Haus Bastian

Der Traum von der Museumsinsel

Heiner Bastian ist Sammler, Kunsthändler, Berater und Publizist. Berlin als Kunsthandelsplatz sieht er kritisch.

Gerade wird die Hausbibliothek neu organisiert: Kunsthändler und Sammler Heiner Bastian mit seinem Sohn Aeneas

Gerade wird die Hausbibliothek neu organisiert: Kunsthändler und Sammler Heiner Bastian mit seinem Sohn Aeneas

Es ist eine jener alten, großbürgerlichen Villen in Zehlendorf, wo die Gartentür surrt, wenn der Besucher eintritt. Wo die Türrahmen im Salon aus Marmor sind, wie es damals zu Großbankierszeiten in den 20er-Jahren üblich war. Nun lehnen an diesen Rahmen überlebensgroße Bilderrahmen, geschnitzt und farbig eingefasst. Sie sind Kunst, entstanden 1505, 1506 und 1510. Auf dem Boden stapeln sich jede Menge Kunstbücher, zwei reinweiße Sofas laden zum Lesen ein. Hier könnte man Stunden verbringen, um zu blättern und zu schauen; in allen Ecken steht und hängt Kunst.

Zu Besuch bei Sammler-Kunsthändler-Berater-Publizist Heiner Bastian, gut bekannt als ehemaliger Sekretär von Joseph Beuys. Sein Sohn Aeneas, wie sein Vater in Sachen Kunst unterwegs, ist auch an diesem späten Morgen dazugekommen. Beide in dunklen Anzügen, der Sohn mit Schlips, der Vater ohne, dafür mit altmodischem Rundkragen am weißen Hemd. Wie die beiden da so nah und geschlossen nebeneinanderstehen weiß man gleich, hier gibt es eine Familiensache zu verhandeln. Und die heißt: Haus Bastian.

Im Januar soll die Urkunde unterzeichnet werden

Bekannt ist das minimalistische Gebäude am Kupfergraben als Kunsthaus, ein Eckgebäude an prominenter Stelle – gegenüber erhebt sich mächtig die Museumsinsel. Auf zwei Etagen hat dort die Galerie CFA (Contemporary Fine Arts) ihr bewährtes Domizil. Die Bastians selbst unterhalten in den oberen Räumen ihre Ausstellungsräume.

Kurz vor dem Einheitswochenende hatte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vermeldet, dass das Haus Bastian künftig zum „Reinhold Würth Zentrum für Bildung und Vermittlung“ wird. Einige Tage später überraschte die Stiftung mit der Nachricht, die Familie Bastian werde ihre Gebäude der Stiftung schenken – ohne Kompensation. Offenbar konnte bei den Verhandlungen zwischen dem Unternehmer und Sammler Würth und den Bastians kein Konsens gefunden werden. „Es wurde im Verlauf der Gespräche immer klarer, dass wir mit dem Verkauf des Hauses auch unsere jahrelange emotionale Verbindung zu dem Haus verlieren würden“, erklärt Heiner Bastian. Der Name Reinhold Würth kommt in unserem Gespräch nicht vor.

Chipperfield-Bau im Wert von Millionen

Man muss kein Immobilienmakler sein, um zu wissen, dass ein Chipperfield-Bau noch dazu in dieser exponierten Lage in Mitte direkt am Pergamonmuseum einen beträchtlichen Millionenwert hat. Und bei einer Prestige-Immobilie wie dieser geht es natürlich auch um Familiensinn und einen Wert, der jenseits des Materiellen in der Idee liegt, sich mit diesem außergewöhnlichen Haus in die Berliner Museumsgeschichte einzuschreiben. Wenn man so will, ist hier ein städtebauliches Ensemblemit Chipperfields minimalistischer Handschrift entstanden. In direkter Blickrichtung vom Haus Bastian liegt die James-Simon-Galerie, das künftige Eingangsgebäude der Insel, dahinter das Neue Museum – beides verantwortet der Stararchitekt.

Mit dem Briten hat Heiner Bastian ständig gesprochen, gefreut habe der sich, „dass das Haus zukünftig ein Teil der Museumsinsel sein würde“. Chipperfield und er wünschen sich, dass das Gebäude mit seinen extremen Seitenlichtfenstern keine gravierenden inneren Veränderungen erfährt. Heiner Bastian hat eine Kopie in der Hand, versehen mit Notizen zu Schinkels Ausführungen zur Museumsinsel aus den 1830er-Jahren. Das ist die historische Größenordnung, Schinkels großer Museumstraum, der in Bastians Denken eine Rolle spielt. Darüber könnte er eine halbe Stunde erzählen, mindestens. Mit diesem Haus verbinde sich „die aus der Topographie entstandene Verantwortung“, so sagt es sein Sohn.

Seit fünf, sechs Jahren saßen sie mit dieser Idee auf einem Verlobungssofa

„Die Museumsinsel flüstert uns schon seit 15 Jahren zu, dass das Haus willkommen sei. Seit fünf, sechs Jahren saßen wir mit dieser Idee auf einem Verlobungssofa“, meint Heiner Bastian. Nächstes Jahr sind es zehn Jahre, dass das Kunsthaus eröffnete. Zeit für Veränderung. Nun wird das Gebäude den Namen Bastian tragen – das hat die Stiftung schon angedeutet. Gibt es Bedingungen für diese Schenkung? „Gibt es nicht!“, sagt Aeneas Bastian schnell. „Und nur so ist es richtig.“ Im Januar soll die Schenkungsurkunde unterschrieben werden.

Nicht immer herrschte so klare Übereinkunft zwischen Heiner Bastian und den Staatlichen Museen. 2007 kritisierte er als Kurator der Sammlung Marx die Ausstellungspolitik im Hamburger Bahnhof. Er meinte damals, die Kollektion mit Ikonen wie Warhol, Kiefer und Beuys sei unterrepräsentiert. Marx drohte mit dem Abzug seiner Kollektion, Bastian mit seinem Rücktritt. Heute will er von dem Thema nicht mehr viel wissen. „Man muss sich streiten in der Kunst“, sagt er. Zur Sammlung und zu Marx hat er keinen Kontakt mehr. Letztlich darf es aber nicht um Macht gehen. Sammler und Museen hätten in Deutschland anders als in Amerika nie einen Konsens gefunden, wie man in einem akzeptierten Kodex fair miteinander umginge. „Es geht darum, dass die unterschiedlichen Interessen einem guten Zweck dienen: der Kunst“, findet der Kunsthändler. „In den USA fürchten die Museen die politische Einmischung, in Deutschland haben die Museen keine Angst vor der Politik, aber Angst vor Sammlern.“

Im nächsten Sommer möchte die Familie das Haus an die Stiftung übergeben. Die Galerie CFA wird nach dem Gallery Weekend Ende Mai dort ausziehen, ihren Standort in der Charlottenburger Grolmanstraße ausbauen. Und Aeneas Bastian ist dabei, sich nach etwas Neuem umzuschauen. Sehnsuchtsziel ist London, die europäische Stadt des Kunsthandels, finden Vater und Sohn. Berlin als Kunsthandelsplatz sehen die beiden kritisch, das „alte konventionelle Galerienprinzip“ funktioniere hier absolut nicht. Also weg von einer klassisch organisierten Galerie, hin zum Projektraum.

Das alte Galerienprinzip funktioniert nicht mehr

Eine aufgegebene Fabrik könnte der Ort sein, ohne Umbau. Vielleicht nur mit „ein, zwei weißen Wänden“, die einzelne Werke zeigen, etwa ein Großformat von Anselm Kiefer oder das Werk eines jungen Künstlers, der es ausstellen will, „ohne dass ein Projekt sofort kunsthändlerische Konsequenzen haben muss“, so Bastian junior. Will sagen – die Bastians erzielen damit nicht unbedingt einen Gewinn. Dafür gibt es Kontakte in Amerika, Asien und London.

Hier in Berlin gäbe es zwar eine wundervolle Kunstszene, viele junge Künstler und überschäumendes Feiern und Selbstlob, „aber daraus wächst kein wirklicher Kunstmarkt“, meint Heiner Bastian. Die fünf, sechs großen Berliner Galerien, die ihre Dependancen in London oder New York haben, erzielen ihr Einkommen – nur eben nicht hier in der Stadt. Umso wichtiger sind, so Bastian, die Museen in Berlin und die Zukunft der einmaligen Museumsinsel.

Mehr zum Thema:

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.