Was einen zuerst beim Ansehen dieser TV-Trilogie befällt, ist Fassungslosigkeit. Und dann Wut. Und das lässt auch nicht nach. Man hat zwar über die Jahre so ziemlich alles gelesen über das NSU-Terrortrio, aber wenn man das dann emotional aufbereitet bekommt, nicht als Dokumentar-, sondern als Spielfilm, dann trifft einen das noch mal ganz anders, dann wühlt das ganz anders auf. Und man mag nicht glauben, dass das alles nicht in einer Bananenrepublik passiert ist, sondern wirklich in Deutschland.
Der ARD ist es daher nicht hoch genug anzurechnen, dieses Konzept verwirklicht zu haben. Drei Regisseure mit höchst eigenwilligen Handschriften, verarbeiten den NSU-Skandal aus drei höchst unterschiedlichen Perspektiven. Drei Filme, die alle für sich bestehen, aber erst in ihrer Gesamtheit die ganze Misere auffächern. Das ist alles andere als Wohlfühlfernsehen, das tut oft schmerzlich weh. So sehr, dass man sich immer wieder dabei erwischt, wie man gern wegzappen würde. Aber man muss unbedingt dranbleiben. Denn „Mitten in Deutschland: NSU“ ist das mutigste und ambitionierteste Fernsehprojekt des Jahres.

Der erste Teil ist gleich der unangenehmste. Weil er uns in die Perspektive der Täter zwingt. Die Beate Zschäpe, der wir hier am Anfang begegnen, ist noch keineswegs die kühle, berechnende Person vom Ende. Eher ein verschüchtertes Mädchen, dessen Pubertät im Osten mitten in die Wendezeit fällt, in die große Leere, als die Eltern und Lehrer jegliche Autorität und Vorbildfunktion verlieren. Scientology steht als erstes vor der Tür und versucht das Mädchen anzuwerben. Dann aber kommen die Ultrarechten, von denen einer sie besonders bezirzt.
Am Ende wird sie ihn mit seinem besten Freund betrügen, aber beide dirigieren. Christian Schwochow deckt hier – ähnlich wie Burhan Qurbani in seinem Kinofilm „Wir sind jung. Wir sind stark“ – die Anfälligkeit einer orientierungslosen Generation für die rechten Parolen auf. Kürzlich erst hat man Lisa Wagner in dem Dokudrama „Letzte Ausfahrt Gera“ in dieser Monsterrolle der Beate Zschäpe gesehen, aber dort war das auf einen kurzen Zeitraum verdichtet. Anna Maria Mühe dagegen macht hier eine Wandlung durch, die einen frösteln lässt.

Klug hört dieser Teil mit dem ersten Mord und dem Abtauchen in den Untergrund auf. Die ganze Mordserie aus Sicht der Täter zu sehen, wäre wirklich nicht zu ertragen. Das übernimmt der zweite Teil, der die Jahre des NSU-Wütens aus Sicht der Familie des ersten Mordopfers zeigt. Auch hier kommt fassungslose Wut auf, wenn man sieht, wie die Polizei den Angehörigen keinerlei Mitgefühl entgegenbringt, sondern sie von Anfang an selbst verdächtigt, ja ihnen über Jahre hinweg vormacht, der Tote sei ein Dealer gewesen.
Und doch ist Züli Aladag mit seinem Film der wärmste Beitrag gelungen, weil er von Menschen erzählt, die sich nicht beirren lassen und über die Jahre mit den anderen Betroffenen zu einer Stimme werden, die man nicht mehr überhören kann.

Die größte Leerstelle muss Florian Cossen im dritten Teil füllen, der erzählt, wie die Ermittlungen immer wieder behindert wird und am Ende nicht nur Akten, sondern auch Zeugen aus dem Weg geräumt werden. Von übergeordneten Instanzen, denen nicht an der Aufklärung gelegen ist, weil sie zeigen würden, wie sehr sie selbst in den Aufbau solcher Terrorzellen verstrickt sind.
Drei Filme, die bewusst provozieren. Und Finger in offene Wunden legen. Selten wird, auch international gesehen, im Fernsehen Geschichte aufbereitet, die noch nicht vergangen, die noch höchst gegenwärtig ist. Zumindest in dieser Hinsicht geht Deutschland beispielhaft voran.
„Mitten in Deutschland: NSU“ Teil 1: Mittwoch, Teil 2: 4. April, Teil 3: 6. April, jeweils ARD, 20.15 Uhr





