Fernsehen

"Wut und Trauer": Drei Regisseure über ihre drei NSU-Filme

Züli Aladag, Florian Cossen und Christian Schwochow haben einen ARD-Dreiteiler über den NSU-Skandal gedreht. Wir haben sie gesprochen.

„Als wir loslegten, war da erst mal Wut, Fassungslosigkeit, Trauer“: Drei Jahre lang haben sich die Regisseure Züli Aladag; Florian Cossen und Christian Schwochow (v.l.) mit der NSU befasst

„Als wir loslegten, war da erst mal Wut, Fassungslosigkeit, Trauer“: Drei Jahre lang haben sich die Regisseure Züli Aladag; Florian Cossen und Christian Schwochow (v.l.) mit der NSU befasst

Foto: dpa Picture-Alliance / Ralf Succo / picture alliance / Ralf Succo /

Es ist das TV-Highlight des Jahres. Zur Aufarbeitung des NSU-Skandals legt die ARD einen kühnen Dreiteiler vor: „Mitten in Deutschland: NSU“. Drei Filme von drei sehr unterschiedlichen Regisseuren, die alle auch einzeln bestehen, aus drei Perspektiven. „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ von Christian Schwochow ist kommenden Mittwoch zu sehen, „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ von Züli Aladag am 4. April und „Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch“ von Florian Cossen, am 6. April. Drei Filme, die sehr mutig sind, sehr wütend machen und Kontroversen herausfordern. Wir haben die Regisseure vorab gesprochen.

Berliner Morgenpost: Eine profane Frage vorab: Konnten Sie die Ostertage genießen? Oder dachten Sie schon an den Mittwoch und die mögliche Einschaltquote?

Florian Cossen: Darf ich da zuerst antworten? Ich habe noch nie Fernsehen gemacht, hatte noch nie Erfahrung mit der Quote. Deshalb ist das ein ganz jungfräulicher Moment für mich. Bei meinem letzten Kinofilm wurde ich mit Zuschauerzahlen nicht so verwöhnt. Daher fühlt sich alles, was siebenstellig ist, per se erstmal großartig an.

Christian Schwochow: Bei diesem Projekt war man zu sehr vielen Zeitpunkten sehr nervös und angespannt. Insofern ist da vor allem Freude, dass die Filme endlich ausgestrahlt werden und der Druck abnimmt. Wenn die Leute das aber nicht gucken sollten, da muss ich dir widersprechen, Florian, das wäre sehr traurig. Die Filme werden aber so oder so, davon bin ich fest überzeugt, bleiben und ihren Weg machen!

Züli Aladag: Natürlich ist das ein schwieriges Thema. Der durchschnittliche Zuschauer will unterhalten werden. Und das hier ist kein Wohlfühlfernsehen. Klar wollen wir ein großes Publikum erreichen. Wir denken aber, dass unsere Filme etwas bewegen werden, egal, wie hoch die Quote wird. Es passiert ja nicht ständig, dass im Fernsehen aktuelle gesellschaftspolitische Themen so schnell fiktional umgesetzt werden. Und das Öffentlich-Rechtliche muss sich ja auch gar nicht so an der Quote orientieren. Es ist nur oft so, wenn Projekte mit besonderen Ansprüchen an der Quote scheitern, ist für ein paar Jahre mit sowas erst mal Schluss. Wer soll aber solche Filme sonst machen, wenn nicht das Öffentlich-Rechtliche?

Wie kam es überhaupt zu diesem Ausnahmeprojekt?

Aladag: Das geht auf die Produzentin Gabriela Sperl zurück, die schon recht früh, ab 2012, kurz nach dem Auffliegen des NSU-Skandals, darüber nachgedacht hat, wie man das aufarbeiten könnte. Und irgendwann mit dieser Idee auf uns zukam, drei Spielfilme aus drei Perspektiven von drei Regisseuren zu machen.

Schwochow: Sowie sie uns und unsere Autoren im Boot hatte, ging sie auf die ARD zu. Und hatte innerhalb von sechs Wochen die Zusage und das klare Signal: Diese Trilogie wird es geben. Sechs Wochen, das ist eine Sensation. Gabriela hätte auch nicht aufgegeben. Wenn es bei der ARD nicht geklappt hätte...

Aladag: … dann hätte sie das beim ZDF untergebracht.

Schwochow: Oder bei Netflix. Sie hatte eine Vision, bei der jeder denken musste: Wenn du da nicht dabei bist, machst du was falsch.

Wurde dann gewürfelt, wer welchen Teil macht? Oder war das von Anfang an klar?

Cossen: Ich glaube, die haben einfach gedacht, welcher Regisseur kennt sich mit Ossis aus? Nehmen wir den Schwochow. Wer kennt sich mit Türken aus? Ah, der Aladag. Und wer hat im Entferntesten mit Beamten zu tun? Da gibt es doch diesen Diplomatensohn.

Aladag: Ich hätte mir auch einen ganz anderen Beitrag dazu vorstellen können. Aber ich habe das nie hinterfragt, dass ich mit dem Migrationshintergrund jetzt den Film über die Opfer mache.

Schwochow: Und mit dieser Grundidee stand ja noch nicht gleich fest, wie unsere Filme aussehen würden. Mich hat die Figur der Beate Zschäpe am meisten interessiert, wie die sich so radikalisieren konnte. Man hätte den Film über die Täter auch an dem Zeitpunkt anfangen können, wenn die drei in den Untergrund gingen. Aber ich fand viel spannender, wie sie bis dahin kamen.

War das nicht hart, sich über Jahre mit diesem Thema zu beschäftigen? Sich mit diesem braunen Sumpf auseinanderzusetzen? Wie hält man so was aus?

Aladag: Wir haben immer wieder in großen Runden den Stand der Dinge ausgetauscht und recherchiert. Anfangs waren wir schon sehr aufgewühlt, da gab es immer wieder eine große Ungläubigkeit, dass sowas in unserem Land passieren konnte. Aber irgendwann professionalisiert sich der Blick, man versucht die Fakten für das Projekt zu transportieren. Das weicht dann dem Schrecken. Sonst wäre es auch nicht auszuhalten.

Schwochow: Natürlich waren wir alle anfangs noch nicht so tief im Stoff. Als wir loslegten, war da erst mal Wut, Fassungslosigkeit, Trauer. Ich habe viel in der rechten Szene recherchiert, da guckst du in Abgründe, da fasst man sich immer wieder an den Kopf. Aber gleichzeitig kräftigt dich das in deinem Antrieb, deinen Film darüber so radikal wie möglich zu machen. Das ist so ungeheuerlich, das muss erzählt werden. Und das kannst du mit filmischen Mitteln viel bewusster machen als etwa Journalisten in ihrer Berichterstattung.

Aber es war schon eine Erlösung, dazwischen sowas wie Ken Follett zu drehen?

Schwochow: Ja, das hatte sehr viel damit zu tun. Wenn du dich den ganzen Tag mit der Psychologie von Neonazis beschäftigst, musst du zwischendurch auch etwas ganz Anderes tun.

Wie war das während der Dreharbeiten? Wenn da „Sieg Heil“ geschrien wird, sammeln sich da automatisch Neonazis? Und wie verhalten sich die Anwohner?

Schwochow: Wir haben den Dialog mit den Anwohnern gesucht. Haben erklärt, dass wir einen Film drehen. Aber als wir in Jena an der Schule drehten, auf die Beate Zschäpe gegangen ist, haben schon mal junge Leute im Block gegenüber Fahnen rausgehängt und zu uns rüber gegröhlt. Wir hatten viel Security, das war immer ein mulmiges Gefühl. Dennoch waren die Dreharbeiten vielleicht die lustigsten, die ich je hatte. Aus reinem Selbstschutz: Wenn du den ganzen Tag „Sieg Heil“ rufst, musst du das wieder loswerden, da spielt Humor eine ganz große Rolle.

Herr Aladag, Ihr Film heißt „Vergesst uns nicht“. Besteht die Gefahr, dass die Opfer vergessen werden?

Aladag: Die Opfer werden leider allzu schnell vergessen. Wir haben uns früh für diesen Titel entschieden. Es handelt sich um zehn Menschen, denen das Leben geraubt wurde, um zehn traumatisierte Familien, deren Biographien brutal verändert wurden. Der Film ist ein lebendiges Denkmal für die Opfer. Das trifft auch auf die gesamte Trilogie zu.

Herr Cossen, Ihr Teil hat die meisten Leerstellen zu füllen: wie die Ermittlungen von Behörden behindert und sabotiert wurden. Muss man da Angst haben, dass morgen die Anwälte vor der Tür stehen?

Cossen: Man stelle sich mal vor, der Verfassungsschutz würde eine einstweilige Verfügung gegen diesen Film aussprechen. Eine bessere Werbung für uns könnte es doch gar nicht geben. Je mehr ich über den NSU-Komplex las, desto klarer wurde mir, dass es uns nicht darum gehen kann, die große Wahrheit ans Licht zu bringen – das versuchen Journalisten seit vier Jahren –, sondern eine Wahrhaftigkeit zu finden. Und da ist der Spielfilm genau das richtige Medium: Um ein Gefühl zu finden für diese Fassungslosigkeit, diese Unglaublichkeit, die man immer stärker verspürt, je mehr man sich einarbeitet. Wenn einem klar wird, dass der Thüringer Verfassungsschutz in Jena die rechte Szene bewusst aufgebaut hat! Es ging mir darum, im Kern etwas Wahrhaftiges zu treffen, was uns der Wahrheit vielleicht etwas näher bringt. Ich wüsste gar nicht, wie man dagegen juristisch vorgehen könnte.

Wird Ihr Dreiteiler etwas bewirken? Wird nun womöglich eine leidenschaftliche Debatte entbrennen?

Schwochow: Na hoffentlich. Es wäre ja komisch, wenn uns plötzlich alle Recht geben würden. Wir sind bei unserer Suche nach Wahrheit sehr weit gekommen. Aber ich möchte schon, dass uns Leute widersprechen. Nur dann findet eine Debatte statt. Was mich immer nervt, ist die gängige Aufarbeitung von Geschichte im deutschen Film. Wo man mit gesicherten Erkenntnissen nacherzählt und mit klaren Identifikationsfiguren. Da frage ich mich immer: Wo provoziert ihr mich eigentlich? Ist doch alles Konsens. Wir setzen uns hier mit der eigenen, eben erst passierten Geschichte auseinander. In gewisser Weise beschmutzen wir unser Nest. Weil wir so sehr an Deutschland glauben. Heutzutage traut man sich ja kaum noch zu sagen: Ich will was verändern mit meiner Arbeit. Aber wir wollen das. Ich glaube, dass wir sehr angreifen und den Zuschauer direkt konfrontieren. In meinem Teil mit der Frage: Wie leicht wäre auch ich verführbar? Wir sehen ja gerade, wie viele Menschen wieder verführbar sind und wie verführt wird. Und ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen auf Zülis Film, wo die Leute ihrem eigenen Rassismus begegnen.

Cossen: Fernsehen kann innovativ sein. Die Entscheidung, den Komplex nicht in einem Film zu erzählen, sondern in dreien, hat uns eine große Freiheit gelassen. Sonst muss man ja immer auf eine gewisse Ausgewogenheit achten, dieses Mal konnten die Autoren und wir radikal nur eine Perspektive einnehmen und in der Summe im Zusammenspiel mit den anderen beiden Perspektiven eine filmische Dreidimensionalität kreieren.

Aladag: Und diese Filme machen klar, wir betrachten nicht die anderen, die wir nur in Kategorien stecken: Die Ostdeutschen, die Neonazis, die Türken, die Sicherheitsdienste, mit denen haben wir nichts zu tun. Eben nicht. Wir haben mit all diesen Dingen zu tun. Es geht uns alle an. Auf die Neonazis müssen wir genauso schauen wie auf die Einwanderer. Und wir alle müssen unsere Demokratie verteidigen. Wir wollen nicht die Gesellschaft als Ganzes, aber doch den Menschen im Einzelnen bewegen.

Bei „Weissensee“ war es möglich, gerade auch bei „Ku’damm 56“. Warum zeigt man Ihren Dreiteiler nicht an drei Abenden hintereinander? Oder braucht es eine Atempause dazwischen, um das überhaupt verdauen zu können?

Schwochow: Ich finde es richtig, dass Zeit zwischen den Teilen liegt. Weil jeder Film eine Wucht für sich hat. Aber ich sage ganz offen, ich bin nicht glücklich darüber, dass zwischen Teil 1 und 2 fünf Tage liegen.

Aladag: Wir hatten da eine Diskussion mit den Programmplanern, dass wir uns eine andere Taktung gewünscht hätten. Es gab aber so viele Faktoren zu berücksichtigen, irgendwann waren wir machtlos.

Schwochow: Nun ist die Programmplanung eine ganz eigene Mathematik, bei der man unglaublich viele Komponenten berücksichtigen muss. Und ich habe erst mal das Vertrauen in die Verantwortlichen, dass die wissen, was sie tun. Die ARD steht ja absolut hinter dem Projekt. Man kann wirklich nicht behaupten, dass das sogenannte Redakteurs-Fernsehen versucht hätte, bei diesen Filmen irgendwelche Ecken und Kanten abzuschlagen.

Nun werden die Filme kurz nach drei Landtagswahlen und unfassbaren AfD-Erfolgen ausgestrahlt und bekommen damit eine ungeahnte Aktualität. Zeigen Ihre Filme vielleicht nur den Anfang von etwas?

Schwochow: Ja. Die Ergebnisse sind ein Alptraum und machen mir große Angst. Aber wenn Sie mir die gleiche Frage vor einem Vierteljahr gestellt hätten, hätte ich sie genauso beantwortet. Das hat sich jetzt zwar in Wahlergebnissen manifestiert, aber diese Verwerfungen dauern schon sehr viel länger an. In den 90ern standen viele drumrum, aber die kriminellen Taten wurden von Glatzen begangen. Heute sind das nicht mehr Glatzen, sondern Leute aus der Mitte der Gesellschaft. Und das macht es so viel unheimlicher. Wir dürfen nicht aufhören, uns dagegen zu stellen.

Aladag: Rechte Positionen und Fremdenfeindlichkeit so offen zu artikulieren, dafür sind Pegida oder die AfD nur eine Hülle, in der sich das sammeln kann. Für mich hat die Zäsur schon sehr viel früher angefangen, mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Das hat mich damals sehr wütend gemacht, weil ich nicht erwartet hätte, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit schon so sehr in der bürgerlichen Mitte angelangt sind. Die Debatte über Einwanderung und Integration muss man führen, keine Frage. Aber fast hatte man das Gefühl, Deutschland habe darauf gewartet, dass jemand mal so redet. Fremdenfeindliche Morde und Terror gibt es schon seit Jahrzehnten. Und Flüchtlingswohnheime werden auch täglich angezündet. Das ist schon besorgniserregend. Besorgniserregend ist aber auch, wie die Politik und wie wir als Gesellschaft darauf reagieren.

Cossen: Das beantwortet auch die Frage, ob man Geschichtliches schon aufarbeiten sollte, bevor es abgeschlossen ist: mehr denn je! Die Ausschreitungen in den 90er-Jahren waren auch keine solitären Ereignisse, die nie wieder zurückkehren. Hier wiederholen sich Dinge, die wir schon gehabt haben. Und ich hoffe, wir können einen kleinen Beitrag dazu leisten, innezuhalten und nachzudenken.

Die Filmemacher:

Züli Aladag 1968 in der Türkei geboren und 1973 nach Deutschland gekommen, ist über Produktion- und Regieassistenz zur Regie gekommen und hat an der Kunsthochschule von Köln Regie studiert. Seit 2002 lebt er in Berlin. Seinen ersten Spielfilm „Elefantenherz“ drehte er 2002. Sein kontroverses Integrationsdrama „Wut“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Für den zweiten Teil der Trilogie hat er sich mit den Familien der NSU-Mordopfer getroffen.

Florian Cossen, 1979 in Tel Aviv geboren, wuchs als Sohn eines Diplomaten in Israel, Kanada und Spanien auf und lebt seit 1994 in Deutschland. Er hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert und mit seinem Spielfilmdebüt „Das Lied in mir“ zahlreiche Preise eingeheimst. Zuletzt kam von ihm die Tragikomödie „Coconut Hero“ in die Kinos. Seine Filme entwickelt er meist mit seiner Freundin Elena von Saucken.

Christian Schwochow, 1978 auf Rügen geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen, hat auch in Baden-Württemberg studiert. Gleich sein Erstling „Novemberkind“ wurde vielfach ausgezeichnet. Mit Filmen wie „Westen“, „Bornholmer Straße“ und der Bestseller-Adaption „Der Turm“ hat er sich als Spezialist für Spielfilme über DDR und Wendezeit bewährt, was ihn auch für den ersten Teil der Trilogie prädestinierte.