Schwarze Anzüge und Bikini, Hipster und Proleten, elegante Damen und Typen mit Bierflasche – beim Open Air der Berliner Philharmoniker ist alles dabei, was die Stadt zu bieten hat. So viele Menschen, wie sich am Sonnabend am Kulturforum versammelt haben, bekommt dieser Ort sonst das ganze Jahr nicht zu sehen.
Es ist unfassbar heiß, wenn man auf dem Asphalt steht, dann kriecht einem die Hitze die Beine hoch. Das Gefühl der heißen Erde passt ganz gut zu den neun syrischen Kompositionen, mit denen das Syrian Expat Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Mariano Dimingo die Saison eröffnet. „Mein schönes Heimatland“ und „Hochzeit“ sind stark orientalisch geprägt, sie wollen an ein anderes Syrien erinnern als das, aus dem Musiker geflohen sind.
Es gibt jede Currywurst, Fatusch und Applaus
Die Musiker tragen Strohhut, es gibt Currywurst, den arabischen Salat Fatusch und Applaus wie beim Rockkonzert. Die Schlangen vor den Ständen ist lang, die Stimmung ausgelassen. Man fragt sich, warum hier nicht jedes Jahr unter freiem Himmel gespielt wird. Als nächste Vorband kommt Sing along, ein Projekt des Bildungsprogramms der Philharmoniker. 150 Menschen aus allen möglichen Ländern, die eine Woche lang geübt haben.
Jörg Thadeusz interviewt Intendant Martin Hoffmann, den Intendant der Philharmoniker und Michael Münch, Stiftungsvorstand der Deutschen Bank, und endlich geht es los, er kündigt die Berliner Philharmoniker als „tollste Band der Welt“ an. Die Bläser mit Sonnenbrille setzen an zur zweiten Symphonie von Brahms und nun wird es auch in der Bierschlange ruhig. Die Sonne versinkt hinter dem Kirchturm von St. Matthäus, die Akustik könnte besser sein, das Erlebnis nicht.
Am Abend zuvor haben die Berliner Philharmoniker die Saison im Saal begonnen. Es ist die vorletzte Spielzeit mit Sir Simon Rattle als Chefdirigent, sie beginnt mit einem fulminanten Konzert mit Werken von Boulez und Mahler. Pierre Boulez hat oft in Block A der Philharmonie gesessen und am Pult der Berliner Philharmoniker gestanden. Im vergangenen Januar ist die Galionsfigur der Neuen Musik gestorben. Er gilt als Prototyp des intellektuellen Komponisten, der für unverrückbare Prinzipien und rationale Organisation des musikalischen Materials steht. Um Objektivität kreiste sein musikalisches Denken, um Strukturen, Konstruktionen, reine Klänge.
Rattle glänzt als Analytiker
Wie schön, dass die Philharmoniker erstmals dieses sinnliche Stückchen von 1965 aufs Programm gesetzt haben, das dem Boulez-Klischee nicht ganz entspricht. Der Komponist legt einzelne Klänge unters Mikroskop. Ausgerechnet der amerikanische Freigeist Morton Feldman hat den Franzosen dazu inspiriert. Unter dem Eindruck eines Feldman-Stücks schrieb er dieses wunderbare Kleinod, das aus lauter Klangmomenten besteht, die aus dem Nichts kommen und dorthin wieder verschwinden. Es gewährt dem Dirigenten in manchen Passagen sogar die Freiheit, über die Abfolge der Motive selbst zu entscheiden.
Man hat Mahlers Sinfonie oft „Lied der Nacht“ genannt, doch das Motto greift viel zu kurz. Simon Rattle taucht tief ein in das Lebensgefühl des Fin de Siècle, das zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst viele Facetten kennt. Er dreht am musikalischen Kaleidoskop und setzt immer neue Klangbilder zusammen. Die langsame Einleitung nehmen die Musiker grimmig, mit schweren Schritten und dynamischen Erschütterungen. Man spürt sofort: Hier ist etwas Unheilvolles im Anmarsch.
Der Aufbruch ins neue Jahrhundert, wohin führt er? Die Musik wirkt beklemmend, beunruhigend. Die Sehnsucht nach der Natur, nach Frieden und Ruhe kommt immer wieder durch, aber es ist eine zerrissene Welt, in der die Instrumente einander ins Wort fallen. Der Komponist beschwört den Untergang einer Epoche .
Simon Rattle ist ein glänzender Analytiker, der auf ein transparentes Klangbild Wert legt. Er lässt die Philharmoniker mit geschärfter Tongebung spielen. Sie wirken wie in ständiger Alarmbereitschaft. Manchmal lässt er die Melodien breit aussingen, meistens zerpflückt er sie mit harschen Akzenten und Mini-Crescendi.
Die erste Nachtmusik wirkt nicht anheimelnd, da nützen auch Kuhglocken und Hörner nichts. Nach den vorbeihuschenden Schatten des Scherzo scheinen sich die versöhnlichen Töne im Andante amoroso endlich durchzusetzen. Doch all die schönen Momente einer heilen Welt wirken bei Rattle und den Philharmonikern nicht richtig echt, sondern wie herbeizitiert. Es sind feinsinnige Karikaturen vergangener Feste. Und selbst beim Ständchen mit Gitarre und Mandoline brodelt etwas tief unter der Oberfläche. Die finale Entladung aller Klangdonnerwetter lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten.




