldinnen

Im Jetzt des Cafés gibt es das nicht. Sie ist konzentriert. Sie unterbricht sich manchmal selbst, justiert ihre Gedanken noch mal neu. Dabei beißt sie sich auf ihre Unterlippe und lässt sie langsam aus ihren Zähnen gleiten. Das wirkt herausfordernd. Auch sinnlich und reizvoll, weil es so unbewusst daherkommt.

Das könnte passen: „Mich faszinieren Frauen, bei denen nicht das große Attribut die Verführung ist“, sagt sie. Interessant ist nicht, wenn der Sex auf die Stirn tätowiert ist. Sphinxe als Heldinnen; Marlene Dietrich, Charlotte Ramp­ling. In der chauvinistisch geprägten Branche brauchte Stangenberg nie die Erotik, um zu überzeugen. Das liegt wohl auch daran, dass sie sich von klein auf ihren Platz in der Manege erspielt hat.

Was wäre denn, wenn es mal nicht mehr läuft? Existenzängste? „Ich versuche mich bewusst nicht so mit dem Blick in die Zukunft zu befassen“, sagt sie. „Gerade meine Generation ist eine, die viel plant, kontrollieren und sich absichern will, als würden wir für die Ökonomie erzogen. Ich finde, in der Kunst, hat man die Möglichkeit, das nicht zu tun.“ Aber natürlich weiß sie, in was für einer privilegierten Lage sie steckt. Sich die Dinge aussuchen, das kann nicht jeder. Das feste Engagement am Theater gibt ihr künstlerische Freiheit, sodass da bislang nie Leerlauf war.

Mit Casdorf wird sie die Volksbühne verlassen

Bislang. Denn mit dem Intendanten Castorf wird auch sie von der Volksbühne gehen. „Es ist schwer, von innen heraus auf so einen krassen Umbruch zu reagieren, weil man schnell die Stimme der Beleidigten bekommt.“ Aber aus Solidarität vor seinem Schaffen kann sie sich keine Weiterarbeit vorstellen, sagt sie. Er kam, um den Konflikt zu provozieren. „Mit Dercon aber wird alles harmonisiert, nur funktioniert das am Theater nicht.“

Wieder das Angepasste, das sie nicht erträgt. Unglücklich macht sie das, sagt sie. So wie Filme für die Masse. Bevor sie da mitspielt, würde sie eher gar nicht arbeiten. Das klingt abgehoben, aber nicht aus ihrem Mund. Sie darf das sagen. Stangenberg macht das, ohne zu verurteilen. Eine Idealistin. „Ist das Idealismus?! Ich würde es eher aus dem Interesse begründen. Man ist ja auch nur gut, wenn ein Regisseur eine Vision für dich hat und sich nicht nur für deinen Namen oder dein Äußeres interessiert.“ Wenn nicht, beschädigt es einen eher.

Stangenberg hat eine genaue Vorstellung von sich. Sie sieht sich als Künstlerin, ihren Beruf als Lebensaufgabe. Wer schon mal in der Kantine saß und beobachten konnte, wie die Schauspieler nach einer Aufführung dort zusammensitzen, kann sich vorstellen, was er bedeutet, dieser eigene Kosmos, in den man als Außenstehender nur schwer eindringen kann.

Nun, zum Ende des Gesprächs hängen Stangenberg noch mehr Haarsträhnen im Gesicht. Man ist versucht, ihr diese, wie die Fotografin zuvor, wegzustreichen. Aber dann erinnert man sich: Das ist ja sie. Eigen, geheimnisvoll und doch irgendwie nahbar. Auf eine merkwürdige Weise macht ihre Erscheinung süchtig. Man will sie verstehen. Vielleicht weil man hofft, durch Stangenberg das Besondere im Leben zu erkennen. Der Tee ist leer, Zeit zu gehen.