Kunst

Auch Künstler drängt es fort: „Wir suchen das Weite“

Seit es den Menschen gibt, ist er unterwegs. Das gilt auch für Künstler. Das Kupferstichkabinett zeigt Reisebilder aus fünf Jahrhunderten.

Die Vehreißung der Neuen Welt: Philip Pearlsteins „View over Soho, Lower Manhattan“, eine radierung von 1977-78

Die Vehreißung der Neuen Welt: Philip Pearlsteins „View over Soho, Lower Manhattan“, eine radierung von 1977-78

Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz / bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

„Ich bin dann mal weg“, schreibt Hape Kerkeling und begibt sich auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Diese wohl modernste Reise, die wiederentdeckte Wallfahrt, dient heute nicht selten als Entschleunigung im Rückzug auf sich selbst. Bei Kerkeling wurde aus der Wanderschaft erst ein Buch, später sogar ein Kinofilm.

Seit es den Homo sapiens gibt, ist er unterweg, anfangs zu Fuß, mit eingeschränktem Radius, dann per Pferd und Kutsche, später steigern Schiff, Eisenbahn und Flieger die mobile Sehnsucht. Es folgten neue Namen: Künstlerreisen, Expeditionen, Bildungsreisen, Geschäftsreisen, Vergnügungsreisen, am Ende steht die absurdeste Form: die Pauschalreise, die eigentlich keine Reise mehr ist, weil alles so ist wie zu Hause. Nur die Sonne scheint.

100 Bilder über das ewige Unterwegssein

Als literarische Vorboten, die einst unsere Fantasie beflügelten, galten Marco Polos „Buch von den Wundern der Welt“. Auch die „Reisebilder“ von Heinrich Heine oder die „Wanderlieder“ von Joseph von Eichendorff dürften im vorigen Jahrhundert noch manches Regal geschmückt haben. Heute gibt es ein neues Medium: keine Reise ohne Selfie aus allen Ländern dieser Erde.

Im Kupferstichkabinett am Kulturforum heißt es in Vorfreude auf die Sommermonate: „Wir suchen das Weite.“ Mit diesem neuen Format populäre Themen der Kunstgeschichte leichthändig aufzubereiten, konnte das Haus mit Schauen wie „Wir gehen Baden!“ und „Wir kommen auf den Hund!“ bereits in den letzten beiden Jahren beim Publikum punkten.

Doch was zog die Künstler in die Ferne, was erlebten sie? In der Schau geht es rund um den Globus mit zahlreichen „Reisebildern von Alfred Dürer bis Olafur Eliasson“. 100 Werke illustrieren das Unterwegssein über Jahrhunderte, als das Reisen tatsächlich noch Fremdsein bedeutete. Von New York geht es in die Südsee, mit Narrenschiffen befindet man sich auf allerlei Traumreisen.

Da das Reisen aufs Engste mit der Kunst auf Papier (leicht und handlich) verknüpft ist, dominieren Radierungen und Zeichnungen die Gemälde prominenter Wanderer. Diese „Grand Tour“ aber ist alles andere als eine gestutzte Pauschalreise, hier gibt es einiges abseits der großen Routen zu entdecken. Sogar hübsche Muscheln aus Cadiz von Georg Hoefnagel – in einem winzigen Panorama skizziert.

Ein Mikrokosmos in kleinsten Strukturen

Zu den jüngst Gereisten gehört Olafur Eliasson, der am Pfefferberg sein Großstudio unterhält. Er ist in die Luft gegangen, zeigt uns in seiner „Cartographic Series Nr. 3“ den Blick von oben auf die Welt. Und der gründet eben auf der Umkehrung unserer Perspektive. Die Serie basiert auf ­Luftaufnahmen von Island aus den 50er-Jahren. Was weit und fern erscheint, ist hier in einen Mikrokosmos von kleinsten Strukturen zerlegt.

In Franz Ackermanns schmalen „Mental Maps“ explodiert die globale Welt, poppige Fragmente von Architekturen fliegen uns um die Ohren. Alles rotiert, einen Fixpunkt gibt es nicht. Oder nicht mehr.

Ganz bei sich und in der Heimat geblieben ist Caspar David Friedrich. Der Romantiker aus Greifswald hat nur einen schmalen Tornister als Reisegepäck, der baumelt an einem Stock über der Schulter. Georg Friedrich Kersting hat den empfindsamen Wanderer 1810 in Aquarell festgehalten. Dessen Ziel: das Riesengebirge.

Karl Friedrich Schinkel zieht es auf den Gipfel des Ätna, es stürmt, sein Cape weht dämonisch – er malt sich in Heldenpose. Nebenan bei Adolph Menzel wird es exotisch, er besucht auf seiner Paris-Reise die Welt-Ausstellung 1867 und scheint von der Präsentation der Chinesen so angetan, dass er gleich zwei Skizzenbücher füllt mit reichlich exotischen Asiatinnen in schillernden Kimonos beim Füttern von Goldfasanen. Die Verzauberung durch das Fremde.

Erstaunlich, wie sich einige Jahrzehnte später Emil Nolde als „Reisezeichner“ betätigt. Das Reichskolonialamt hat ihn 1913 auf eine „Deutsch-Neuguinea-Expedition“ eingeladen. Heute würde sich der Künstler mit seinen Porträts schnell unter Rassismus-Verdacht geraten. Nolde reduziert die Inselbewohner auf Klischees: schwarze Locken, überall Ringe im Gesicht, der dämonische Blick lässt nichts Gutes erahnen. Der Traum des Malers vom unberührten Paradies – er ist ausgeträumt.

Einen Stop auf der Strecke gibt es bei Ed Ruschas „Standard“-Tankstelle irgendwo in den USA, Xaver Fuhr landet auf einem Flugplatz und Richard Hamilton startet mit dem Kosmonauten Juri Gagarin ins All. Überall gibt der technische Fortschritt Gas. Wie schweißtreibend dagegen eine Wanderschaft im Mittelalter zu Fuß sein konnte, zeigt Marten van Heemskerck mit seiner gezeichneten Riesensandale neben einer verkleinerten römischen Säulenhalle. Die Füße haben mächtig gelitten.

Italien, Sehnsuchtsland der Künstler, darf nicht fehlen

Natürlich Italien, immer wieder, Sehnsuchtsland der Künstler. Alfred Dürer machte sich zu Fuß auf über die Alpen nach Rom und zeichnete voller Vorfreude, was er auf dem langen Weg dorthin sah. Schinkel skizziert die pittoreske Dächerlandschaft Venedigs von seiner Terrasse aus, Piranesi, detailverliebt, das römische Kolloseum.

Und was bleibt am Ende übrig von all den Enden der Welt? Die letzte Reise ist der Tod. Bei Max Klinger wartet schon der Geier – hoch oben auf dem Gipfel.

Kupferstichkabinett am Kulturforum, Matthäikirchplatz. Di-Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Bis 25. September. Katalog: 14,95 Euro