Theater

„Kruso“ in Potsdam: Ein poetisches Werk, nüchtern inszeniert

Das Hans Otto Theater bringt den Bestseller von Lutz Seiler auf die Bühne – und blendet das Traumhafte aus.

Im Betriebsferienheims „Zum Klausner“: Raphael Rubino (Kruso) und Holger Bülow (Ed)

Im Betriebsferienheims „Zum Klausner“: Raphael Rubino (Kruso) und Holger Bülow (Ed)

Foto: HL BOEHME

Lutz Seilers Roman „Kruso“ gehört auf die Bühne des Potsdamer Hans Otto Theaters (HOT): Nicht nur, weil das Haus schon mit Uwe Tellkamps „Turm“-Dramatisierung ein glückliches Händchen für DDR-Endzeitgeschichten bewies, sondern auch, weil Seiler quasi nebenan in Wilhelmshorst - und abwechselnd in Stockholm - wohnt. „Kruso“ spielt im Sommer 1989 auf der Ostseeinsel Hiddensee, diesen zu Sozialismus-Zeiten besonders geschichtenumrankten Ort im Grenzgebiet. Aber auch ein bisschen in Potsdam. Im Russenstädtchen Nr. 7, dort, wo Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, seine Mutter, eine Artistin, bei einem Unfall auf dem Hochseil verlor, und sein Vater als General der Roten Armee stationiert ist.

Seilers erster Roman ist ein sehr poetisches Werk, eine parabelhafte Geschichte, das Werk wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnet. Diese Vorlage auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung vergleichbar mit dem Schutz der Steilküste vor Hiddensee vor den Gewalten des Meeres. Dagmar Borrmanns Bühnenfassung wurde in Magdeburg uraufgeführt, sie bildet die Grundlage für die Potsdamer Inszenierung von Elias Perrig. Der Regisseur hat die surrealistisch angehauchten Bilder weitgehend ausgeblendet, sich für eine sachlich-nüchternde, handfeste Inszenierung entschieden. Dass überrascht erstmal angesichts des Stoffes, es überzeugt aber auch nur bedingt.

Der Rhythmus stimmt hoffnungsfroh

Perrig gelingen schöne Bilder wie den zu Beginn herunterschwebenden Ed. Holger Bülow spielt den Studenten der Literaturwissenschaft, Schwerpunkt Lyrik des Barock, der sich nach dem Tod seiner Freundin in einer Lebenskrise befindet. Er flüchtet auf die Insel, um sich dort bei der harten Abwasch-Arbeit des Betriebsferienheims „Zum Klausner“ vor der Welt zu verstecken. Oder die choreografische Tellerwerf-Nummer, in der die ganze „Klausner“-Mannschaft, alles Aussteiger wie Ed, wie die Zacken von Zahnrädern ineinandergreift. Der Rhythmus stimmt hoffnungsfroh.

Aber Perrig hält ihn nicht durch. Die Geschichte wird übermächtig, die Bilder allzu gegenständlich. Die Geschichte der Freundschaft, der zärtlichen Annäherung zwischen Ed und Kruso (Raphael Rubino) bleibt lange Zeit seltsam distanziert. Kruso ist so etwas wie das Zentrum der Insel, mit religiösem Eifer kümmert er sich um die „Schiffbrüchigen“, die Menschen, die in diesen nördlichen Zipfel des Landes kommen, um eine Gelegenheit zur Flucht zu suchen. Kruso, dessen Schwester im Meer ertrank wie viele andere, die dachten, die dänische Insel Møn sei doch so nah, versucht sie für ein Weiterleben im Land zu stärken. Die innere Freiheit als Überlebenselixier.

Angedeutete Ausstattung eines Gastronomiebetriebes

Kostüm- und Bühnenbildnerin Marsha Ginsberg hat die Figuren in DDR-Kleidung gesteckt. Betriebsleiter Krombach (Christoph Hohmann) trägt einen rostfarbenen Zweireiher mit grauem Hemd und bunter Krawatte, Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) Hotpants zu Sandalen (mit Socken!). Keller Rimbaud (Eddie Irle) ist der Dandy mit beringten Fingern. Im Leoparden-Einteiler: Viola (Andrea Thelemann), das personifizierte Radio, das Suchmeldungen sendet und die Nationalhymne spielt. Koch-Mike (Michael Schrodt) ist mit Küchentüchern beschürzt. Mit Heliomaticbrille: Philipp Mauritz als Stasi-Mann und Larissa Aimée Breidbach hat als geheimnisvolle Person eine Uschanka auf dem Kopf.

Das Bühnenbild ist auf die angedeutete Ausstattung eines Gastronomiebetriebes reduziert. Eine bis zum Schnürboden reichende, hölzerne Wand, die wie die Rückseite einer Dekoration (oder eines Landes) aussieht, umschließt den Raum. Als die die Mauer fällt, kommt mit der Freiheit auch der Konsum. Alle sind weg; Ed sucht die Geister der Vergangenheit.

Hans Otto Theater, Potsdam, Schiffbauergasse 11. Termine: 23. und 24. Januar; 20. und 21. Februar. Karten: 0331/98 118.