Bühne in Berlin

Hier tanzt die Musik: Das Radialsystem feiert Jubiläum

Mitbegründer Jochen Sandig wünscht sich nach der Aufbauphase eine Zeit der Konsolidierung im Berliner Radialsystem..

Seit 25 Jahren schafft er in der Stadt Orte für Künstler: Jochen Sandig vor dem Radialsystem, das er 2006 mitbegründet hat

Seit 25 Jahren schafft er in der Stadt Orte für Künstler: Jochen Sandig vor dem Radialsystem, das er 2006 mitbegründet hat

Foto: Krauthoefer

Tanzende Körper schlängeln sich durch Reihen von Geigern und Cellisten hindurch. Mitten im Orchester agieren sechs Tänzer. Sie bringen Bewegung ins statische Bild des Klangkörpers. Auch die Musiker verhalten sich ein bisschen anders als sonst, reagieren auf die Tänzer, recken ihre Instrumente in die Luft oder intensivieren ihre Spielbewegungen.

Die Probe zu „Un/Ruhe“ mit der Jungen Deutschen Philharmonie und der Tanzcompagnie Sasha Waltz & Guests im Radialsystem V ist ein spannender Prozess. Das Orchester begleitet nicht den Tanz, und die Tänzer sind kein schmückendes Beiwerk zum Konzert. Beide Kunstformen durchdringen einander.

„Tanz und Musik begegnen sich auf Augenhöhe“, sagt der Mitgründer des Radialsystems, Jochen Sandig, der das Projekt szenisch einrichtet. Gleich nach der Uraufführung bei den Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt findet am 16. August die Berliner Premiere unter Sylvain Cambrelings Leitung statt. Sie läutet gleichzeitig die Festsaison zum zehnjährigen Jubiläum des Radialsystems ein.

Der Kulturmanager inszeniert immer häufiger auch selbst

„Un/Ruhe“ ist ein typisches Radialsystem-Projekt. „Hier tanzt die Musik!“ lautet das Motto des Hauses, das experimentierfreudig und interdisziplinär neue Aufführungsformen erforscht und sich als offenes Forum des Austauschs versteht. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen, denn die 90 Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie halten hier eine Art Sommerakademie ab“, erzählt Jochen Sandig. „Sie proben, lernen von ihren Mentoren, diskutieren, feiern Partys, füllen das ganze Haus mit Leben.“

Inhaltlich geht es um das Spannungsfeld zwischen Ruhe und Unruhe, Bewegung und Stillstand. Im Mittelpunkt steht Rebecca Saunders Violinkonzert „Still“. Das Wort hat im Englischen eine Doppelbedeutung: „ruhig“ und „immer noch“. Dem Kulturmanager Sandig ist die gesellschaftspolitische Dimension wichtig. „Wir sehnen uns nach Ruhe, leben aber in einer extrem unruhigen Zeit, die geprägt ist von Katastrophen, Kriegen und anderen Krisen.“

Für ihn ist es die zweite Regiearbeit am eigenen Haus. Sein Regiedebüt, „Human Requiem“ mit dem Rundfunkchor Berlin, ist seit 2012 erfolgreich in vielen Städten Eu­ropas unterwegs. Der umtriebige Kulturunternehmer entwickelt als Regisseur ein zweites Standbein. „25 Jahre lang habe ich Orte für Künstler geschaffen. Jetzt möchte ich gern mehr eigene künstlerische Projekte realisieren.“

Der Ingenieurssohn aus Esslingen am Neckar hat früh Klavierunterricht genommen und in einer Band gespielt. Trotzdem hat er sich nicht bewusst für einen Beruf im Kulturbetrieb entschieden. Nach Berlin kam er 1990, um Psychologie und Philosophie zu studieren. Noch im gleichen Jahr wurde er Mitgründer des Kunsthauses Tacheles. Dort traf er seine Lebenspartnerin, die Tänzerin Sasha Waltz, mit der er das internationale Künstlerensemble Sasha Waltz & Guests gründete. Sein Studium musste er bald abbrechen, denn er war damals schon Arbeitgeber von 42 Mitarbeitern.

„Raumpionier“ steht als Berufsbezeichnung in Sandigs Vita. Er war auch Mitgründer der Sophiensæle, die in diesem Jahr ihr 20-Jähriges feiern. Berlin wurde seine Stadt, weil es nach dem Mauerfall viele Freiräume gab, interessante und bezahlbare Orte. „Man kann Berlin immer noch stark prägen und gestalten. Anders als in London, Paris und New York ist Stadtentwicklung hier noch möglich. Die Stadt hat außerdem eine der interessantesten Künstlerszenen Europas. Berlin ist ein großer Möglichkeitsraum.“

Wer Visionen hat, ist hier am richtigen Ort

Nach fünf Jahren im Leitungsteam der Schaubühne gründete er 2006 mit Folkert Uhde das Radialsystem als „New Space for Arts and Ideas“ in einem alten Pumpwerk an der Spree. Das erste Projekt hieß „Radiale Systeme“. Tänzer und Musiker bespielten das gesamte Haus. Zahlreiche Projekte brachen die traditionellen Konzertrituale auf. Die „Nachtmusik“-Reihe war von Anfang an erfolgreich.

Es gab Konzerte im Liegen, Verbindungen zwischen Barockkultur und Clubkultur, und das Stegreiforchester improvisierte über Beethoven. Viele Abende testeten die Grenzen zwischen Musik, Tanz und Bildender Kunst aus. Neugier und Offenheit kennzeichnen die vier Haus­ensembles: Sasha Waltz & Guests, die Akademie für Alte Musik, das Solistenensemble Kaleidoskop und das Vocalconsort Berlin.

Die kommende Spielzeit steht ganz im Zeichen des Jubiläums. Am 9. September lädt das Haus zum großen Fest mit Überraschungsgästen. Nach der Phase des Aufbaus wünscht sich Jochen Sandig nun eine Zeit der Konsolidierung. Dazu würde auch eine gesicherte finanzielle Basis gehören, denn bis heute arbeitet das Radialsystem ohne institutionelle Förderung.

Sandig ist im Gespräch mit der Politik und guter Hoffnung. Viele reizvolle Projekte konnte er nicht realisieren, weil sie nicht finanzierbar waren. Wer im Radialsystem arbeiten will, muss finanzielle Mittel mitbringen. Das Haus konnte nur überleben, weil es Einnahmen durch Zukunfts- und Wissenschaftskonferenzen erzielt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat das historische Indus­triegebäude mit der schönen Spreeterrasse früh für eine Konferenz zur auswärtigen Kulturpolitik genutzt. Danach war es in ministerialen Kreisen gefragt.

Als Ort der Innovation zieht das Radialsystem ein junges Publikum an. Neue-Musik-Festivals wie Ultraschall und die MaerzMusik sind hier selbstverständlich zu Gast. In letzter Zeit öffnet sich das Haus aber auch mehr und mehr für Pop und Elektronik. Die Einstürzenden Neubauten und das A l’arme-Festival für experimentellen Jazz gastierten hier. An neuen Ideen für die kommende Dekade mangelt es nicht.

Jochen Sandig zitiert Helmut Schmidts Satz „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ und runzelt die Stirn. So einen Satz kann er nicht verstehen. „Künstler müssen utopisch groß denken. Sie schaffen oft die Keimzellen der Hoffnung für gesellschaftliche Veränderungen.“ Wer Visionen hat, ist im Radialsystem am richtigen Ort.

Radialsystem, Holzmarktstr. 33. „Un/Ruhe“ am 16. und 17. August, 20 Uhr. Geburtstagsparty am 9. September, 22 Uhr