Konzert-Kritik

Schöne Lieder vom Schrecken der Welt

PJ Harvey besingt vom Krieg zerschlissene Figuren: Die Britin tritt mit ihrer Band in der Zitadelle Spandau auf

Foto: Getty Images / Redferns/Getty Images

Ob Tageslicht das Richtige ist für PJ Harvey? In der Zitadelle Spandau kommt die Britin zur besten Tatort-Zeit auf die Bühne marschiert, gefolgt von einer schwarz gewandeten Band aus Männern, Trommeln und Saxofone um die Hälse. Dabei sind Mick Harvey, langjähriger Musikchef bei Nick Cave, und John Parish, Harveys Partner in Crime auf zahlreichen Alben. Polly Jean Harvey (46) ist angemessen blass, mit rabenschwarzen Smokey Eyes, wie die Anführerin einer Gang von Gesetzlosen. Ein Koboldohr lugt durch ihr sehr dunkles Haar.

Als hätten Medea und Kassandra gemeinsam eine Band gegründet

Der milde Frühsommer passt wenig zum Klischee, das man aus den 1990er- Jahren von Harvey im Kopf haben mag: diese Frau, die in den Testosteron-geschwängerten Gefilden des Indierock ungebremst ihr Ding durchzog. Die den Blues sang, als hätten Medea und Kassandra gemeinsam eine Band gegründet.

Er passt auch nicht so recht zum Gewichtigen, dass sie auf ihren letzten Alben angegangen ist: „Let England Shake“ (2011) warf einen Blick im Zorn auf ihr Geburtsland, dem sie lange zumindest musikalisch zu entkommen versuchte.

Beunruhigend swingende Geschichtsstunden

Ihr aktuelles Album, „The Hope Six Demolition Project“, schaut aus dem eigenen zerrissenen Land in die Abgründe der Restwelt: Mit dem Kriegsfotografen Seamus Murphy fuhr Harvey durch den Kosovo, nach Afghanistan und in die Ghettos von Washington D.C.. Was dabei entstand sind hoch codierte Reportagen, aufgeladen mit Anspielungen und Verweisen. Beunruhigend swingende Geschichtsstunden, über weite Strecken erstaunlich radiotauglich.

Diese Paradoxie ist genau so intendiert wie die stilisierten Tanzbewegungen, die Harvey in einer grün schimmernden Federboa auf der Bühne der alten Befestigungsanlage in Spandau vollzieht. Sie vermeidet allzu pathetische Rock-Gesten und umgeht zugleich in der Musik die platte Illustration von Schrecken. „When Under Ether“ singt sie fast unbewegt, die Hände unter Federn versteckt. Bei „Dollar, Dollar“ duckt sie sich wie ein vom Teufel des Kapitalismus gejagtes Kind.

Überhaupt klingen die Stücke ihrer neuen Platte an diesem Abend wie Theatermusiken: kurz und vielschichtig, gern mit Bläsern als eingebautem Fernorchester, unter die Gitarren und Drums einen unerbittlichen Beat legen. Man denkt an Gustav Mahlers an den Ränder ausfransende Kunstlieder, an Alban Bergs Wozzeck und andere vom Krieg zerschlissene Figuren. „What is the glorious fruit of our land?“, singt Harvey, „Its fruit is deformed children.“ Immer wieder verwachsen Trommelrhythmen und Männerchor zu einem drohenden Gospel, einem Geistergesang.

Auch die Klassiker fehlen nicht

Bei aller Konzeptkunst fehlen aber auch die Klassiker nicht: „Down by the Water“ ist noch immer dieser schamanische Track, der sich einem direkt in die Knochen schraubt. Und John Parish kostet lang das Intro zu „To bring you my Love“ aus, seine rohe Einfachheit.

Endlich wird es dunkel. Alles Verhaltene ist verschwunden. PJ Harvey windet sich, macht Bewegungen mit den Armen, als wolle sie die Luft auf Abstand halten, greift nach dem Publikum. Zum lauten Quasi-Punk von „50 Foot Queenie“ zieht sie kurz die Fäuste vors Gesicht. Dann: ein Lächeln. „Hey“, singt sie, „I’m one big queen, no one can stop me“. Und genau so ist es.