Huxleys Neue Welt

Alt-Punker Public Image Ltd. spielen kein Altherren-Konzert

Die Herren von Public Image Ltd. sind älter geworden, satt sind sie aber nicht. Im Huxleys spielten sie ein Konzert voller Energie.

John Lydon, Sänger von Public Image Ltd.

John Lydon, Sänger von Public Image Ltd.

Foto: Juan Herrero / dpa

Sagt ein ergrauter PiL-Fan zum andern: „Haste dein Sauerstoffzelt dabei oder wat?“. Und die vermutlich letzten Punks Berlins sind gekommen: vielfarbige Iros, gekalkte Gesichter, Lederjacken, „Never mind the Bollocks“-Shirts. Wenn sie den Mund aufmachen kommt jedoch ein stark osteuropäisch gefärbtes Englisch heraus. Interessant. Punk ist nicht tot, er klingt nur anders.

Trotzdem ist es gar nicht leicht über John Lydon zu schreiben, ohne über Johnny Rotten zu sprechen. Diesen Typen mit dem irren Blick und der schneidenden Stimme, der sang von Anarchie im Königreich und Gott solle die Queen beschützen. Der Punk mit erfand. Und ihn gleich vollendete, mit dem einzigen Studioalbum seiner Band, einer der besten Platten der Popgeschichte: eben „Never Mind the Bollocks“. Das war 1977, und es geht natürlich um die Sex Pistols.

Es geht aber mehr noch um Public Image Ltd., das Projekt, das Lydon nach dem tragischen Tod von Basser Syd Vicious 1978 gründete. Aufgelöst Anfang der 90er Jahre, 2009 wiedergeboren, in immer neuen Besetzungen. Die 2016er Edition steht auf der Bühne der Neuen Welt. Ein paar nicht mehr ganz formvollendete Herren um die 60 wollen es wissen. Könnte peinlich werden.

Es handelt sich aber bei weitem um keine Punk-Gedenkveranstaltung. PiL waren von Anfang an musikalisch breiter angelegt, von Reggae, Dub und Discobeats getrieben, offen und lärmig, in den 80er Jahren dann erstaunlich weit oben in den Charts. Lydon lebte hier all seine musikalischen Vorlieben aus, die das Punk-Bild des Einfachen, Rohen gesprengt hätten.

Auch wenn das Licht vorsichtshalber eher dämmrig gehalten ist lässt sich nicht leugnen: Herr Lydon ist pummelig geworden. Schlabbershirt und Weste können es nicht kaschieren. Er liest seine Lyrics vom Notenständer ab. Dazu braucht er eine Lesebrille. Mit der sieht er aus wie ein Musiklehrer, der früher mal in einer Punkband gesungen hat. Er macht lustige, halb ironische, halb energetische Moves: ausgestreckter Zeigefinger, rotierende Arme, kreisendes Becken. Manchmal sieht er aus, als würde er sich selbst dirigieren – irgendetwas zwischen Knuddelbär und Diktatorparodie.

Aber John Lydon hat immer noch diese Stimme. Etwas tiefer ist sie geworden, einen Tick wärmer. Mehr Tremolo. Nicht weniger Kick. Und er weiß bei all dem um sein Alter. Das macht ihn sympathisch. Auch dass der größte Hit der Band, „This is not a Love Song“ schon als dritter Song verbraten wird. Nicht ganz zum Schluss, wie man das nach normalem Businessplan täte. PiL verwandeln diese Disco-Nummer in eine düstere 80er-Gitarren-Version, mit einer vom Paganini-haften Lu Edmonds fies verzerrten Mandoline gespickt.

„Corporate”, vom neuen Album „What the World needs now”, schiebt Hardcore-Einflüsse zwischen. Fette Gitarre, sehr tief gestimmtes Schlagzeug. Erstaunlich deutliche Rufe nach einem besseren Leben prallen auf die Wut, die Lydon immer hatte, noch immer hat: „Looking at World War Three / Because all humans seem to hate humanity”. Dann Death Disco: eine repetitives Requiem, schraubt sich in Steigerungen. Scott Firths Bass pumpt, Lydon kreischt rückwärts. „Never realize / The silence in your eyes”. Dann nimmt er kurz die Lesebrille ab und da ist er, dieser irre Rotten-Blick.

Von da an kommt das Konzert in Fahrt. Die Band spielt immer tighter, trocken, auf den Punkt. „The Order of Death“ baut durchgeknallte Elektro-Sounds auf, mit dickem Basslauf aus dem Synthie und Lydon in Hochform. In „Religion“ werden Kirche und institutionalisierter Glaube persifliert. Mit seiner gruseligsten Comicstimme skandiert Lydon über kranke Marschmusik: „Save us all from all religion“. Und „Warrior“ ist stark, intensiv: ein Gemisch aus Rollentext – vielleicht der eines verrückten Soldaten – und der Selbstbeschreibung eines ewigen Punks: „I’m a warrior / I’ll never surrender / I take no prisoner“. Dann bellt Lydon wie ein Hund und die Meute jault mit. Danach braucht er erstmal ein Handtuch fürs Gesicht.

Gegen Ende schieben PiL mit “Rise” noch ein Radio-Hit-verdächtiges Stück nach, mit unschlagbar einfachem Refrain und der wohl programmatischen Zeile: „Anger is an energy“. Mit dieser Energie haben Lydon und PiL die zu Anfang etwas träge Neue Welt doch kräftig hochgekocht. Fäuste fliegen in die Luft. Victory-Zeichen. Der Boden ist klebrig von Bier. Fast wie bei einem Punkkonzert.