Interview

Wolf Biermann: "Berlin ist eine Saunabehandlung der Gefühle"

Wolf Biermann hat seine Autobiografie geschrieben. Ein Gespräch über falsche Freunde, die Dummheit der Stasi und Berlins Wandel.

Wäre er im Westen geblieben, sagt Wolf Biermann, „dann wäre ich niemals Liedermacher geworden.“

Wäre er im Westen geblieben, sagt Wolf Biermann, „dann wäre ich niemals Liedermacher geworden.“

Foto: P. Matsas/Opale/Leemage/laif

Wolf Biermann wohnt in Hamburg in einem Einfamilienhaus. Draußen tobt ein Eichhörnchen durch den großen Garten, innen nimmt der Hausherr im geräumigen Wohn- und Klavierzimmer Platz. Wir treffen uns bei ihm, weil heute die Biografie des Liedermachers und Lyrikers mit dem programmatischen Titel „Warte nicht auf bessre Zeiten“ (Propyläen, 576 Seiten, 28 Euro) erscheint. Sie liest sich wie eine Zeitreise durch das Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Wolf Biermann wurde am 15. November 1936 in Hamburg geboren, sein Vater starb in Auschwitz, mit 16 Jahren ging der junge Kommunist in die DDR, ausgerechnet 1953, im Jahre des Aufstandes in der DDR. Früh wurde er Liedermacher, noch früher stand er in der Opposition zur DDR-Führung. 1976 durfte er nach einem Gastspiel in Köln nicht in die DDR zurück. Im November 1989 gab er in Leipzig sein erstes Konzert nach 24 Jahren in der DDR. Nach dem Mauerfall erfuhr er, dass seine Stasi-Akten 50.000 Seiten umfasste. 2007 wurde er Ehrenbürger Berlins. Zehn Kinder hat Wolf Biermann, seit über 30 Jahren ist er mit Ehefrau Pamela Biermann zusammen.

Herr Biermann, Ihre Autobiografie ist so versöhnlich geschrieben und stimmt nicht mit dem Bild des borstigen Biermann überein.

Wolf Biermann: Das hat einen einzigen Grund: Ihr Eindruck über den borstigen Biermann ist falsch. Meine Lieder und Gedichte sind wohlwollend – „so wohlwollend war ich immer“, würde Nietzsche sagen. Wenn man allerdings in der Zeit der Angsthasen und Feiglinge lebt, dann hat jemand, der in einer Diktatur den Mund aufmacht, schnell den Ruf eines Schreihalses weg.

Sie waren in der DDR früh Regimegegner und in der Bundesrepublik sind Sie in Ihrem Bekenntnis zum Kommunismus auch nicht den leichten Weg gegangen.

Über niemanden irrt man sich so sehr wie über sich selbst, das wissen Sie gewiss auch ohne mich. Daher ist alles, was ich über mich sage, mit Vorsicht zu genießen.

Gibt es eine Zeit, über die Sie ungern geschrieben haben?

Ja. Die ersten Jahre im Westen.

Über die haben Sie auch nur kurz erzählt.

Mit Recht. Weil es die schlechteste Zeit in meinem Leben war. Ich war aus den Angeln gehoben, ich wollte ja in der DDR bleiben. Dort hatte ich nicht nur meine vertrauten Freunde, sondern auch meine vertrauten Feinde. Falsche Freunde sind gefährlich, das weiß jeder. Aber noch gefährlicher sind falsche Feinde! Der Westen war mir fremd und ich war, obwohl ich so berühmt war und überall eingeladen wurde, auf einmal der Neue, der Anfänger. Unter diesen Bedingungen schreibt man keine guten Gedichte. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich die westliche Gesellschaft begriffen hatte.

Haben Sie also das vorwegerlebt, was 23 Jahre später ein ganzes Volk durchmachte – der Wegfall eines vertrauten Systems?

Absolut. Ich war dem kaum gewachsen. Nur: Meine Ausbürgerung war ein diktatorischer Willkürakt. Die deutsche Einheit war ein demokratischer Beschluss. Aber so westdumm, wie die Ossis waren nach dem Zusammenbruch der DDR, war ich allemal.

Wären Sie auch ein erfolgreicher Liedermacher geworden, wären Sie 1953 nicht in die DDR gegangen?

Nein, ich wäre niemals Liedermacher geworden. Ich hätte kein einziges Gedicht geschrieben, denn meine Mutter Emma hat mich nicht so aufgezogen.

Hanns Eisler und Helene Weigel waren in der DDR Ihre Förderer. Irgendein Talent müssen Sie schon gehabt haben.

Natürlich. Aber in Hamburg wäre ich in dem Milieu geblieben, in dem ich aufgewachsen bin, das der kommunistischen Partei. Wahrscheinlich wäre ich Handwerker geworden, wie alle Männer der Familie, und Mitglied der kommunistischen Partei, – vielleicht wär ich sogar Journalist geworden! – noch tiefer gesunken. (lacht)

Gott behüte.

Ich wäre zweimal im Jahr in die DDR gefahren zur ideologischen Grunderneuerung, um auf den neusten Stand der Parteidummheit gebracht zu werden. Und mit Sicherheit hätte ich gedacht, ich wäre wirklich in der DDR gewesen. Dabei wäre ich nur im Milieu der Bonzen der Partei gewesen und verblödet. Kurz gesagt, ich wäre heute Mitglied der Linken.

Sie sind Kommunist geworden aus Liebe zu Ihrer Mutter Emma.

Nein. Das hat nichts mit Mutterliebe zu tun, sondern mit Erziehung. Kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird. Wäre mein Vater SS-Obersturmführer gewesen, wäre ich wohl ein Nazi geworden. Eltern formen eben die Kinder nach ihrem Ebenbild.

Nach 1945 hätten Sie wohl eine Läuterung durchgemacht.

Aber sicher doch, wie die meisten Nazikinder. Aber Zufälle spielen im Leben eben eine große Rolle, zum Beispiel, dass ich in Berlin einen Studienplatz zugeordnet bekam, dadurch geriet ich in den Sog des Berliner Ensembles. Nur durchs Theater und angeregt durch meine Liebe Brigitte Soubeyrand kam ich zum Liederdichten, ein Glückszufall! Dass ich zum Liederdichten kam, so kann man nach Hegel sagen, ist eine Notwendigkeit, die sich zufällig durchsetzte. Sie glauben mir das nicht?

Nur bedingt. Sie berichten in Ihrem Buch, dass die Staatssicherheit Sie anwerben wollte, als Sie mit 16 Jahren frisch in der DDR angekommen waren.

Der Stasi-Offizier wollte mich mit falschen Behauptungen erpressen wie einen Hund, das empörte mein Wolfsherz. Wenn er an meinen kommunistischen Kinderglauben appelliert hätte, ich solle die Feinde der DDR aufspüren, dann hätte ich, wie es bei Brecht heißt, „meine Mutter nicht mehr gekannt“ und wäre stolz darauf gewesen, dass ich Spitzel der Stasi werden darf. Ich hatte ja mit 16 Jahren überhaupt nicht die politischen Erfahrungen, diesem System zu widerstehen.

Trotzdem waren Sie ein ungewöhnlicher Kommunist, weil Sie ja auch einzelgän­gerisch waren und nicht einfach die Beschlüsse der Partei abgenickt haben. Die DDR-Zeit beschreiben Sie als Ping-Pong zwischen Angstzustand und diesen Angstzustand zu besiegen. Ihre Auflehnung ist kein Zufall, sondern eine Charaktereigenschaft.

Das behauptet meine Frau Pamela auch, und dann ärgere ich mich immer.

Warum sind Sie nicht einfach in die Bundesrepublik zurückgegangen?

Jeder bleibt dort, wo er das Gefühl hat, gebraucht zu werden, wo er etwas bewirken kann. Das mag komisch klingen, ist aber die Wahrheit: Wenn ich 1976 die Wahl gehabt hätte, dann wäre ich lieber in die Sowjetunion rausgeschmissen worden als in den Westen. Dort war die gesellschaftliche Struktur und das stalinistische System wie in der DDR. Dort wäre ich sofort zurechtgekommen.

Warum hat die DDR-Obrigkeit bei Ihnen nicht auch mal ihre ganze Härte gezeigt? Andere Autoren kamen in Einzelhaft und wurden gefoltert.

Sie hat die Zeit verpasst. Die Bonzen haben gehofft, dass der Junge mit der Gitarre wieder auf den einzig richtigen Weg zurückkehren wird, nämlich ihren Weg. Und dann war ich plötzlich schon zu berühmt.

Sie schreiben: „Ich habe die Mauer mitgebaut.“ Ist das nicht übertrieben? Sie haben als Student Flugblätter an die Anwohner verteilt und versucht, den Bau zu erklären.

Ich will damit nur sagen: Ich war nicht gegen die Mauer. Ich will mich nicht in die schiefe Lage eines Menschen bringen, der von sich behauptet, schon immer gewusst zu haben, dass die Mauer ein Verbrechen ist. So wie Volker Braun und Heiner Müller, so hatte auch ich die Hoffnung, dass wir mithilfe dieses anachronistischen Bauwerkes endlich Tacheles reden können in der DDR. Denn der Feind, die BRD, würde nicht mehr den Fuß in der offenen Tür haben, das war immer das Argument. Wir hofften auf eine innere Demokratisierung des Systems in Richtung auf einen wirklichen Sozialismus.

Sie waren nach kurzer Zeit in der DDR äußerst wirkungsmächtig, wegen ein paar lobenden Worten über Sie wurde eine Sonntagszeitung eingestampft und nicht ausgeliefert. Wie vermeidet man Größenwahn?

Gar nicht. Wenn so ein gewaltiger Staatsapparat auf einen einschlägt, muss man wohl größenwahnsinnig werden. Ich aber nicht. Denn ich bin ja der Sohn von Emma Biermann. Sie hatte mir zwar den Auftrag aufgeladen, die Weltrevolution zu vollenden – aber in kommunistischer Demut und proletarischem Stolz.

Seit wann wollen Sie nicht mehr die Welt retten?

Seit 1983. In dem Jahr habe ich den Schriftsteller Manès Sperber in Paris getroffen. Er war ein Renegat im allerbesten Sinne und aus der Kommunistischen Partei ausgetreten. Er hat mir gesagt, dass ich in meinem politischen Denken weit hinter meinen Gedichten zurückbleibe. Und er hatte Recht. Jeder kennt so etwas: Man begreift etwas im Kopf, was man im Herzen noch nicht wahrhaben will. Jeder Mensch mit Liebeskummer kennt das.

Wie verteilt man seine Liebe auf zehn Kinder?

Indem man sie nicht alle gleich liebt.

Das haben Sie mir jetzt nicht gesagt.

Es ist eine Phrase, dass man alle Kinder gleich liebt. Kinder sind so verschieden, also liebt man sie auch verschieden. Nähe und Abstand ändert sich mit den Lebensumständen, und wenn Kinder erwachsen werden, formen sie auch selbst die Beziehung zu ihren Eltern.

Wenn Sie heute durch Berlin gehen, das sich ja in der Innenstadt komplett verändert hat, gehen Sie da gern durch oder mit Missvergnügen?

Berlin ist für mich eine Saunabehandlung der Gefühle. Bei vielen Leuten, denen ich begegne, denke ich: Was willst du denn hier in meiner Stadt? Das ist doch mein Berlin! Alles meins!

Sie ist also nicht fremd geworden?

Manchmal schon. Ich bin auch neidisch, weil ich denke, warum muss ich in Hamburg wohnen, und die dürfen alle hier sein. Aber wenn ich wieder in Hamburg bin, denke ich, was für ein Glück, dass ich nicht in Berlin, diesem Schutthaufen der Weltgeschichte, leben muss.