Film

Julie Delpy traut sich auch teure Filme zu

Sie hat sich als Schauspielerin und Regisseurin bewiesen. Doch das reicht nicht als Frau. Julie Delpy über Missstände im Filmbusiness.

Sie schreibt den Film, dreht ihn und spielt auch noch die Hauptrolle:  Julie Delpy als Violette in „Lolo - Drei ist einer zu viel“

Sie schreibt den Film, dreht ihn und spielt auch noch die Hauptrolle: Julie Delpy als Violette in „Lolo - Drei ist einer zu viel“

Foto: The Film / dpa

Das Interview fand schon vor geraumer Zeit statt: ausgerechnet an ihrem Geburtstag am 21. Dezember war Julie Delpy in Berlin. Eigentlich aus privaten Gründen. Sie nutzte die Gelegenheit aber auch, um für ihren neuen Film Werbung zu machen. In "Lolo – Drei ist einer zuviel" spielt sie eine alleinerziehende Mutter, die sich neu verliebt, was der 18-jährige Sohn aber mit allen Mitteln der Kunst zu verhindern sucht.

Bei dem Film zeichnet sie sich einmal mehr für Regie und Drehbuch verantwortlich. Auch wenn die Französin längst in Los Angeles lebt, hat sie diesen Film einmal mehr in ihrer Heimat gedreht – genau wie ihren letzten Erfolg "2 Tage in Paris". Warum immer das alte Europa als Drehort?

Weil sie in den USA einfach nicht genügend Geld zusammenbekommt. Was sie auch auf den grassierenden Männerwahn in Hollywood zurückführt. Wir trafen eine in dieser Hinsicht unheimlich frustrierte und wütende Julie Delpy im Berliner Hyatt Hotel.

Berliner Morgenpost: Frau Delpy, wie kommt es, dass Sie Ihren Geburtstag in Berlin verbringen?

Julie Delpy: Ach wissen Sie, ich feiere den nicht wirklich. Aber ich habe ein kompliziertes geteiltes Sorgerecht für meinen Sohn. Diese Woche hat mein deutscher Ex unseren Sohn, deshalb habe ich die Zeit genutzt. Alle Arbeit, die ich mache, richtet sich ganz nach den Plänen meines Jungen.

Ihr Ex ist der Filmkomponist Marc Streitenfeld. Dann sind Sie regelmäßig in Deutschland?

Nein, er wohnt ja auch in L.A. Nein, das wär ja noch schlimmer bei all der Misere, wenn wir unseren Sohn immer hin- und herschicken müssten. Mein Ex wohnt immerhin in derselben Stadt.

Das ist ja dann gleich eine Parallele zu Ihrem Film. Da spielen Sie auch eine alleinerziehende Mutter.

Ich bin nicht allein mit meinem Sohn. Ich teile mir die Zeit für meinen Sohn, traurigerweise. Ich wünschte, ich wäre allein mit meinem Sohn.

So schlimm?

So schlimm, ja.

In Ihrem Film versucht Ihr Film-Sohn mit allen Mitteln, eine neue Liebe seiner Mutter zu vereiteln. Ist das ein Menetekel an der Wand, könnte das Ihren Sohn einmal zu ähnlichem Handeln inspirieren?

Mein Sohn ist mit sieben Jahren noch zu jung, um all das zu verstehen. Aber er wird ganz anders werden. Er hat ganz viel Empathie, er kümmert sich um mich, er will, dass ich glücklich bin. Es gibt nichts Schlimmeres, als eine Beziehung mit einem Soziopathen zu haben, der nur an sein eigenes Ego denkt, der ein vollkommener Narziss ist. Was aber, wenn du diese Beziehung mit deinem Sohn hast, der Mensch, den du am meisten liebst? Das war die Idee zu meinem Film.

Der Mann an Ihrer Seite wird von Danny Boon gespielt. Es ist Ihr erster gemeinsamer Film. Wie war die Chemie mit ihm?

Großartig. Ich hatte ihn einmal kurz kennengelernt und wusste, dass das zwischen uns stimmen würde. Deshalb habe ich ihn auch gecastet. Schon als ich das Drehbuch schrieb, hatte ich ihn dauernd im Kopf. Auch wenn ich noch nicht wissen konnte, dass er zusagen würde. Manchen Schauspielern – nicht allen, aber doch vielen – geht es nur um sich selbst. Denen ist schnurz, wie der Film wird. Die wollen nur das Beste für sich aus der Szene rausholen, auch wenn das die Szene ruiniert. Ich habe einige solcher Typen getroffen. Die schauen dich nicht an, wenn du eine Szene mit ihnen hast, das sind echte Arschlöcher. Dany hat zum Glück an den Film als Ganzes gedacht, nicht nur, wenn er vor der Kamera war. Das hilft enorm. Aber wer selber Regie führt, weiß halt, wie das ist.

Wie wichtig ist Chemie überhaupt?

Chemie ist alles. Man kann das nicht erzwingen. Es läuft aber viel besser beim Film, wenn sie da ist. Man spürt das beim Zuschauen. Ich erinnere mich, wie ich für "Before Sunrise" gecastet wurde. Da gab es erst einen Schauspieler, da war nichts zwischen uns. Einfach gar nichts. Grauenhaft. Ethan (Ethan Hawke) hatte auch erst eine Partnerin, mit der gar nichts ging. Und dann kamen wir beide an die Reihe, es hat irgendwie gleich gefunkt, und Richard (Richard Linklater, der Regisseur) hat das sofort gespürt. Ich habe vor ein paar Jahren einen Film gemacht, da war wieder keine Chemie mit dem Schauspieler. Das war von Anfang an klar. Dass den Film keiner kennt, liegt auch daran.

Namen werden natürlich nicht genannt.

Sie können sich ja mal meine Filmographie angucken. Der Regisseur schwor auf den Typ. Als der dann in den Raum kam und wir uns anguckten, wussten wir beide sofort, dass das mit uns nichts werden würde. Da war einfach nichts und da würde auch nie was sein. Der Film war am Ende gar nicht so schlecht, aber na ja, es war halt eine Liebesgeschichte, und die Liebe war nie da.

Sie müssen immer alles selber machen, Regie, Drehbuch, Hauptrolle. Sind Sie ein Kontrollfreak?

(lacht) Ja. Und gleichzeitig habe ich über die Jahre gelernt, dass das nicht funktioniert. Bei meinem ersten Regiefilm habe ich sogar noch den Schnitt und die Filmmusik selbst besorgt. Ich bin insofern ein Kontrollfreak, dass ich sehr obsessiv bin. Dass ich Dinge genauso haben will, wie ich sie mir vorstelle. Aber das klappt halt nicht immer. Aber ich bin kein Kontrollfreak in dem Sinne, dass jemand am Set etwas anderes vorschlägt und ich das nicht ausprobieren würde. Das Rezept ist: Du musst Leute an deiner Seite haben, die zu dir stehen. Sonst geht das nicht. Das habe ich gelernt.

Werden Sie je mal nur Filme inszenieren, ohne die Hauptrolle zu spielen?

Ja, das möchte ich gern. Ich habe schon ein Projekt für eine tolle britische Schauspielerin, sie hat auch bereits zugesagt. Aber auch da muss man jetzt erst mal einen Partner finden, bei dem die Chemie stimmt. Ich hab einen gefunden, der das Projekt liebt, aber der steht nicht zur Verfügung. Das ist ein Albtraum. Denn das Schlimmste ist, wenn du am Ende mit Diven arbeiten musst. Ich habe einige Divas erleben dürfen, mehr weibliche als männliche, aber auch da gibt es welche. Und die können schon sehr destruktiv sein, weil es denen nur um sich selber geht.

Führen Sie auch Regie, weil Sie sonst vielleicht nicht so viele Angebote bekommen? Trauen sich andere Regisseure nicht mehr, Sie zu besetzen?

Es ist eher so, dass ich auch früher, als ich nur Schauspielerin war, gar nicht so viele Angebote bekommen habe. Da hat man mir nur bestimmte Rollen angeboten, ich weiß nicht warum.

Dann haben Sie deshalb zu Regie und Drehbuch gewechselt?

Nein. Ich wollte immer schon, von Anfang an, Regie führen. Mein erstes Drehbuch habe ich mit 15 geschrieben. Meinen ersten Film habe ich aber erst mit 36 gemacht. Das hat mich 21 Jahre gekostet. Und es hat ewig gedauert, 500.000 Euro von einer Produktionsfirma zu bekommen. Was für ein Risiko!

Sie haben schon mit Ethan Hawke am Drehbuch von "Before Sunrise" mitgeschrieben. Waren Sie sauer, als Sie nicht im Vorspann als Koautoren genannt wurden?

Und ob. Nicht sauer. Ich war total enttäuscht. Ethan und ich, wir haben so hart am Drehbuch gearbeitet, 99 Prozent der Dialoge kamen von uns. Und ich war richtig geschockt, dass Richard am Ende alles für sich reklamiert hat. Beim zweiten Film hat er das geändert, er hatte aber auch keine Wahl, sonst hätten wir nicht mehr mitgemacht. Du musst dich verteidigen, das ist das Business. Leider.

Wären Sie schon beim ersten Film als Mitautorin genannt worden, hätte das geholfen?

Ich denke schon. Ich glaube, in Hollywood denkt man noch heute, wir saßen zu dritt am Tisch, die Männer haben gearbeitet und ich hab gekocht. Kein Scherz. Und das ist noch die gute Version.

Und die schlechte wäre--?

Die Männer haben gearbeitet und ich hab ihnen einen geblasen. Im besten Fall denkt man, ich hätte für die lustigen kleinen Sachen gesorgt. Den Hauptteil erwartet man immer noch vom Mann. Selbst bei meinen eigenen Filmen wie "Zwei Tage New York", wo ich allein das Drehbuch schrieb, glaubten viele, die Pointen kämen von Chris Rock. Ich muss da jedes Mal schlucken. Es ist eine Beleidigung. Das gibt dir immer zu verstehen, Frauen können okay sein, aber sie können nicht das Wesentliche leisten.

Da hat sich nichts verändert in Amerika? Meryl Streep zieht doch noch in ihren 60ern als Zugpferd an den Kassen, es gibt immer mehr Frauen in den Chefetagen der Studios.

Mag sein. Aber ich denke, es schwirrt immer noch dieses Vorurteil herum, dass hinter jeder erfolgreichen Frau ein großer Mann steht. Aber was kann ich tun? Ich bin eine kleine Französin, ich habe da drüben keine große Stimme. Niemand gibt was drauf, was ich sage. Es gibt ja auch einen Grund, warum ich all meine Filme in Europa mache. Das ist die reine Tortur für mich, weil ich dann für vier Monate mein Kind nicht sehe. Aber es ist die einzige Möglichkeit, überhaupt zu arbeiten. Ich zahle den Preis als Mutter und Frau, dass die Filmindustrie vollständig männerorientiert ist. Weiß und männlich orientiert!

Wünschen Sie sich denn, einmal auch in Amerika einen Film zu inszenieren?

Ich bin gerade dabei, so ein Projekt anzutreiben. Aber es ist schwierig. Es gibt Leute, die sagen, sie seien Feministen. Auch der Film "Carol" wird jetzt so hochgehalten als Frauenfilm. Okay, es geht um die Liebe zweier Frauen. Und der Regisseur ist großartig, ich will ihn wirklich nicht kritisieren. Aber es ist ein Mann. Auch die Verleiher sind Männer. Die Weinsteins haben meines Wissens noch nie mit einer Regisseurin gearbeitet. Und zücken jetzt die Frauenkarte. Aber wenn du ihnen ein Script schickst, melden sie sich noch nicht mal zurück. Ich wünschte, es gäbe mehr Männer, die weniger Bekenntnisse ablegen, aber wirklich mehr für uns Frauen tun würden.

Das klingt sehr verbittert.

Kann ja sein, dass die Leute mich nicht mögen. Oder meine Art von Film. Aber ich glaube, darum geht es nicht. Ich glaube, das gefällt ihnen schon. Aber sie fragen sich trotzdem: Kann sie einen Film inszenieren? Schauen Sie sich meine Filme an. Sie können sie mögen oder nicht. Aber es sind keine Katastrophen, ich weiß, wie man Filme macht. Und ich habe immer nur Peanuts dafür gekriegt. Mein zweiter Film: Peanuts. Mein dritter Film: Peanuts. Gib mir das Geld für einen großen Film, und ich kann auch einen großen inszenieren. Aber nein. Es gibt männliche Regisseure, denen drückt man 80 Millionen in die Hand und die machen was Missratenes. Auch wenn man das schon vorher wissen konnte. Das ist leider immer noch die traurige Realität.