Die Österreicher waren schneller. In Wien durfte Regina Ziegler vor zwei Wochen die Ehren-Romy entgegennehmen. Am 27. Mai wird der legendären Berliner Film- und Fernsehproduzentin dann auch beim Deutschen Filmpreis die Ehren-Lola überreicht. Zudem wird sie mit einer kleinen Ausstellung im Filmhaus geehrt. Wir trafen die Lady in Red in den Büros von Ziegler-Film am Lietzensee und sprachen mit ihr über all die Preise, die da auf dem Schreibtisch und am Fenster stehen, über ihren vor einem Jahr verstorbenen Mann und ihre Firma, die sie auch mit 72 noch zusammen mit ihrer Tochter Tanja Ziegler leitet.
Berliner Morgenpost: Herzlichen Glückwunsch, Sie bekommen dieses Jahr die Ehrenlola. Nun stehen in Ihrem Büro schon so viele Preise. Ist das inflationär, noch einer mehr zum Abstauben? Oder freut man sich immer wieder aufs Neue?
Regina Ziegler: Na, noch habe ich den Preis ja nicht! Aber ich habe gerade einen Grimme-Preis für „Weissensee“ bekommen und kürzlich die Platinum-Romy in Wien. Preise sind immer eine Anerkennung und Bestätigung der Arbeit. Deshalb freue ich mich bei jedem aufs Neue. Denn wer lobt uns Produzenten schon so sichtbar?
Ist das nicht ärgerlich, dass die Österreicher zuerst auf die Idee kamen? Hätte die Lola nicht vorher kommen müssen?
Man soll die Feste feiern wie sie fallen. – Wann ein Preis kommt, ist nicht so wichtig - wenn er denn kommt.
Ketzerisch gefragt: Ist so ein Preis für ein Lebenswerk auch ein Fluch? Weil das so nach Schlusspunkt klingt?
Überhaupt nicht. Meinen ersten Preis fürs Lebenswerk bekam ich schon 1999, die besondere Ehrung des Adolf-Grimme-Preises. Der zweite kam vom Prix Europa, 2012. Ich habe mich darauf eingelassen, dass ein Preis fürs Lebenswerk immer das bisherige Werk ehrt. Also mal sehen, was noch so kommt.

Haben Sie eine Dankesrede vorbereitet?
Warten wir’s ab! Bei der Romy hatte ich’s getan, dann hat aber Klaus Wowereit eine sehr emotionale Laudatio gehalten. Da waren alle bewegt, ich auch. Da wollte ich dann nicht noch mit einer langen Rede die Gäste vom Buffet abhalten.
Sie bekommen nicht nur eine Ehren-Lola. Es gibt parallel auch eine Sonderausstellung im Museum für Film und Fernsehen. Was wird da zu sehen sein?
Unter anderem die Leopardenjacke von Rainer Werner Fassbinder aus „Kamikaze 1989“, die Krone des Infanten aus „Henri 4“ oder der Original-„Mann mit dem Fagott“. Sie zeigen dort viele Filme aus meiner Produzententätigkeit. Und auch von all meinen öffentlichen Auftritten. Da können Sie Tage sitzen und nur gucken.
Haben Sie das schon selber mal gemacht? All Ihre öffentlichen Auftritte gesichtet?
Ich bin nicht so selbstverliebt, dass ich mir so was antäte. Ich habe das alles nie gesehen. Aber ich musste jetzt für diese Ausstellung 21 DVDs sichten, um zu sehen und zu hören, was ich in all den Jahren so von mir gegeben habe.
Und ist das eine klare Linie, in der Sie sich immer wieder erkennen? Oder gab es auch Momente, wo Sie sich fremd waren?
Ach, ich habe mich eigentlich immer wieder erkannt. Besonders witzig ist der Auftritt von Ulrich Schamoni und mir in „Dalli Dalli“. Das sind wirklich hübsche Momente. Mehr werde ich Ihnen aber nicht verraten. Das müssen Sie sich vor Ort anschauen.

Wenn wir auf Ihr – bisheriges – Lebenswerk schauen, gibt es da bei all Ihren Produktionen eine, die Ihnen am meisten am Herzen liegt? Oder kann man das bei all seinen „Kindern“ nicht sagen?
Jede Zeit hat ihren eigenen Geschmack. Aber es gibt Filme, die die Zeit überleben. Wie die Kästner-Verfilmung „Fabian“. Oder „Kamikaze 1989“ von Wolf Gremm, ein Film, der jetzt nach über 30 Jahren wieder in die New Yorker Kinos und dann auch als DVD heraus kommt, zusammen mit Wolfs Dokumentation über Fassbinders letztes Jahr. Oder Filme wie „Korczak“ von Andrzej Wajda, „Sommergäste“ von Peter Stein, „Solo für Klarinette“ von Nico Hofmann, die „Erotic Tales“ von berühmten Regisseuren, um nur einige wenige zu nennen.
Und gibt es auch Filme, die man besser nicht gemacht hätte?
Gibt es. Aber ich sage Ihnen jetzt nicht, welche. (lacht)
Sie waren eine der ersten und lange die einzige Filmproduzentin in einem reinen Männerbusiness. War das besonders schwer, sich da durchzusetzen?
Na ja, ich bin bei den Männern immer ganz gut angekommen. Ich hatte da nie Schwierigkeiten. Und irgendwann hat Ulrich Schamoni gesagt, ich sei der Silberstreif am Himmel, auf den die Männer immer gewartet hätten. Ein schönes Kompliment. Es kommt halt auf die Kompetenz an. Ich sag mal, Kraft des Geistes statt Körperkraft. Natürlich war das ein Haifischbecken. Aber ich habe mich nie als Haifisch gesehen. Ich war mehr so eine Art Meerjungfrau.
Sie haben regelmäßig Ihr Vermögen riskiert, haben sich eine Zeit lang sogar als „minus-Millionärin“ bezeichnet...
Nicht nur bezeichnet. Das war ich auch. Ich bin auch heute nicht ganz schuldenfrei. Auf meinem Haus liegt eine Hypothek. Ich habe immer in die Filme investiert, an die ich geglaubt habe. Als Produzent muss man den Mut zum Risiko haben.
Hatten Sie je Angst, unterzugehen?
Das nicht, nein. Ich war schon von früh auf sehr selbstständig. Mein Vater hatte als Brunnenbauer die Fähigkeit, mit der Wünschelrute Wasseradern zu finden. Und meine Mutter hat sich learning by doing als Journalistin durchgesetzt. Da habe ich wohl von beiden ein wenig geerbt. Ich habe mich immer allein durchgesetzt. Und wenn mal nicht genug Geld da war, etwa in der Zeit, als ich noch für den SFB tätig war, habe ich nebenbei halt noch zusätzliche Tätigkeiten ausgeübt.

Stimmt es, dass Sie auch mal die Berliner Morgenpost ausgetragen haben?
Ja, etwa ein halbes Jahr lang. Da war ich 19 oder 20, wohnte in Charlottenburg und habe die in der Nachbarschaft ausgeteilt. Treppauf, treppab, war nicht schlecht für die Waden. Damals gab es aber noch keine verschlossenen Haustüren. Da lagen frühmorgens auch betrunkene Herren im Treppenhaus, die mich oft angemacht haben. Das fand ich ziemlich gruselig und habe mich dann auf den Verkauf von Waschmaschinen und Hormonpillen verlegt.
Und wie wurden Sie dann zur Meerjungfrau? Wie kam es, dass Sie mit nur 29 Jahren zur Filmproduzentin wurden?
Beim SFB war ich nur ein Aktenschwanz, Mädchen für alles. Ich habe dort Wolf Gremm, meinen späteren Mann, kennengelernt, der viele Sendungen gemacht hat, die ich als Produktionsassistentin betreute. Er hat mich angestupst, dass ich bei einem Sender als Frau keine große Karriere machen würde. Das war Anfang der 70er-Jahre so. Und er hatte diesen Stoff, den er unbedingt machen wollte: „Ich dachte, ich wäre tot“ (sie zeigt auf das Filmplakat an der Wand). Wolf fragte mich, ob ich den Film nicht produzieren wollte. Die Finanzierung klappte anfangs überhaupt nicht. Filmförderung wie heute gab es damals noch nicht. Das Fernsehen wollte auch nicht. Also haben wir das im Alleingang gestemmt. Alle Freunde, die ich angepumpt habe, haben dann gern die Straßenseite gewechselt, wenn sie mich sahen. Meine Mutter hat mir etwas geliehen, Wolfs Eltern auch. So haben wir 100.000 DM zusammengekratzt. Und 1973 unseren ersten Film gemacht. Das war der Start.
Sie treten stets, das ist Ihr Markenzeichen, in schrillen roten Outfits auf. War das auch ein Mittel, um in diesem Business als Frau aufzufallen, herauszustechen?
Man muss auffallen, muss seine Produkte und sich selbst inszenieren. Aber das ist nicht mein Markenzeichen. Ein guter Freund von uns hat Wolf zu seinem 50. Geburtstag gesagt: Das größte Kunstwerk, das du kreiert hast, ist Regina. Nicht umsonst haben wir bei seiner Trauerfeier gebeten, nicht in Schwarz, sondern in frohen Farben zu kommen. Als Wolf erfuhr, wie schwer krank er war, sollte ich kein Schwarz mehr tragen. Ich habe jetzt in Wien das erste Mal seit fünf Jahren ein schwarzes Ensemble getragen, ich finde, dass mir das auch sehr gut steht. Und ich denke, er wird’s mir verzeihen.

Sie haben als Filmproduzentin begonnen, jetzt machen Sie überwiegend Fernsehen. War das eine bewusste Entscheidung oder ein schleichender Übergang?
Ich habe schon früh auch Fernsehen gemacht, zum Beispiel „Die große Flatter“ 1977. Ich bin mit meinen Kinofilmen immer große Risiken eingegangen, da war es nicht schlecht, zweigleisig zu fahren und auch Fernsehen zu machen, womit man auch mal ein bisschen Geld verdienen konnte. Ich habe aber das Kinogeschäft nie aus den Augen verloren. Nicht zufällig haben Tanja und ich das Kino Filmkunst 66 gekauft. Weil wir es für das größte Gefühl halten, über ein eigenes Kino zu verfügen, in dem wir auch eigenes Programm zeigen können.
Sie sind nach wie vor emsig. Könnte man sich das je vorstellen, Regina Ziegler im Ruhestand?
Das könnte ich mir schon vorstellen. Aber warum sollte ich das tun, solange ich noch kann und will? Tanja unterstützt mich da sehr. Als sie den Film „Mutter muss weg“ produziert hat, habe ich mich allerdings schon mal kurz gefragt, wie das wohl gemeint ist. Aber es stellte sich heraus, dass das nichts mit mir zu tun hatte, denn der Titel, den ich auch sehr gut fand, kam vom Autor.
Sie haben sich dann ein wenig zurückgezogen, um Ihren Mann zu pflegen.
Das war mir sehr wichtig. Wir waren so lange zusammen und so lange ein Dreamteam, wenn dann einer von beiden krank wird, verändert sich das Leben über Nacht. Wir haben noch schöne Erlebnisse gehabt in diesen vier Jahren. Das ist eine wertvolle Erinnerung.
Stürzen Sie sich jetzt, nach seinem Tod, umso mehr in die Arbeit?
Was soll ich denn sonst machen? Zuhause sitzen und aus dem Fenster gucken? Das mache ich vielleicht, wenn gerade die Magnolien blühen. Die Arbeit macht mir viel Spaß, ich verfolge großartige Projekte. Und das ist für mich nach wie vor eine große Motivation.





