Buchvorstellung

Raus aus dem Depot

Bald ein Berliner: Heiner Wemhöner zeigt eine Auswahl seiner Sammlung – und sucht ein Kunstdomizil in Berlin

Berlin begeistert ihn:  Heiner Wemhöner vor „World Time Clock“, eine Arbeit von Bettina Pousttchi

Berlin begeistert ihn: Heiner Wemhöner vor „World Time Clock“, eine Arbeit von Bettina Pousttchi

Foto: Juergen Rehrmann © / BM

Was tut ein Sammler, der seine Kunst im Depot hat, weil die Formate längst in keine Wohnung mehr passen? Mal abgesehen davon, dass es sich um 600 Werke handelt. Er gibt einen Katalog heraus, darin kann er immerhin „blättern, lesen und sich in Erinnerung rufen“, was für Bilder er in den letzten Jahren überhaupt erworben hat. Auf diese Idee jedenfalls kam Heiner Wemhöner zusammen mit dem jungen Kurator Philipp Bollmann.

Das Buch „About Painting“ (Kerber, 40 Euro), das sich mit den malerischen Aspekten der Kollektion beschäftigt, ist nun fertig, dazu gibt es eine smarte Pop-up-Ausstellung in der Galerie Judin, damit man sehen kann, dass diese Kunst lebt und nicht nur zwischen den Buchdeckeln existiert. Bollmann hat es vermieden die Wände zuzupflastern, er adelt die Werke durch luftige Hängung. Hoffentlich sieht sich Sasha Waltz die Zeichenserie von Guillaume Bruere an, dort schweben, liegen, bewegen und verknäulen sich aufs heftigste zwei ihrer Tänzer auf Papier, ein wunderbar leichter, wenngleich dramatischer Strich mit Bunt- und Bleistift und Ölkreide ausgeführt. Dort Baselitz’ wuchtiges Doppelporträt „Zweimalerich“, da die winzigen Abschiedsbildnisse von Sue Webster und Tim Noble, die sich mit verbundenen Augen versuchen zu porträtieren. Ein Exerzitium in schwarz-weiß, angeblich trennten sie sich danach.

Der urbane Sog fasziniert ihn

Imi Knoebels radikale Farbabstraktion neben Peter Strauss’ figürlicher Schatzkiste mit witzig malerischen Zitaten von van Gogh bis Andy Warhol. Wunderbare Wahlverwandtschaften bilden sich hier. Schade, die Schau ist lediglich zwei Tage zu sehen, man hätte ihr eine längere Laufzeit gewünscht. Verdient hätte sie es. Doch das Gallery Weekend nächste Woche kündigt sich an – die Galerie muss anfangen ihre Schau vorzubereiten.

Der Unternehmer aus Herford hat seine Präsentation im Windschatten des Kunstmarathonwochenendes gut gewählt, das hat seinen Grund: Wemhöner (65) sucht dauerhaft ein Domizil für seine Kunst in Berlin, „sie soll ja gesehen werden“. Hier reiht er sich ein in die Liga zahlreicher Privatsammler. Eine Wohnung in Mitte, direkt am BE, hat er schon, mitten drin im Trubel der Stadt. Der urbane Sog fasziniert ihn, die Dynamik der Stadt. Das ist etwas anderes als in Herford, wo er sein Unternehmen hat.

Deshalb bleiben ihm nur einige Tage im Monat für die Hauptstadt, zumal er noch eine Firma in China hat, viel unterwegs ist. Da muss man gar nicht fragen, warum er auch zeitgenössische chinesische Kunst sammelt. Zwei große Tableaus von Liu Wei und Shen Fan sind bei Judin ausgestellt. Aber er besitzt auch Bilder von Yue Minjun. Bekannt wurde er weltweit mit seinen blitzweißen Zahnreihen-Chinesen-Gesichtern.

Als Sammler ein „Spätzünder“

2000 bis 2500 Quadratmeter, plus, minus, so groß stellt er sich sein Ausstellungshaus vor. Eine alte Industrieanlage in Alt-Stralau hatte er bereits im Blick, jemand anderes kam ihm zuvor. Der Sohn aus einem Handwerkerhaushalt hat einen Faible für Industriebrachen, die hätten Charme und man könne viel selber machen.

Gerade gestern hat er ein neues Projekt entdeckt, wenn das klappt, erzählt er, wäre „das ein Hammer“. Klar, dass er nichts sagen will, bis der Vertrag für die Immobilie nicht halbwegs steht. Wenn es klappt, rechnet er mit etwa zwei Jahren für die Restaurierung. Berlin wird also demnächst einen neuen Sammler begrüßen können.

Seit Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre sammelt er, aber „richtig“ erst seit sieben, acht Jahren. Was er damit wohl sagen will, ist wahrscheinlich, dass seine Sammlung sich die letzten Jahre verändert hat. Jünger, experimenteller, weniger gefällig wie am Anfang. Unter den Neuankäufen findet man Jorinde Voigt, der Fotograf Andreas Mühe gehört zu seinen Lieblingskünstlern, den Hamburger Maler Frank Wiebe hat er für sich entdeckt. Wemhöner ist einfach mutiger geworden. Er sammele aus dem „Bauch heraus“, spontan, es muss funken, wie bei der Liebe, so beschreibt er das. Den Luxus leistet sich der Diplomökonom, ein Spätzünder als Sammler, findet er. Manchmal, sagt er, lässt er sich dann doch einen Schubs gegen. Wenn Galeristen ihn in die eine oder andere Richtung beraten.

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