Filmpreis

Oscars 2016: Was Sie über die glanzvolle Gala wissen müssen

Kriegt DiCaprio endlich den Oscar? Und wird Chris Rock den Boykott-Aufruf kommentieren? Das sind die wichtigsten Fragen bei der 88. Oscar-Nacht.

Sie sind schon glatt poliert. Aber welche Namen auf dem Sockel stehen, ist das bestgehütete Geheimnis von Hollywood.

Sie sind schon glatt poliert. Aber welche Namen auf dem Sockel stehen, ist das bestgehütete Geheimnis von Hollywood.

Foto: Nicolas Armer / dpa

Kriegt er ihn oder kriegt er ihn nicht? Schon vier Mal war Leonardo DiCaprio für einen Oscar nominiert, zuerst 1994 mit 20 Jahren, zuletzt vor zwei Jahren für „Wolf of Wall Street“. Vier Mal ist er leer ausgegangen.

Am schlimmsten war aber wohl das Jahr 1998, als James Camerons Megaerfolg „Titanic“ so ziemlich in jeder Kategorie nominiert war und auch in so ziemlich jeder Kategorie gesiegt hat. Nur für den männlichen Hauptdarsteller gab es damals nicht einmal eine Nominierung. Das muss sehr an DiCaprio genagt haben.

Trauma fürs Leben

Und es ist ja auch merkwürdig: Immer wieder wird er als einer der besten lebenden Schauspieler von Hollywood bezeichnet und bewundert, als einer der ganz wenigen sucht er seine Rollen fernab vom üblichen Mainstream aus und geht unbeirrt seinen eigenen Weg. Aber noch nie ist ihm die höchste Weihe seiner Branche zuteil geworden.

Das könnte sich nun in der Nacht zu Montag, wenn zum 88. Mal der Oscar verliehen wird, endlich ändern. DiCaprio ist das, was man „endlich dran“ nennt. Er ist mit „The Revenant“ aber auch für einen Extrem-Film aufgestellt, den er ganz alleine trägt und für den er nicht nur an seine physischen Grenzen, sondern weit darüber hinaus gegangen ist. Sowas lieben die Mitglieder der Film Academy in Hollywood, die über die Oscars entscheidet.

Nie standen seine Chancen so gut wie in diesem Jahr. Alle großen Wettbüros tippen zu 60 Prozent auf ihn, Eddie Redmayne folgt mit weitem Abstand mit 20 Prozent, die anderen Mitstreiter, Michael Fassbender, Matt Damon und Bryan Cranston, laufen unter ferner liefen.

Aber die Oscars wären nicht die Oscars, wenn unter allen erwartbaren Auszeichnungen nicht doch die eine oder andere Überraschung käme, mit der keiner gerechnet hätte. Da der männliche Hauptdarsteller immer eine der letzten Kategorien ist, die bei der langen Zeremonie an die Reihe kommt, wird dies eine äußerst spannende Oscar-Nacht.

Moderator mit loser Zunge

Dass sie spannend wird, liegt aber auch an dem Moderator. Und wie wacker der sich schlägt, wird sich gleich in den ersten Minuten zeigen. Die diesjährige Oscar-Verleihung wurde ja überschattet von einigen prominenten Absagen im Vorhinein: Stars wie Will Smith, Jada Pinkett Smith und Regie-Ikone Spike Lee wollen der Feier im Dolby Theatre in Los Angeles demonstrativ fernbleiben, weil in diesem Jahr einmal mehr kein einziger schwarzer Schauspieler nominiert worden ist.

Dabei leistet Will Smith in „Erschütternde Wahrheit“, der gerade in Deutschland angelaufen ist, seine vielleicht beste Performance seit „Ali“, Spike Lee hat gerade auf der Berlinale mit „Chi-raq“ eine großartige Parabel auf die Waffengewalt in den Straßen der USA vorgestellt. Und das sind nur einige Beispiele. Lees Fehlen wird umso mehr schmerzen, als er gerade mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet worden ist.

Nach dem Boykott-Aufruf hat Cheryl Boone Isaac, die (weiße) Präsidentin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, „große Veränderungen“ für die nächste Zeit angekündigt. Und als kurzfristige Eil-Maßnahme Chris Rock als Trumpf aus dem Ärmel gezogen. Der afroamerikanische Komiker wird zum zweiten Mal durch die Oscar-Nacht führen. Der Mann ist bekannt für seine lose Zunge und seine bissigen Kommentare.

Bei seiner ersten Moderation vor elf Jahren hat der heute 51-Jährige nicht nur über einzelne Stars, sondern über das Filmgeschäft als Ganzes hergezogen. Während man den Oscar-Moderatoren in den Vorjahren einen spürbaren Maulkorb verpasst hat, was den Abend immer harmloser und langweiliger machte, wird man Chris Rock diesmal sicher nichts vorschreiben.

Und alle Welt, immerhin eine Milliarde TV-Zuschauer, wird darauf warten, ob er auch die „Oscars so white“-Vorwürfe kommentieren wird. Möglich, dass die Moderation in diesem Jahr sogar wichtiger wird als die Goldbuben selbst.

Mainstream gegen Arthaus, Kunst gegen Kommerz

Um die buhlen zehn Filme, die vier Nominierungen und mehr eingeheimst haben, mit „The Revenant“ als Favoriten, der es als Einziger auf zwölf Nennungen bringt. Wird damit „Revenant“-Regisseur Alejandro González Iñárritu erneut absahnen? Im vergangenen Jahr stach sein „Birdman“ ja den zweiten großen Favoriten „Boyhood“ fast komplett aus. Es ist aber vor allem ein Rennen zwischen Mainstream und Arthaus-Kino, Kommerz- und Kunstkino.

Auf der einen Seite Action-Spektakel wie „Mad Max: Fury Road“ (zehn Nominierungen) und „Star Wars: Das Erwachen der Nacht“ (fünf Nominierungen) sowie männliche Überlebenskämpfe allein im Wald („Revenant“) und im All („Der Marsianer“, sieben Nominierungen).

Auf der anderen Seite ambitionierte Politfilme wie der eben auch bei uns gestartete „Spotlight“ (sechs Nominierungen), der die Aufdeckung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in den USA rekapituliert, oder „The Big Short“ (fünf Nominierungen), in dem namhafte Stars uns die Finanzkrise in einer zynischen Satire erklären.

Das Lesben-Drama „Carol“ (sechs Nominierungen), bei den Golden Globes noch als großer Favorit gehandelt, dann aber abgeschmiert, wird wohl auch bei den Oscars unterliegen, ebenso wie „The Danish Girl“ (vier Nominierungen) über eine der ersten Geschlechtsumwandlungen der Geschichte. Mit Minderheiten wie Homo- und Transsexuellen hat die Academy mindestens so viele Schwierigkeiten wie mit Afroamerikanern. Ihre Lobby ist nur noch kleiner.

Geringe Hoffnungen für Deutschland

Nachdem das deutsche Auswahlkommittee mit „Im Labyrinth des Schweigens“ einen Film ins Oscar-Rennen geschickt hat, der von Anfang an chancenlos war und folgerichtig nicht nominiert wurde, konzentrieren sich die deutschen Hoffnungen nun auf zwei Männer: hier Patrick Vollrath, einen in Wien arbeitenden Münchner, dessen „Alles wird gut“ für den besten Kurzfilm nominiert ist.

Und da Bernhard Henrich vom Studio Babelsberg, der gemeinsam mit zwei amerikanischen Kollegen für das Szenenbild von „Bridge of Spies“ aufgestellt ist. Steven Spielbergs Berlin-Film ist immerhin auch sechs Mal nominiert. Jeder Preis, den er einheimsen könnte, dürfte Babelsberg als Koproduzent auch für sich beanspruchen.

Und so werden sie wieder alle bangen, wenn die berühmten Kuverts geöffnet werden und es heißt: „And the Oscar goes to...“

DIE FAVORITEN DES ABENDS:

12 Nominierungen: „The Revenant – Der Rückkehrer“

10 Nominierungen: „Mad Max: Fury Road“

7 Nominierungen: „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“

6 Nominierungen: „Spotlight“, „Bridge of Spies – Der Unterhändler“, „Carol“

5 Nominierungen: „The Big Short“, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“

4 Nominierungen: „The Danish Girl“, „Room“

Live-Übertragung ProSieben, 28.2., ab 2.30 Uhr; Red-Carpet-Show ab 0.30 Uhr