Die rechtzeitige Fertigstellung des Schlosses 2019 wird sowohl von Politikern als auch innerhalb der Stiftung Berliner Schloss seit Monaten bezweifelt. Das belegt die „Ergebnisniederschrift der 20. Sitzung des Stiftungsrates vom 30.6.2015“ sowie die Tätigkeitsberichte der Stiftung vom 3. und 4. Quartal 2014 und dem 1. und 2. Quartal 2015. Die fünf Papiere liegen der Berliner Morgenpost vor.

Auf der Sitzung im Sommer 2015 zeigte sich Wolfgang Thierse (SPD) laut Protokoll „alarmiert“ über „die Formulierung, dass eine Teileröffnung in 2019 weiterhin zu gewährleisten sei, da er bisher davon ausging, dass das Humboldt-Forum 2019 nicht nur in Teilen eröffnet werde“. Für ihn stelle sich die Frage, „ob dieser Bericht nicht einen Alarmruf des Stiftungsvorstandes enthalte“. Der Vertreter des Bundeskulturministeriums Günter Winands zeigte sich in der gleichen Sitzung „besorgt über im Quartalsbericht erwähnte Verzögerungen in der Ausführungsplanung und damit verbundene Kostensteigerungen“. Die Verzögerung sei „seines Erachtens im Baubereich sehr hoch“. Dementsprechend bekomme er „Bedenken“, Staatsministerin Monika Grütters (CDU) „weiterhin die Verkündigung der Eröffnung in 2019 zu empfehlen“.

„Massive Verschiebungen von Bauleistungen in Folgejahren“

Die internen Protokolle stehen im Gegensatz zu den Äußerungen Manfred Rettigs, der den Aufbau des Schlosses seit 2009 verantwortet und in der vergangenen Woche seinen Rücktritt erklärt hatte. Manfred Rettig hatte während seiner Amtszeit stets betont, dass der Bau im Termin- und Kostenplan sei. Am vergangenen Wochenende hatte er in einem Gespräch mit dieser Zeitung erklärt, dass das Schloss 2019 vollständig fertig sein werde: „Dass wir 2019 röffnen, da stehe ich total dahinter. Wir werden 2019 ein Gebäude eröffnen, dass auch technisch eingespielt und durchgeprüft ist.“

Auf Umwegen zu neuer Schönheit


1650 – Die Abbildung zeigt das Berliner Schloss und den Lustgarten um 1650, der Kupferstich stammt von Johann Georg Memhardt (gest. um 1678). Einen ersten Schlossbau gab es schon im 15. Jh. Kurfürst Joachim II. ließ ihn durch das Renaissanceschloss ersetzen.
Vom Renaissanceschloss über Schlüter-Bau und Palast der Republik bis zum Neubau des Humboldtforums. 1650 – Die Abbildung zeigt das Berliner Schloss und den Lustgarten um 1650, der Kupferstich stammt von Johann Georg Memhardt (gest. um 1678).© pA | akg-images

1848 – Das Schloss im Mittelpunkt politischer Ereignisse: Bei revolutionären Straßenkämpfen am 18./19. März 1848 in Berlin schießt die Kavallerie auf das versammelte Volk (Aquarell von F. Mesmer, 1848). Im Hintergrund die im Bau befindliche Schlosskuppel.
Das Schloss im Mittelpunkt politischer Ereignisse: Bei revolutionären Straßenkämpfen am 18./19. März 1848 in Berlin schießt die Kavallerie auf das versammelte Volk (Aquarell von F. Mesmer, 1848). Im Hintergrund die im Bau befindliche Schlosskuppel. © pA/ akg-images | akg-images

1918 – Die Luftaufnahme zeigt den Schlosskomplex in Berlins Mitte. Wieder steht der Bau im Mittelpunkt der politischen Ereignisse. Am 9. November dankt Kaiser Wilhelm II. ab und verlässt Deutschland. Am selben Tag ruft Philipp Scheidemann die Republik aus.
1918 – Die Luftaufnahme zeigt den Schlosskomplex in Berlins Mitte 1918. Wieder steht der Bau im Mittelpunkt der politischen Ereignisse. Am 9. November dankt Kaiser Wilhelm II. ab und verlässt Deutschland. Am selben Tag ruft Philipp Scheidemann die Republik aus.© pA | akg-images

1945 – Die Innenstadt von Berlin liegt in Trümmern. Auch das Schloss (Foto mit Dom) ist schwer beschädigt, hätte aber wieder aufgebaut werden können. Doch der Staatsführung der DDR ist das Gebäude nichts als Erinnerung an die Hohenzollern, und sie beschließt…
1945: Die Innenstadt von Berlin liegt in Trümmern. Auch das Schloss (Foto mit Dom) ist schwer beschädigt, hätte aber wieder aufgebaut werden können. Doch der Staatsführung der DDR ist das Gebäude nichts als Erinnerung an die Hohenzollern, und sie beschließt… © pA | dpa

…die Ruine aus dem Stadtbild zu entfernen. Ab dem 9. September 1950 wird das Schloss abschnittsweise gesprengt. Dort, wo es stand, werden ein Platz, bedeckt mit Ziegelsplitt, und eine Tribüne für Aufmärsche errichtet. Der Ort wird Marx-Engels-Platz benannt.
…die Ruine aus dem Stadtbild zu entfernen. Ab dem 9. September 1950 wird das Schloss abschnittsweise gesprengt. Dort, wo es stand, werden ein Platz, bedeckt mit Ziegelsplitt, und eine Tribüne für Aufmärsche errichtet. Der Ort wird Marx-Engels-Platz benannt. © pA | dpa

1976 – SED-Chef Erich Honecker veranlasst in programmatischem Gestus, den „Palast der Republik“ zu errichten. Der Bau, wegen seiner auffälligen Innenbeleuchtung im Volk auch „Erichs Lampenladen“ genannt, wurde 1976 fertig. Dort tagte unter anderem auch die Volkskammer.
1976: SED-Chef Erich Honecker veranlasst in programmatischem Gestus, den „Palast der Republik“ zu errichten. Der Bau, wegen seiner auffälligen Innenbeleuchtung im Volk auch „Erichs Lampenladen“ genannt, wurde 1976 fertig. Dort tagte unter anderem auch die Volkskammer. © pA/Günter Gueffroy | Günter Gueffroy

1993 – Wilhelm von Boddien beginnt, sich intensiv für den Wiederaufbau des Schlosses einzusetzen. Um einen Eindruck des neu zu bauenden alten Gebäudes zu vermitteln, lässt er die Ruine des Republik-Palastes mit einer Plane verdecken, die die Schlossfassade zeigt.
1993 beginnt Wilhelm von Boddien, sich intensiv für den Wiederaufbau des Schlosses einzusetzen. Um einen Eindruck des neu zu bauenden alten Gebäudes zu vermitteln, lässt er die Ruine des Republik-Palastes mit einer Plane verdecken, die die Schlossfassade zeigt. © pA | akg-images

2008 – 2002 beschließt der Bundestag den Wiederaufbau des Schlosses. Nach einer bis 2002 erfolgten Asbestsanierung wird der Palast der Republik in den Jahren 2006 bis 2008 abgerissen. Damit ist der lang anhaltende Streit um seine Zukunft unwiderruflich beendet.
2002 beschließt der Bundestag den Wiederaufbau des Schlosses. Nach einer bis 2002 erfolgten Asbestsanierung wird der Palast der Republik in den Jahren 2006 bis 2008 abgerissen. Damit ist der lang anhaltende Streit um seine Zukunft unwiderruflich beendet. © pA | R4200

2009 – Um die Fläche bis zum Baubeginn zu nutzen, wurde vorübergehend eine riesige Wiese angelegt. Im Hintergrund steht das ehemalige Gebäude des DDR-Staatsrates, heute Sitz der Wirtschaftsschule ESMT, für dessen Bau Elemente des Schlosstores IV verwendet wurden.
2009: Um die Fläche bis zum Baubeginn zu nutzen, wurde vorübergehend eine riesige Wiese angelegt. Im Hintergrund steht das ehemalige Gebäude des DDR-Staatsrates, heute Sitz der Wirtschaftsschule ESMT, für dessen Bau Elemente des Schlosstores IV verwendet wurden. © pA | Peter Zimmermann

2015 – Der Grundstein für das Schloss/Humboldtforum wurde am 12. Juni 2013 gelegt. Seitdem gehen die Arbeiten zügig und planmäßig voran (hier der spreeseitige Abschnitt, an dem keine historischen Fassadenelemente angebracht werden). Eröffnung soll im Jahr 2019 sein.
Der Grundstein für das Schloss/Humboldtforum wurde am 12. Juni 2013 gelegt. Die Baustelle im Jahr 2015. © pA/dpa | Paul Zinken
2016: Interne Protokolle zeigen, was viele befürchten: Stiftungsratmitglieder sind alarmiert über Bauverzögerungen beim Schloss.
2016: Interne Protokolle zeigen, was viele befürchten: Stiftungsratmitglieder sind alarmiert über Bauverzögerungen beim Schloss.© dpa | Paul Zinken

Auch Baustaatssekretär Florian Pronold (SPD) hatte am Montag gesagt, dass man „voll im Zeit- und Kostenrahmen“ sei. Seine Äußerung war eine Reaktion auf Tim Renner (SPD). Berlins Kulturstaatssekretär hatte als erster Politiker auf „Schwierigkeiten mit dem Architekten und einigen Planungsabläufen“ hingewiesen. Den Bau des Schlosses verantwortet der Bund, der von den bislang geplanten 590 Millionen Euro Gesamtkosten mit 478 Millionen Euro den Hauptteil der Finanzierung stellt. Das Humboldt-Forum ist das größte Kulturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik.

„Massive Verschiebungen von Bauleistungen in Folgejahren“

Die Tätigkeitsberichte der Stiftung dokumentieren nun eine lange Liste von Mängeln, Nichtleistungen und Verspätungen. Im Herbst 2014 wurde festgehalten, dass es sicher sei, dass „die Ausbauplanung TGA (Technische Gebäudeausrüstung) den kritischen Weg des Gesamtprojekts bestimmen, einzelne Geschosse mit Verzögerungen um bis zu 10 Monaten fertig gestellt werden und der ursprünglich angestrebte Baubeginn des Ausbaus (September 2015) nicht mehr erreicht werden kann“. Daher „kann ein Verzug für die Gesamtmaßnahme entstehen“.

Das Berliner Schloss Humboldtforum ist das größte und wichtigste Kulturbauvorhaben Deutschlands
Das Berliner Schloss Humboldtforum ist das größte und wichtigste Kulturbauvorhaben Deutschlands© FUNKE Foto Services | euroluftbild.de / Robert Grahn /

Auch von der Gebäudehülle weiß der interne Bericht der Stiftung wenig Gutes zu berichten und stellt „weitere Verzüge bei der Fertigstellung der Planungsleistungen, u. a. Neubaufassaden (Fenster und Türen), Dach- und Hofabdichtungen“ und der „Kuppelkonstruktion“ fest.


Das Schloss im Berliner Stadtbild: Die Wiederherstellung von Schlüters Architektur gibt der historischen Mitte ihren Konzentrationspunkt zurück (Simulation)
Simulation - so soll das Schloss einmal aussehen © pA/dpa/bbz landschaftsarchitekten/Timo Hermann | bbz landschaftsarchitekten

Die „erneuten Verzögerungen der Planung des Architekten und der Koordinierung, die in einigen Gewerken inzwischen sechs bis acht Monate betragen, gefährden die Vergaben und die geplante Baufortsetzung nach Fertigstellung des Rohbaus“. Auch die vom Architekten vorgelegten neuen Ablaufpläne einzelner Verpflichtungserklärungen zeigen „massive Verschiebungen von Bauleistungen in Folgejahren“, die „zu einer möglichen Verlängerung des Gesamtprojekts beitragen“ könne.

Stets die gleichen Probleme

Nimmt man alle vier Quartalsberichte zusammen, dann tauchen stets die gleichen Probleme auf. Kritisiert wird die Arbeit eines Ingenieurbüros, die der Technischen Gebäudeausrüstung (unter dem Kürzel HLS: Heizung, Lüftung, Sanitär) und des Architekten Franco Stella. So habe sich das Ingenieurbüro, so das Papier aus Herbst 2014, wiederholt nicht an die Planungen gehalten und deren „defizitäre Leistungserbringung“ wird bemängelt. Bereits damals hatte die Stiftung eine Kündigung erwogen, doch aus Sorge vor einem „Planungsstillstand“ habe man sie nicht ausgesprochen. Später trennte man sich voneinander.

Zunächst nur Beton: Der Rohbau des Schlosses
Zunächst nur Beton: Der Rohbau des Schlosses© dpa | Gregor Fischer

Im vierten Quartal 2014 kritisiert der Bericht die Arbeiten im Bereich Heizung, Lüftung, Sanitär. Es seien bei den von „HLS-Planer bearbeiteten Gewerken weitere negative Auswirkungen auf Qualitäten und Termine der Ausführungsplanung und daraus resultierend auf die Kosten- und Terminsituation des Gesamtprojekts zu befürchten“. Die bisherige Lüftungsplanung wurde vom beauftragten Sachverständigenbüro als „nicht genehmigungsfähig zurückgewiesen“. Insbesondere die Entrauchung des Untergeschosses mache Probleme. Im Frühjahr 2015 muss die Stiftung in seinem internen Bericht konstatieren, dass beim Brandschutz die „Terminziele“ nicht erreicht wurden, „insbesondere durch die permanente Schlechtleistung und Verzögerung des ehemaligen HLS-Planers“.

Weiterhin heißt es in dem Bericht: „Mehrere noch ungelöste Probleme betreffen Abweichungen der Planung vom Brandschutznachweis und damit die Genehmigungsfähigkeit der Planung.“ Bei der Gebäudehülle stellte man „Qualitätsdefizite und erneut verspätete oder unvollständige Leistung des Partnerteams, insbesondere des ehemaligen HLS-Planers“ fest. Sie führten zu „Verzügen im Gesamtprojekt“.

Auch der Stiftungsvorstand gesteht intern Probleme ein

Unzufrieden ist die Stiftung auch mit der Arbeit des Architekturbüros Stella. Bei der Gebäudehülle kritisierte sie, dass „die Verzögerung der Planung des Architekten und der Koordinierung in einigen Gewerken gegenüber der Generalablaufplanung inzwischen bis zu 12 Monate betrage und die geplante Baufortsetzung nach Fertigstellung des Rohbaus“ sich verschiebe. Auch im ersten Quartal 2015 wird moniert, dass in der Planung des Architekten „ein erheblicher Nachbesserungsbedarf in der Bearbeitung von wirtschaftlichen und baupraktisch umsetzbaren Ausführungsdetails und deren Übertragung ins Gesamtgebäude“ bestehe.


Architekt: Franco Stella im Innenhof des von ihm entworfenen Schloss-Neubaus in Mitte. Am 12. Juni soll für die größte Kulturbaustelle der Bundesrepublik Richtfest gefeiert werden
Architekt Franco Stella im Innenhof des Schloss-Neubaus © Reto Klar | (2)

Wie unzufrieden die Stiftung mit Franco Stellas Arbeit ist, lässt folgender Satz erkennen: „Die festgestellten grundsätzlichen organisatorischen und fachlichen Defizite des Architekten in der Koordinierung der Fachplaner, in der mangelnden Qualitätskontrolle und der fehlenden vorausschauenden Organisation der eigenen Planung führen weiter zu einem hohen Koordinierungsaufwand am Ende der Ausführungsplanung.“

In diesem Quartalsbericht findet sich auch der Passus wieder, der im Sommer im Stiftungsrat für Unruhe sorgte. Bei der Ausführungsplanung sei es demnach „das Ziel, die Gesamtverzüge zu begrenzen und weiterhin eine Teileröffnung im Jahr 2019 zu erreichen“. Der Baubeginn des Ausbaus werde sich „aber voraussichtlich mindestens auf März 2016 verschieben“.

„Für mich als Ingenieur ist das Schloss fertig“

Im Stiftungsrat sagte Schloss-Vorstand Johannes Wien – Manfred Rettig befand sich laut Pressestelle an diesem Tag „in Übersee“ – laut der Ergebnisniederschrift, dass der Bericht „Situationen kritischer beschreibe als diese von den Stiftungsvorständen beurteilt werden“. Doch sei es „nicht zu leugnen, dass es an verschiedenen Stellen im Bauprozess Problem gäbe“. Nach „aktueller Beurteilung der Stiftungsratsvorstände“ hätten diese Probleme jedoch „keine Auswirkungen auf dem Gesamtterminplan oder den Gesamtkostenrahmen“.

Nicht jeder im Stiftungsrat scheint dieser Ansicht zu sein. Auf die Aussage von Manfred Rettig – „für mich als Ingenieur ist das Schloss fertig“ – hatte Tim Renner am Sonntag nur leichten Spott übrig: „Für mich als Politiker ist der BER fertig“, schrieb er auf Twitter.