Film

Ein Akt des Widerstandes: „Rosenstraße“ im Zoo Palast

In der Reihe „Hauptrolle Berlin“ präsentiert Katja Riemann „Rosenstraße“: den Film über deutsche Frauen, die um ihre jüdischen Männer kämpften.

Lena Fischer (Katja Riemann, l) und andere Frauen demonstrieren im Jahr 1943 in der Berliner Rosenstraße gegen die drohende Deportation ihrer jüdischen Männer

Lena Fischer (Katja Riemann, l) und andere Frauen demonstrieren im Jahr 1943 in der Berliner Rosenstraße gegen die drohende Deportation ihrer jüdischen Männer

Foto: dpa-Film Concorde / picture-alliance / dpa

Sie stehen da, tagelang, vor dem Haus, in dem ihre Männer interniert sind. Sie wollen nicht gehen, nicht ohne sie. Sie lassen sich nicht vertreiben. Irgendwann sagt eine der Frauen zaghaft: „Ich will meinen Mann wiederhaben.“ Eine zweite wiederholt das, schon mit stärkerer Stimme. Eine dritte ruft es. Immer mehr stimmen mit ein. Und irgendwann wird aus all diesen Ichs ein Wir: „Gebt uns unsere Männer wieder!“

Es ist die Schlüsselszene aus Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ aus dem Jahr 2003, der nun am 1. März noch einmal in der Reihe „Hauptrolle Berlin“ gezeigt wird, wo an jedem ersten Dienstag im Monat ein genuiner Berlin-Film zu sehen ist. Diesmal in Anwesenheit der Hauptdarstellerin Katja Riemann.

Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die sich vom 27. Februar bis 6. März 1943 in der Berliner Rosenstraße zugetragen hat. „Arische“ Frauen, die mit jüdischen Männern in sogenannten Mischehen lebten, demonstrierten vor der beschlagnahmten Sozialverwaltung der Jüdischen Gemeinde, die zum Sammellager für ihre Männer umfunktioniert worden war, eine Woche lang. Anfangs waren es nur wenige, dann wurden es immer mehr, zwischen 1500 und 2500 sollen es gewesen sein.

Jüngere Studien kommen zu der Erkenntnis, dass die „Fabrik-Aktion“, bei der die Juden bei ihrer Zwangsarbeit verhaftet wurden, gar nicht deren Deportation zum Ziel hatte. Aber das konnten die Frauen nicht wissen, und das schmälert ihren mutigen Akt der Zivilcourage, des Widerstands gegen das Regime der Unmenschen in keiner Weise.

Zehn Jahre musste die Regisseurin um ihr Projekt kämpfen

Es ist eine der wenigen „guten“ Geschichten, die sich aus der Nazizeit erzählen lassen: von Deutschen, die keine Mitläufer waren, die aufbegehrt haben. Am Ende kamen ihre Männer wirklich wieder frei. Ein winziger Sieg inmitten des großen Mordens.

Margarethe von Trotta, Regisseurin von Filmen wie „Die bleierne Zeit“, „Rosa Luxemburg“ und, zusammen mit ihrem damaligen Mann Volker Schlöndorff, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, hatte dieser Stoff von jeher fasziniert. Die Filmemacherin hat früh zu recherchieren begonnen, hat noch zehn der Frauen aus der Rosenstraße treffen können. Und wollte daraus zehn Jahre lang einen Film machen – bekam aber nie die Gelder zusammen.

Die 90er-Jahre, sie waren die Hochzeit der deutschen Komödien, Produzenten und Filmförderer wollten nur noch so was machen. Überall wurde von Trotta abgeschmettert. Einen so schweren Stoff wie den ihren, das wurde ihr immer wieder gesagt, wolle keiner mehr sehen.

Doch just als sie schon aufgeben wollte, kam das Projekt auf wundersame Weise doch noch zustande. Und im Nachhinein war die Regisseurin „im Grunde sogar ganz froh, dass ich es damals nicht habe machen können“. Weil so ein ganz anderer Film daraus wurde.

Am Ende wurde ein ganz anderer Film daraus

Ursprünglich wollte von Trotta einen Film nur über diese sieben Tage und die Solidarität der protestierenden Frauen drehen. Nun aber spannte sie den Bogen zur Gegenwart, und so wurde eine doppelte Geschichte daraus: die von der (fiktiven) Musikerin Lea Fischer (Katja Riemann), die um ihren jüdischen Mann (Martin Feifel) kämpft und auch noch Ruth, ein jüdisches Mädchen, bei sich aufnimmt, dessen Mutter deportiert wurde.

Und die von der Journalistin Hannah (Maria Schrader), der Tochter von Ruth (Jutta Lampe), die Jahrzehnte später in New York erstmals von der Vergangenheit ihrer Mutter erfährt und auf eigene Faust in Berlin ermittelt. Und schließlich der alten Lea Fischer (Doris Schade) gegenübersitzt, die ihr die damaligen Ereignisse schildert.

Es ging von Trotta nicht mehr nur um das historische Moment der Rosenstraße, die damals in weiten Kreisen völlig unbekannt war, sondern auch um die zwei Arten von Vergangenheitsbewältigung: Verdrängen und Erinnern. Ganz allmählich nähert sich der Film dabei seinem Thema: vom New York der Nullerjahre in die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands, wo die Journalistin in einem modernen Hotel mit Blick auf den neuen Potsdamer Platz wohnt, und dann erst in das Berlin der 40er-Jahre.

In der echten Rosenstraße konnte Margarethe von Trotta dabei nicht drehen. Kaum etwas erinnerte dort noch an die Zeit von damals. Also wich sie aus in das Außengelände der Studios Babelsberg, die berühmte „Berliner Straße“. Die Kulisse diente schon Leander Haußmann für das eingemauerte Ost-Berlin, Roman Polanski für das Warschauer Ghetto und kurz danach sollte sie für Kevin Spacey auch ein Block in New York werden. Immer wurde der Straßenzug komplett verändert, zu erkennen allerdings an seinem typischen Knick am Ende der Straße.

Für die Rahmenhandlung drehte von Trotta umso mehr im echten Berlin, auch vor dem Mahnmal für die deportierten Berliner Juden in der Levetzowstraße, das kurz nach dem Dreh beschädigt werden sollte. Für die beiden Zeitebenen wählte die Regisseurin auch optisch eine andere Ästhetik: Die Szenen aus den 40er-Jahren wurden im Kopierwerk ausgebleicht, sodass die Farben verwaschener wirkten und diese Bilder Patina bekamen.

Ins Kino kam „Rosenstraße“ 2003, 60 Jahre nach den realen Vorkommnissen. Der Film wurde zum doppelten Triumph. Zum einen für die Regisseurin, die neun Jahre keinen Kinofilm mehr hatte drehen können und sich mit Fernsehaufträgen über Wasser gehalten hatte, die aber dennoch unbeirrt an ihrem Projekt festgehalten hatte.

Der erste internationale Preis für Katja Riemann

Und zum anderen für die Hauptdarstellerin. Katja Riemann war lange der Star eben jener Komödien gewesen, die damals bevorzugt gefördert wurden. Bis sie sich im Kino rar machte und lieber Kinderbücher schrieb, Theater spielte und sang. Um nicht länger auf die Komödientante festgelegt zu sein. „Rosenstraße“ war ihr fulminantes Comeback, es bewies, dass sie auch in Dramen stark sein konnte, und lenkte ihre Karriere in ganz andere Bahnen.

Dass „Rosenstraße“ nicht nur ein deutsches Thema war, bewies die Einladung auf die Filmfestspiele von Venedig, wo Katja Riemann am Ende den Coppa Volpi als beste Schauspielerin gewann. Ihren ersten internationalen Preis. Es ist freilich nicht ohne Ironie, dass dieser Preis, benannt nach Graf Volpi, der nicht nur Festivalgründer, sondern auch Finanzminister unter Mussolini war, nun ausgerechnet an einen Film über den Widerstand im Dritten Reich ging.

Zoo Palast, 1. März., 20 Uhr, in Anwesenheit von Katja Riemann