Weltkulturerbe

„Was wollen wir wieder rekonstruieren?“

Palmyra ist frei. In der antiken Stadt in Syrien ist weniger zerstört, als vermutet. Nicht nur Berlin bietet Hilfe beim Aufbau an.

Hier herrscht Zerstörung: Die monumentalen Bögen liegen in Schutt und Asche, andere Bereiche in Palmyra wurden offenbar nur wenig beschädigt

Hier herrscht Zerstörung: Die monumentalen Bögen liegen in Schutt und Asche, andere Bereiche in Palmyra wurden offenbar nur wenig beschädigt

Foto: Valery Sharifulin / dpa

Palmyra, die Oasenstadt, ist frei. Diese Meldung ging am Osterwochenende weltweit durch die Medien. Vor knapp einem Jahr war die antike Metropole von IS-Kämpfern erobert worden. Die Dschihadisten sprengten Kulturgüter wie den Baaltempel, den Baalschamintempel und nutzen die antiken Kulissen effektvoll für ihre grausamen Hinrichtungen.

Wie es dort jetzt tatsächlich nach der Befreiung aussieht, in welchen Zustand die einzelnen Artefakte sind, ist schwer einschätzbar. Noch herrscht Krieg im Land. Die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete vor zwei Tagen – unter Berufung auf den Direktor der Antiquitäten- und Museumsverwaltung, Nasir Awad –, dass mehr als 80 Prozent der Kulturschätze in einem gutem Zustand seien. Noch sichtet ein Expertenteam vor Ort.

Hilfe zur Selbsthilfe für syrische Kollegen

Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin, hat Kontakte zu syrischen Wissenschaftlern und sich anhand von Drohnenbildern einen ersten Überblick verschafft. Diese Luftaufnahmen geben ein präzises Bild, was tatsächlich zerstört wurde. Zum Vergleich dienen Fotografien, die vor dem Terroranschlägen entstanden. Weber ist erfreut, dass der „Kernbestand der Stadt keine weitere Zerstörung aufweist“. Auch die berühmte Säulenstraße an der Kreuzung der Hauptstraße sehe auf den „ersten Blick gut aus“. Die Therme, kleinere Tempel und das Theater wirken so, als seien sie nicht stärker in Mitleidenschaft gezogen. Natürlich aber gebe es an vielen Gebäuden diverse Einschusslöcher, auch die Zitadelle habe Schäden aufgrund von Kriegshandlungen. Wie aber die Innenräume aussehen, weiß man nicht. Dafür muss man vor Ort sein, doch das ist abhängig von der Sicherheit und den nationalen Verantwortlichen.

Geschockt war Stefan Weber, als er auf einem You-Tube-Video aus Syrien den Grad der Zerstörung des Museums gesehen hat. „Alles kurz und klein geschlagen, dutzende Grabplatten und Großskulpturen sind zerstört“, sagt er. Laut Antikenverwaltung hieß es, die tragbaren Objekte seien in Sicherheit gebracht wurden. Doch die Bilder zeigen, so Weber, dass sie gar nicht abtransportiert wurden.

Kulturelle Diskussion über Wiederaufbau

Berlin hat nun Unterstützung für die zerstörten Welterbestätten angeboten. „Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz lässt sich sagen, dass wir für jede Form der Hilfe bereitstehen“, teilte Stiftungspräsident Hermann Parzinger am Mittwoch mit. Das gelte auch für wissenschaftliche Expertise in Sachen Rekonstruktion. Man sei in engem Kontakt zu den syrischen Kollegen. Parzinger vermutet, dass die Antikenverwaltung in der kommenden Woche genau sagen könne, wo sie Hilfe von der Weltgemeinschaft erwarte. Da sei in erster Linie die Unesco gefordert.

Die Stiftung bietet auch Hilfe zur Selbsthilfe für syrische Restauratoren an. „Wenn unsere syrischen Kollegen dies wollen, werden wir auch Experten nach Palmyra entsenden.“ Die Preußen-Stiftung verantwortet das Pergamonmuseum, wo das Islamische Museum untergebracht ist, das nach der Sanierung mit einer Verdopplung seiner Fläche neu aufgestellt wird.

Angesichts der Zerstörungen in Palmyra rät Giovanni Boccardi, Leiter der Unesco-Krisenabteilung, zu einem behutsamen Vorgehen. Die Rekonstruktion sei unbedingt verbunden mit einer kulturellen Diskussion. „Was wollen wir wiederherstellen, kreieren? Aus diesem Grund brauchen wir ein Gespräch mit allen Beteiligten und das ist nichts, was wir im verschlossenen Kämmerlein entscheiden werden. Das liegt vor allem in der Hand Syriens.“