Berliner Spaziergang

100 Tage Schlesinger - so ist die Neue vom RBB

Patricia Schlesinger ist seit 100 Tagen Intendantin des RBB – und krempelt das Programm um. Wir haben sie getroffen.

Spaziergang in Kreuzberg: RBB-Intendantin Patricia Schlesinger

Spaziergang in Kreuzberg: RBB-Intendantin Patricia Schlesinger

Foto: Reto Klar

Wir treffen uns in der Falckenstein­straße in Kreuzberg. Die U-Bahn geht hier in ihre letzte Kurve, bevor sie über die Oberbaumbrücke fährt und an der Warschauer Straße endet. Vis-à-vis dieser Kurve ist das Fräulein Fritz, das Studio des Radiosenders Fritz in Berlin. Fritz sendet von Potsdam aus, doch seit Februar gönnt sich der Sender eine Dependance in der Stadt.

Patricia Schlesinger ist hier das erste Mal. Das passiert ihr in diesen Tagen häufig, vieles erlebt sie ein erstes Mal, viel ist noch einmal auf Anfang gestellt. Eine neue Arbeit und eine neue Stadt. Seit dem 1. Juli ist Patricia Schlesinger aus Hamburg Intendantin des RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg). Ihre ersten 100 Tage als Sendechefin sind vorbei, und es ist nicht nur Gerede aus den Handbüchern für Manager, dass nach dieser Zeit die Beteiligten – die Mitarbeiter, die Öffentlichkeit, die Aufsichtsgremien – wissen sollten, mit wem sie es tun haben.

Vergangene Woche verkündete Schlesinger ihre Programm­reform, die das RBB-Fernsehen am Abend ab 2017 ziemlich verändern wird. Wie bei einer Reform so üblich gab es Gewinner und Verlierer. Manche empfanden sie als grausam, andere als überfällig, ein paar protestierten. Ein Ziel hat sie auf jeden Fall erreicht: Man weiß, diese Frau hat in dieser Stadt etwas vor.

Ausgestattet mit dem festen Willen, nicht zu frieren

Fräulein Fritz befindet sich im ersten Stock, die sogenannte „Baumhausbar“ besteht passenderweise aus dunklem Holz. Hier kann man vom Tresen aus zuschauen, wie andere Menschen arbeiten. Im Studio werden die Abendstrecken wie „Soundgarden“ moderiert, erzählt ein Mitarbeiter. „Radio zum Zuschauen“ sei der nächste Schritt, sagt er, und eine 360-Grad-Kamera wäre ja so was von toll. Patricia Schlesinger ahnt rasch, woher der Wind weht. Eine Kamera werde sich beim RBB wohl auftreiben lassen, sichert sie ihm zu.

Wir gehen zurück auf die Straße, es ist Mittwoch Morgen und frisch. Sie ist ausgestattet mit einen dünnen Mantel und dem festen Willen, nicht zu frieren. Wir gehen kurz auf die Oberbaumbrücke, um der Hamburgerin zu zeigen, dass auch die Berliner Wasser können, gehen dann aber gleich wieder zurück in den früheren Westteil. Sie sei früher oft in Kreuzberg gewesen, als die Mauer stand, erzählt sie. Diesen Teil Berlins würde sie noch immer mögen, sagt sie, hier sei es noch unfertig, und sie möge unfertige Teile sehr gern. Hier sei bereits viel gentrifiziert, aber es sei auch viel noch offen.

Sie habe sich schnell in Berlin eingelebt, erzählt sie, „ich hatte von Anfang an ein gutes Zuhausegefühl. Es gibt ganz viel Dinge, die mir fremd sind in Berlin. Aber das Lebensgefühl ist mir nicht fremd.“ Mit Berlin geliebäugelt habe sie schon ein Leben lang. Ein paar Monate gewohnt habe sie bereits früher in der Stadt, studieren wollte sie hier auch, aber „das hat alles nicht hingehauen. Ich bin jetzt sehr fröhlich, dass ich hier leben darf.“

Wir kommen auf das Lieblingsthema, wenn sich Hamburger und Berliner treffen – das Verbindende und das Trennende der Städte. Dass die beiden Me­tropolen Brüder im Geiste sind, darauf können wir uns rasch verständigen. Dass Hamburg im Grunde nur ein Vorort Berlins sei, darauf möchte sie sich lieber nicht einlassen. Hamburg sei schon sehr eigen – die Menschen, die Architektur, die Beziehung zum Wasser.

Spannende Wahl

Patricia Schlesinger ist auf ziemlich dramatische Weise zu ihrem Job beim RBB gekommen. Normalerweise wird so ein Posten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den Gremien verhandelt und am Ende fällt ein verdienter Mitarbeiter des Hauses noch ein letztes Stüfchen auf der Karriereleiter nach oben und wird in einer einstimmigen Wahl zum Intendanten gewählt. Nicht so in Berlin-Brandenburg. Hier hat man es gern spannend. Vor 13 Jahren setzte sich Dagmar Reim nach mehreren Wahlgängen gegen den Favoriten Ulrich Deppendorf durch. Im Mai dann trat Patricia Schlesinger in Potsdam gegen den ZDF-Journalisten Theo Koll an – wieder zwei Externe.

Es wurde ein langer Abend. Die beiden waren räumlich getrennt und erfuhren separat in den Räumen des RBB in der Marlene-Dietrich-Allee die jeweiligen Abstimmungsergebnisse. Im vierten Wahlgang waren die Rundfunkräte wieder beim gleichen Ergebnis wie beim ersten Wahlgang, in dem Patrica Schlesinger eine Stimme mehr als Theo Koll hatte. Wenn man es negativ sehen möchte, drohte eine Blockade. Aber eigentlich rangen hier die Rundfunkräte mit dem Einsatz, der geboten ist, wenn einer der wichtigsten Posten in der Region zu vergeben ist. Nach sechs Wahlgängen dann, kurz nach 21 Uhr, hatte das Gremium eine Mehrheit für Patricia Schlesinger gefunden. Sie trat ein wenig blass, ein wenig fahrig und voller Adrenalin vor die Kamera und sprach ihre Dankesworte.

In Berlin nun an diesem Mittwoch, als ordentlich gewählte Intendantin über die Schlesische Straße laufend, ist sie konzentriert und auf den Punkt. Wenn ihr etwas wichtig ist, bleibt sie stehen und fängt dann an zu sprechen. Sie kann charmant reden, und sie kann charmant schweigen. Auf die Frage, wie die Zusammenarbeit mit Claudia Nothelle, der Programmdirektorin des RBB, die sich auch auf die Intendanz beworben hatte, sei, sagt sie nur „gut“ und lächelt ihr unschuldigstes Lächeln. Wer sich vor starken Frauen fürchtet, der wird mit Patricia Schlesinger nicht glücklich werden.

Sie hat dieser Tage nun „die größte Reform des Senders seit seinem Bestehen“ verkündet. Klar, sagt sie, den RBB gibt es ja auch erst seit 13 Jahren, aber trotzdem sei das Vorhaben gewaltig. Es soll ein neues Programmschema im Fernsehen geben mit neuen und veränderten Sendungen. Dafür wird Vertrautes abgeschafft. „Ich weiß auch, dass die Reform hohe Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellt, denn die Veränderungen betreffen fast alle Sendungen“, sagt sie. Ziel der Fernsehstrategie sei, das Hauptaugenmerk wieder auf den Abend zu legen.

RBB verabschiedet sich von alter Strategie

Zu der Zeit könne man die meisten Menschen ansprechen. Was sie nicht sagt, ist, dass der RBB sich damit gleichzeitig von seiner alten Strategie verabschiedet, die vorsah, ein Publikum ab 16 Uhr zu gewinnen und bis zum Abend zu halten. Daher wird auch „RBB UM4“ eingestellt. Vielleicht wollte Patricia Schlesinger auch mehr dazu sagen, aber genau in dem Augenblick rasen drei große, maximal struppige Hunde an uns vorbei, die mit ihrem slapstickartigen Auftritt unsere ganze Aufmerksamkeit einfordern.

Patricia Schlesinger wurde vom Rundfunkrat gewählt, um das RBB-Fernsehen aus dem Quotentief zu holen. Kein Sender der dritten Programme wird weniger gesehen, 2015 lag der bundesweite Marktanteil bei 1,1 Prozent. Ihre Konzentration zielt daher auf das Fernsehen, um die Radioprogramme werde sie sich zu einem späteren Zeitpunkt kümmern.

Für Aufsehen sorgte bei ihrer Programmreform nicht das, was kommen wird, sondern das, von dem sich der RBB verabschiedet hat. Abgesetzt werden alle drei Sendungen von Max Moor. Der „Publikumsliebling“ werde aus dem Programm gestrichen, schrieb eine Zeitung. Ein Publikumsliebling ohne Publikum, sollte man vielleicht ergänzen. Kam „Köche und Moor“ 2013 noch auf einen Marktanteil von 10,3 Prozent, liegt er 2016 bei 5,9 Prozent. „Bauer sucht Kultur“ kommt in diesem Jahr auf 3,2 Prozent, „Bücher und Moor“ schalten 1,2 Prozent ein.

Auch Bettina Rusts Sendung „Stadt, Land, Hund“ wird es nicht mehr geben. Vier Mal pro Jahr wurde sie gezeigt, doch die Quoten blieben, freundlich gesagt, überschaubar. Erbost über ihre Absetzung war Bettina Rust trotzdem, ihrem Ärger machte sie auf Facebook Luft, „losgeschickt aus einer Fassungslosigkeit“, wie es dort hieß.

Kleine Lektionen in Betriebswirtschaft

Patricia Schlesinger sagt, sie habe sich darüber „ein bisschen gewundert“, was unter Garantie untertrieben ist. Bettina Rust sei eine „exzellente Frau, aber ihre Sendungen haben nicht das Publikum gefunden“. Und dann wird sie doch noch recht deutlich: „Eine Einschaltquote von zwei Prozent bedeutet, dass 98 Prozent der Zuschauer die Sendung nicht eingeschaltet haben.“ Wenn es um die Quote geht, wählt Patricia Schlesinger einen pragmatischen Weg: Quote ist nicht alles – das Mantra jedes öffentlich-rechtlichen Angestellten – aber, wenn ein gebührenfinanzierter Sender schon Unterhaltung sendet, dann sollten sich genug Zuschauer einfinden.

Nicht müde wird Patricia Schlesinger in der knappen Stunde, in der wir auf der Schlesischen Straße auf und ab laufen, kleine Lektionen in Betriebswirtschaft zu geben. Man könne das Geld nicht zwei Mal ausgeben, man sei kein reicher Sender, man müsse ein paar Sachen sein lassen, um andere zu ermöglichen. Diese Verse kommen seit Jahren regelmäßig, sobald man mit einer RBB-Führungskraft ein paar Minuten über das hauseigene Fernsehprogramm spricht. Neu ist nun, dass sich Patricia Schlesinger einen fatalistischen Unterton erspart. Sie sei sehr gerne Intendantin, weil es „großartige Gestaltungsmöglichkeiten“ gebe, und genau das bereite ihr Freude.

Sie hat etwas vor mit dem Sender, und das soll der Zuschauer so schnell wie möglich mitbekommen: „Man kann mir vieles nachsagen, auch nicht nur Nettes, aber Geduld wird man mir nicht nachsagen. Wenn man ein klares Konzept, eine Idee hat, dann kann man auch anfangen. Das muss man nicht aufschieben.“ Sie wolle möglichst viele mitnehmen, alle zufriedenstellen könne sie eh nicht, und das wolle sie auch nicht. „Am Gleis steht ein Zug, und die Menschen können sich entscheiden, ob sie einsteigen oder nicht. Der Zug fährt auf jeden Fall los.“ Sie hoffe, dass sich möglichst viele entscheiden mitzufahren und „nicht in schlechter Stimmung verharren“.

Wir gehen an der Cuvrybrache vorbei, auf der auf geradezu provozierende Weise nichts passiert, und reden über die „Abendschau“. Wir schreien uns genau genommen ein wenig an, denn auf der Straße arbeiten Männer mit Presslufthämmern. Sie sehe die „Abendschau“ gern, ahne aber, dass die Sendung es nie allen recht machen werde. „Den einen ist sie zu bieder, den anderen zu modern, dem nächsten zu kiezig.“

Wenn der Moderator keinen Schlips mehr trage, bekomme sie handgeschriebene Briefe mit der rhetorischen Frage, ob sich die „jungen Leute“ gar nicht mehr benehmen könnten. Sie findet das gut. Wer sich über den RBB aufregen kann, der ist auch mit Herzblut dabei. „Fernsehen ist wie Fußball. Jeder redet mit. Das ist auch in Ordnung.“ Wir trinken einen Kaffee zum Abschluss. Sie spült ihn runter wie einen Espresso.

Zur Person

Familie

Patricia Schlesinger kam am 14. Juli 1961 in Hannover zur Welt. 1999 heiratete sie den Journalisten Gerhard Spörl, im Jahr 2000 kam ihre Tochter auf die Welt. Seit diesem Sommer wohnt sie in Charlottenburg, im kommenden Jahr wird ihre Familie aus Hamburg nachziehen.

Ausbildung

Nach dem Abitur ging sie nach Hamburg, studierte dort und arbeitete als freie Mitarbeiterin beim „Hamburger Abendblatt“. 1988/89 machte sie beim NDR ein Volontariat.

Journalistin

Sie moderierte das Magazin „Panorama“ und war Korrespondentin in Washington und Singapur. Als Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation prägte sie seit 2007 das Programm – die NDR-Koproduktion „Citizenfour“ über Edward Snowden wurde sogar mit einem Oscar prämiert. Seit dem 1.Juli ist sie Intendantin des RBB und Nachfolgerin der Gründungs­intendantin Dagmar Reim.

Spaziergang

Getroffen haben wir uns in Kreuzberg im „Fräulein Fritz“, dem Berliner Studio von Radio Fritz. Von dort in der Falckensteinstraße machten wir einen Abstecher auf die Oberbaumbrücke, anschließend ging es einmal die Schlesische Straße entlang bis zum Schleusenufer und wieder zurück . Dort kehrten wir in ein namenloses Café ein.