Patricia Schlesinger

Neue Intendantin beim RBB: „Da geht noch mehr“

Am 1. Juli hat sie ihr Amt angetreten. Patricia Schlesinger im Gespräch über Fernsehquoten, die Zukunft des Senders und über Berlin.

Fast ein wenig konspirativ wirkt der Treffpunkt, weit weg vom RBB-Funkhaus. Wir treffen uns im Café „Die Eins“ im Parterre des ARD-Hauptstadtstudios. Denn es wird noch 48 Stunden dauern, bis Patricia Schlesinger offiziell die neue Intendantin des RBB ist. Seit dem 1. Juli, also seit gestern, ist es amtlich. Wir haben vorweg mit der 54-Jährigen über die Stärken und Schwächen des RBB, ihre Pläne und ihr Verhältnis zu Berlin gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie waren bislang eine angesehene Journalistin - und jetzt plötzlich Intendantin. Wann legt sich der Schalter um, dass man sagt: Ja, ich will diese Aufgabe übernehmen?

Patricia Schlesinger: In dem Moment, als ich einen Anruf aus der Findungskommission bekam. Da habe ich mit meiner Familie – mit meinem Mann und meiner Tochter – beratschlagt, weil es ja ein weitgehender Entschluss ist. Verbunden mit dem Umzug von Hamburg nach Berlin. Danach war eigentlich alles klar: O. k., go for it. Versuchen wir es mal. Ich habe aber immer gesagt: Das ist kein Alleingang. Das wird nicht ganz leicht.

Es hat ja dann auch sechs Wahlgänge gebraucht – und war bis zuletzt ein Kopf-an- Kopf-Rennen mit ihrem ZDF-Kollegen Theo Koll. Was hat am Ende den Ausschlag gegeben?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, da müssten Sie die Rundfunkratsmitglieder befragen. Aber ich habe drei Punkte ausgeführt. Der erste war: Ich möchte dem RBB mehr Bedeutung verleihen. Damit er in der ARD stärker sichtbar wird, aber, noch wichtiger, im eigenen Sendegebiet. Dass er vom Nachbarn zum Freund wird, den ich gerne besuche, den ich gern zu mir hole. Der einfach da ist, wenn ich ihn brauche.

Und der zweite Punkt?

Die Einschaltquote im RBB-Fernsehen ist nicht ausreichend, da geht mehr. Das hat mit dem ersten Punkt zu tun: sichtbarer werden. Wir müssen da sein – egal, ob ich mehr Sportberichterstattung brauche, mehr Berichterstattung über die Region, Müllabfuhr, Verkehrsinfarkt, Fahrradwege etc. Und mein dritter Punkt war: die Multimedialität im Sender weiter fördern. Da ist der RBB weit, weiter als andere Sender. Aber da möchte ich gerne noch mehr Impulse geben, denn die ganze kreative Szene sitzt hier. Andere müssen Kreative extra zu sich holen.

Das Fernsehen scheint ja so etwas wie der Problembär des Senders zu sein – innerhalb der ARD ist man mit 6,3 Prozent Quotenschlusslicht. Haben Sie in letzter Zeit viel RBB-Fernsehen geschaut?

Das habe ich in den letzten Wochen getan. Nicht gerade 24 Stunden am Stück. Aber ich habe schon geguckt.

Und was ist Ihnen da aufgefallen?

Viel Gutes. Ich habe viel gutes Programm gesehen. Besonders was die Regionalnachrichten angeht. Aber auch einiges, wo man sagt, das kann man vielleicht anders machen. Ist ja auch eine Geldfrage. Und einige Sachen, wo ich mich frage, warum das zeitlich so programmiert ist, wie es ist. Aber im Prinzip ist das ein Programm, auf dem man aufbauen kann.

Das war jetzt sehr freundlich ausgedrückt. Wenn man die Quoten anschaut, gibt es eine Kernzeit zwischen 18.30 Uhr bis 20 Uhr – das sind Magazine wie „zibb“, „Abendschau“ oder „Brandenburg aktuell“. Da ist die Quote zweistellig. Davor und danach müsste man eher heulen, so niedrig ist sie.

Ich heule nicht, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich gucke mit offenen Augen hin. Und ganz so stimmt es ja auch nicht, wie Sie es sagen. Es gibt ja durchaus Highlights im Programm. Aber Sie haben recht, wir müssen natürlich am Hauptabend schauen, was geht und was nicht.

Und wie die Leute nach der „Tagesschau“ überhaupt am Sender hängen bleiben ...

Ja. Wie machen wir es, dass der Audienceflow besser funktioniert. Das meinte ich, als ich vorhin sagte, wir müssen auch ins Programmschema schauen. Ich habe mit den Kollegen noch nicht geredet, das möchte ich aber tun. Die werden auch ihre eigenen Gründe haben, warum sie so programmieren und nicht anders.

Das Fernsehprogramm steht ja vor der Herausforderung, das urbane Publikum von Berlin-Mitte zu versöhnen mit dem ländlichen Publikum Brandenburgs. Dazu kommt, dass die Unterschiede in Berlin selbst groß sind: Kreuzkölln ist nicht Spandau. Wie schafft man das?

Ich glaube, man muss die nicht versöhnen, denn die liegen nicht im Streit. Es gibt einfach unterschiedliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Lebensgefühle: Stadt und Land, dann noch Ost und West. Ich glaube, man muss jedem Publikum etwas bieten. Es muss klar werden: Der RBB liefert etwas für mich. Das klappt sehr gut bei der „Abendschau“ und bei „Brandenburg aktuell“. Ich bin kein Anhänger davon, dass man zwingend immer alles für alle macht. Es geht nicht immer alles eins zu eins zusammen.

Wenn man sich das Programm nach 20.15 Uhr anschaut, hat man aber das Gefühl: Das ist eher für das kleinbürgerliche Berlin gemacht als für Mitte. Es gibt nur wenige Sendungen, die irgendjemanden interessieren, der in Mitte wohnt.

Typ: jung, urban, hipp und in Mitte. Der Easyjet fliegt, der in die Bar geht – da haben Sie recht. Aber vor diesem Problem steht jeder Sender. Es gibt Ältere, es gibt Jüngere. Es gibt kulturell Angebundene, es gibt welche, die nicht kulturell angebunden sind. In einem urbanen Umfeld hat man sehr unterschiedliche Bedürfnisse.

Aber Berlin ist eine Stadt, die von ihrem urbanen Hipster-Image lebt.

Berlin ist eine Stadt, die davon lebt, dass es sprüht und glänzt, dass da Kreativität unterwegs ist. Da muss man hingucken. Völlig richtig.

Sie haben beim NDR tolle Dokumentationen gemacht, viele davon preisgekrönt. Politisch unheimlich spannend. Aber da hatten sie auch einen anderen Etat.

Richtig.

Wie viel davon ist auch beim RBB möglich?

Der NDR hat auch nicht alles alleine gemacht. Bei den ganz großen Dokumentationen, auf die Sie gerade anspielen, die häufig preisgekrönt waren, waren die meisten Koproduktionen innerhalb der ARD und internationale Koproduktionen. Bei so etwas muss der RBB dabei sein. Es wird immer mit bescheidenem Geld sein, das ist ganz klar. Sie haben ja die Etats angesprochen. Das sind hier andere Etats als beim NDR. Aber dabei sein kann man auch mit kleinen Etats.

Und Sie meinen, das klappt hier?

Wir haben viele Dokumentationen in der Vergangenheit mit Berliner Produktionsfirmen gemacht. Und gerade die Dokumentationen im RBB sind eigentlich schon recht gut unterwegs. „Geheimnisvolle Orte“ beispielsweise ist eine Erfindung des RBB, die andere Sender jetzt übernommen haben. Das war sehr erfolgreich.

Anderes Thema. Wir sitzen hier ja gerade im Café des Hauptstadtstudios ...

... völlig zufällig natürlich. (lacht)

Das Hauptstadtstudio liegt ja eigentlich in der Verantwortung des RBB. Aber nach außen scheint es, der WDR habe hier das Sagen. Wird sich das ändern?

Das sind natürlich gelernte Strukturen aus der Wendezeit. Klar. Aber es ist ja nicht so, dass der RBB hier nicht vorhanden wäre. Der ist vorhanden in Form von Reportern – Hörfunk und Fernsehen –, sehr guten Reportern übrigens. Aber die Frage ist berechtigt. Da kann man vielleicht noch mal hinschauen. Doch wir reden so viel über das Fernsehen. Eines darf man beim RBB nicht vergessen: Es gibt sehr gut funktionierende Radiowellen. Wenn Sie Radioeins anhören: Das ist etwas, wo andere Sender leise weinend sagen: Das hätten wir auch gerne. Radioeins funktioniert in der Urbanität Berlins sehr gut.

Apropos Urbanität. Welches Verhältnis haben Sie zu Berlin?

Berlin ist für mich von klein auf eine ganz wichtige Stadt gewesen. Ich habe Familie im Osten. Es gab Zeiten, in denen meine Verwandten nicht ausreisen durften, obwohl sie das Rentenalter erreicht hatten. Das hat etwas mit meinem Großvater zu tun, der Politiker in der DDR war. Damals haben wir uns in Ost-Berlin am Hotel getroffen, um uns ein, zwei Mal im Jahr überhaupt zu sehen. Ich wollte danach immer in Berlin studieren, das hat nicht geklappt. Jetzt bin ich hier, und es schließt sich ein Kreis.

Wie lange sind Sie jetzt schon hier?

Ich bin gestern eingezogen. Fünfter Stock, Hinterhof, ohne Aufzug in Charlottenburg.

Hamburg sei die schönste Stadt der Welt, behaupten die Hamburger. Was ist Berlin?

Die interessanteste, die vibrierendste und die kreativste Stadt. Außerdem hat Berlin wahnsinnig schöne Ecken. Und ich kann noch immer nicht vor dem Brandenburger Tor stehen, ohne daran zu denken, wie es hier einmal war.

Zur Person:

Patricia Schlesinger wurde 1961 in Hannover geboren. Ihr Vater, später Direktor bei der Preussag, flüchtete 1958 aus der DDR. Der Großvater Arthur Schlesinger dagegen blieb, saß später als LDPD-Politiker in der Volkskammer. Patricia Schlesinger wusste schon früh, dass sie Journalistin werden wollte. Sie begann schreibend, wechselte dann zum Fernsehen: als Reporterin und Korrespondentin. Zuletzt leitete sie die Abteilung Dokumentation und Reportage beim NDR.