Kunst

Peter Raue: „Berlin war für mich eine glückliche Fügung“

Anwalt und Kunstliebhaber Peter Raue wird 75 Jahre alt. Bernd Schultz, Chef der Villa Grisebach, hat ihn für uns interviewt.

Gleicher Jahrgang: Peter Raue (l.) und Bernd Schultz auf einem Balkon auf dem Potsdamer Platz

Gleicher Jahrgang: Peter Raue (l.) und Bernd Schultz auf einem Balkon auf dem Potsdamer Platz

Foto: Reto Klar

1961 ist Peter Raue nach Berlin gekommen, im Jahr des Mauerbaus. „Eine bewusste Entscheidung“ sei das gewesen, sagt Peter Raue, es könne doch nicht sein, „dass diese Stadt leer wird und die Menschen fliehen“. In der Stadt hat er Jura studiert, er hat die Anwaltssozietät Raue LLP gegründet und ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kunstliebhaber. Kaum ein Abend, an dem er nicht im Theater oder in einer Galerie zu finden ist. Heute wird Peter Raue 75 Jahre alt. Wir haben Bernd Schultz, dem Gründer der Villa Grisebach, gebeten, Peter Raue zu interviewen.

Berliner Morgenpost : Franz-Josef Wagner hat über Sie beide einmal gesagt, Sie seien Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden. Sie werden gern und oft miteinander verwechselt, obwohl sie sich gar nicht ähnlich sehen.

Peter Raue: Das finde ich auch. Aber – bei ziemlich identischer Körpergröße – eine gewisse Lebendigkeit und Lust sich einzubringen, mag die Verwechslungen erklären. Wir würden uns jedenfalls nicht verwechseln.

Bernd Schultz: Mir ist das unzählige Male schon passiert. Im Flugzeug begrüßt mich eine Stewardess: „Wie schön Herr Raue, dass Sie mal wieder mit uns fliegen.“ Ich sitze in der Paris Bar, unterhalte mich angeregt mit einer Dame am Nachbartisch über Berliner Kultur. Beim Abschied sagt sie: „Wissen Sie, Herr Raue, ich wollte Sie schon immer einmal kennenlernen.

Raue: Die Dame hast du mir nie vorgestellt.

Schultz: Ich bin ihr nie wieder begegnet. Wahrscheinlich hat ihr anschließend einer verraten, dass das nicht Herr Raue war, sondern Herr Schultz. Und sie hat gefragt: „Wer ist denn Herr Schultz?“

Wann haben Sie sich kennengelernt?

Raue: 1963, nach meiner Erinnerung in der Galerie Pels-Leusden.

Schultz: Nein, das war im Tennisklub Blau-Weiß auf der Terrasse.

Nicht auf dem Platz?

Raue: Auf gar keinen Fall. Ich habe zwar Tennis gespielt, aber schlecht, weil ich im Sport in allen Disziplinen schlecht war.

Schultz: Wir hatten Jahre später unser Damaskuserlebnis als Peter fast im Alleingang die „Freunde der Nationalgalerie“ gegründet hat. Das hat der Stadt einen unerwarteten Schub gegeben, und auch von außen wurde die Berlin neu wahrgenommen. Innerhalb weniger Jahre ist es Peter gelungen, daraus einen schlagkräftigen und später auch sehr vermögenden Verein zu machen, der auf einmal herausragende Kunstwerke kaufen konnte, die vorher für Berlin nicht im Bereich des Möglichen waren. Peter war der positive Rattenfänger.

Raue: Als der Vorstand beschlossen hat, „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ von Barnett Newman zu erwerben, lag der Preis bei 1,2 Millionen Dollar. Das war damals eine unvorstellbare Summe, in der Presse wurden wir als verrückt bezeichnet. Dann haben wir wie die Weltmeister gesammelt, und es hat auch funktioniert, heute wird die Arbeit mit 60 Millionen Euro versichert.

Schultz: Weil es Dich gab. Du stürzt dich immer mit vollem Einsatz in neue Projekte. Woher holst Du die Kraft dafür?

Raue: Es gibt sicher eine mir innewohnende Lust, nach außen zu wirken. Ich war Klassensprecher, Schulsprecher, Asta-Vorsitzender. Ich habe mich gerne eingebracht. Es freut mich, anderen Leuten eine Freude zu machen.

Schultz: Dies wird begleitet von einer einzigartigen Begabung: Du kannst Reden halten, wie kein Zweiter. Wann hast du das gemerkt, lieber Peter?

Raue: Ich habe wohl einen pädagogischen Eros. Ich überzeuge gern, ich rede gern öffentlich. Ich erlebe es manchmal, dass Andere Reden halten und nach zehn Minuten keiner mehr zuhört, der Redner dennoch ungerührt weiter vorträgt. Das würde mir wohl nicht passieren, lieber höre ich auf.

Schultz: Ich habe deinen Einsatz immer bewundert. Du wirfst dich kopfüber in jede dir wichtige Schlacht, wie auch in jedes Mandat.

Raue: Mir ist das nicht bewusst. Ich muss mich auch nicht selbst ermahnen, mich am Riemen zu reißen. Deshalb leide ich, wenn ich etwas im Gerichtssaal nicht erreiche, was ich erreichen will. Ich kenne den in mir wohnenden Wunsch, anerkannt zu werden, wahrscheinlich hängt das mit meinem schwierigen Elternhaus zusammen: Ich hatte einen Stiefvater, der immer überzeugt war und dies auch ständig formuliert hat, dass ich zu blöd bin, um ins Gymnasium zu gehen, das Abitur zu schaffen. Das Gegenteil wollte ich ihm beweisen. Und diese Erfahrung sitzt tief.

Schultz: Wenn sie nicht aus der Familie kamen, wer waren Deine Vorbilder?

Raue: Vorbilder – „ich will so werden wie der oder die“ – wohl nicht, aber Menschen, die mich sehr geprägt haben: meine großartigen Deutschlehrerinnen, mein Doktorvater Bettermann, der mich gelehrt hat, was es heißt, in einem Staat zu leben, wo man sagen kann „Ich genieße die Gesetze, Sire, ich bin zufrieden.“ Und Klaus Finkelnburg, er war mein Lehrmeister und doch ein „Vorbild“ für das Leben als Anwalt, bei dem ich fünf Jahre gelernt habe.

Schultz: Was wäre aus Dir geworden, wenn du in München geblieben wärst? Was wäre aus Berlin geworden, wenn Du in München geblieben wärst?

Raue: Berlin stünde genauso da. Aber ich fürchte, wenn ich in München geblieben wäre, wäre ich ein gemütlicher Bayer geworden und mein Geld hätte ich vielleicht als Notar verdient.

Schultz: München seift einen ein, mit dieser atemberaubenden Umgebung, mit dieser Schönheit. Auch ich hätte dort sicherlich ein völlig anderes Leben geführt. Ich wäre dort von hunderttausend Reizen abgelenkt und verführt worden. Verführt werden ist ja nichts schlechtes, aber es stärkt nicht gerade die Persönlichkeit.

Raue: Ich wäre in München gar nicht angekommen. Ich bin den Münchnern viel zu quirlig, passe dort nicht hin. Insofern ist eine glückliche Fügung, dass ich 1961 in Berlin gelandet und hiergeblieben bin. München war, jedenfalls zu der Zeit als ich das Studieren anfing, eine erzkonservative Stadt. Es gibt wohl keine andere Stadt in Deutschland, wo man zur Eröffnung einer Boutique eingeladen wird mit dem Satz „Prinzessin von Bayern ist anwesend“. Der Berliner würde wohl sagen „Na, und?“.

Schultz: Du hast viele geistige Größen des Landes anwaltlich vertreten. Wie darf man sich zum Beispiel eine normale dienstliche Vorbesprechung mit Christoph Schlingensief vorstellen?

Raue: Die kann man sich auch nicht vorstellen. Unsere Beziehung wurde besonders eng seit er in Bayreuth den Parsifal inszeniert hat und Wolfgang Wagner ihm immer wieder Steine in den Weg geworfen hat. Da rief er schon mal nachts um zwei verzweifelt an, um Rat zu suchen. Das ist dann eine andere Form der Beratung, nicht zu vergleichen mit einer Beratung bei einer Kündigung oder dem Abschluss eines Mietvertrages. Die rechtliche Beratung von Künstlern setzt eigentlich immer ein Eingehen, ja ein Verständnis für deren Kunst voraus. Wenn Heiner Müller wissen wollte, wie man einen Verlagsvertrag auflöst, erwartete er in meinem Büro eine Whiskey-Flasche auf dem Tisch, die meistens am Ende leer war und doch war er in hellster, klarster Verfassung nach Diskussionen über das ihm sinnlos erscheinende Schreiben nach dem Fall der Mauer. Darf ich es so sagen: Ich kann einen Zahnarzt anwaltlich vertreten, ohne mir von ihm die Zähne ziehen zu lassen, aber ich kann keinen Künstler, der berufliche Probleme hat, beraten und vertreten, wenn ich mich nicht für seine Kunst interessiere.

Schultz: Stets ein Hauch von Liebesakt.

Raue: Ja, das ist es. Auch die rechtliche Vertretung verlangt immer persönliches Engagement.

Aber Sie verkaufen doch auch mal Bilder von Künstlern, die Ihnen nicht gefallen?

Schultz: Eigentlich nicht. Wenn wir die Ausstellung eines Künstlers zeigen, dann gibt es Bilder, die ich mehr schätze und manche, die ich weniger schätze. Und wenn mich ein Kunde fragt, wie ich ein bestimmtes Bild finde, würde ich nie lügen, sondern sagen: „Bitte befragen Sie mich bei diesem Bild nicht.“

Wenn Sie noch einmal anfangen könnten, würden Sie wieder Anwalt oder gleich Künstler werden?

Raue: Ganz bestimmt nicht. Ich kann weder einen Tisch zeichnen noch ein Lied richtig singen. Ich würde wieder mit dem Jurastudium beginnen. Es ist ein Studium des Klaren-Denken-Könnens, des Strukturierens komplizierter Sachverhalte. Der Jurist lernt, schnell auf das Wesentliche zu kommen. Mit dieser Fähigkeit kann man Intendant, Verleger, Unternehmer werden.

Schultz: Wie groß ist Deine Angst, Andere zu enttäuschen?

Raue: Riesig – das ist für mich auch ein Problem. Wenn ich früher als die anderen eine Abendgesellschaft verlasse, plagt mich anderntags die Frage, ob ich damit jemand beleidigt habe. Wenn jemand fragt, ob ich ihm Karten für eine begehrte Aufführung besorgen kann, dann könnte ich ja auch antworten, dass ich Dringenderes zu tun habe. Aber das sage ich nicht gerne. Weil ich ungern enttäusche. Meine Frau hat mir vor zwei Jahren zum Geburtstag einen Kurs geschenkt „Wie sage ich Nein?“. Dem habe ich mich gestellt. Mit dünnem Erfolg!

Schultz: Ich habe 2005 versucht, Dich für die Kandidatur des Amts des Regierenden Bürgermeisters gegen Klaus Wowereit zu gewinnen. Du wirst dich erinnern.

Raue: Ja, sehr genau.

Schultz: Ich habe damals im Vorfeld mit mehreren Persönlichkeiten gesprochen, so auch mit Richard von Weizsäcker. Sein Kommentar: „Das wäre eine interessante Konstellation, wenn er sich der Aufgabe stellen würde. Ich glaube aber, er wird es nicht tun.“ Die Begründung Deiner Absage hat mich doch überrascht: „Ich leide jedes Mal wie ein Hund, wenn ich am nächsten Morgen in der Presse kritisiert werde.“

Raue: Das hat sich bis heute nicht geändert. Wer auf dem politischen Feld öffentlich tätig ist, muss herbe Kritik ertragen und damit leben, sich ihr stellen. Ob Bürgermeister, Kulturstaatssekretär oder Kanzlerin: Wir erleben es ja, wie alle – selbst die Parteifreunde – ihrer Kritiklust freien Lauf lassen. Dem wäre ich nicht gewachsen. Als die „FAZ“ anlässlich der Beendigung meiner Tätigkeit als Vorsitzender des Nationalgalerie-Freundes-Vereins schrieb, ich hätte die Bussi-Gesellschaft in Berlin hervorragend bedient, hätte ich vor Wut platzen können. Wenn man solche Kritik nicht ertragen kann, dann soll man nicht in die Politik gehen.

Schultz: Wie eitel bist Du?

Raue: Ich bekenne mich zur „lässlichen Sünde der Eitelkeit“. Meine Mutter hat oft zu mir gesagt, „sei etwas eitler“, wenn ich etwa mit schwarzen Fingernägeln in die Schule gehen wollte. Ja, ich ziehe mich bewusst an, ich freue mich über positiven Widerhall zu den Dingen, die ich tue, Artikel, die ich schreibe, Reden, die ich halte. Wenn man wirklich uneitel wäre – und ich kenne wunderbare Menschen, die es sind – wenn man nicht eine gewisse Gefallsucht hätte, würde man sich zurückziehen und Schach spielen.

Schultz: Warum trägst Du immer eine Fliege?

Raue: Das weiß ich nicht. Vielleicht die Lust zum „Ein bisschen anders sein“. Schon als Student habe ich Fliege getragen. Heute ist es vielleicht ein kleines Markenzeichen.

Schultz: Wenn man 75 Jahre alt wird, dann entspricht das einem großen Lebenspanorama und es kommen immer die gleichen beiden Fragen: Was ist Dein größter Erfolg, worauf bist Du stolz? Und was empfindest Du als deine größte Niederlage?

Raue: Der größte Erfolg ist dann doch die Anwaltssozietät Raue LLP mit 30 Partnern und 60 Anwälten und Anwältinnen. Ich bin seit 1975 selbstständiger Anwalt. All die Partner, die in den ersten und in den folgenden Jahren dazugekommen sind, sind den Weg gemeinsam mit mir zum Potsdamer Platz 1 gegangen. In den 40 Jahren gab es nie einen gravierenden Streit, die Sozietät hat heute ein gutes Standing in der Stadt und dies zu wissen und zu erleben, ist ein Lebensglück. Größte Niederlage? Ach vielleicht, es nicht geschafft zu haben, ein Leben lang in einer Ehe zu leben. Ich bin unendlich glücklich mit meiner zweiten Ehefrau, aber wenn ich erlebe, wie Paare ihre Goldene Hochzeit feiern und ihr Philemon und Baucis-Dasein genießen, dann schmerzt es mich, dass mir das nicht gelungen ist. Wenn man jung heiratet, möchte man zusammenbleiben, „bis dass der Tod euch scheidet“. Das ist mir nicht gelungen.

Schultz: Was nervt Dich an anderen Menschen?

Raue: Ich begegne, so scheint es mir, immer mehr Menschen, die ununterbrochen reden und das Gegenüber eigentlich gar nicht wahrnehmen. Ich habe das Gefühl, du könntest auch mit einem Bein ankommen, und sie würden dir unberührt das Theaterstück, das wir gemeinsam gerade gesehen haben, erklären.

Schultz: Wir werden beide in diesem Jahr 75. Hast Du Angst vor dem Tod?

Raue: Nun…

Schultz: … um Dir Antwort zu erleichtern: ich möchte schon deshalb, vor Dir sterben, weil ich mich auf Deinen Nachruf freue.

Raue: Ich würde gern mit Sicherheit sagen können, was ich glaube: keine Angst vor dem Tod zu haben. Ich hatte vor 20 Jahren eine Darmkrebserkrankung, da war es naturgemäß unklar, ob ich überleben könnte. Da war ich eigentlich überrascht, dass mich die Angst vor dem Tod nicht gepeinigt hat. Ich will es einmal anders sagen: Mein Leben ist nicht bestimmt von der Angst vor dem Tod, das war zum Beispiel bei dem jüngst verstorbenen Freund Luc Bondy ganz anders.

Haben Sie sich verändert, nachdem Sie den Darmkrebs überlebt hatten?

Raue: Ich glaube nicht.

Herr Schultz, Sie hatten ja diesen schrecklichen Unfall, als sie vor dem „Cafe Einstein“ von einem Auto angefahren wurde, hat der Sie verändert?

Schultz: Ich lebe bewusster und dankbarer. Demut ist wohl ein zu großes Wort. Dass ich das überlebt habe, ist ein Wunder. Man überlebt selten einen Flug von zwölf Metern, allerdings mit einer Zwischenstation auf einem BMW-Dach, um dann auf dem Asphalt zu landen. Heute empfinde ich jeden Augenblick ganz besonders.

Was bedeutet Ihnen Berlin?

Raue: Berlin ist ein Kraftwerk. Eine Stadt mit Energie, gerade weil hier so viele Zugezogene leben und sich nach kurzer Zeit als Berliner fühlen. Kennedy hätte in München niemals sagen können: „Ich bin ein Münchner.“ Die hätten gesagt: „Spinnt der denn?“ Auch in Hamburg oder Bremen hätte er einen solchen Satz nicht sagen können. Du bist ein Berliner, sobald du in Berlin wirkst, gleichgültig woher du kommst, familiär wie örtlich. Ich war als Student ein halbes Jahr in Hamburg und von den Gleichaltrigen immer wieder gefragt worden: „Was macht dein Vater?“ Die wollten natürlich wissen, aus welcher gesellschaftlichen Schicht ich komme. Ich bin in den vergangenen 50 Jahren in Berlin nicht ein einziges Mal mit einer solchen Frage konfrontiert gewesen. Es ist den Berlinern wurscht, woher man kommt. Entscheidend ist: Bringst du dich ein? Was machst Du? Bist du offen für das Neue? Berlin ist eine nicht-formierte Gesellschaft, das ist der Reiz und die Qualität dieser Stadt. Und manchmal auch ihre Gefahr.

Wie fühlt es sich so an, 75 zu werden?

Raue: Es berührt mich nicht, allenfalls erschrecke ich, dass der 80. nicht mehr weit weg ist, von dem ein diesen Tag feiernder Freund gesagt hat: „Vergiss das nicht, der 80. ist ein beinharter Geburtstag.“ Man wird sehen.

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