Ich gehe gern auf Inseln. Vielleicht weil ich von einer Insel komme. Und es sitzt vielleicht noch tiefer, weil meine Großeltern aus Irland stammen. So ist die Insel Hiddensee für mich ein regelrechter Rückzugsort, an dem ich mich sehr wohlfühle. Aber neulich hatte ich dort ein mulmiges Gefühl. Es war gar nicht so einfach, nach dem Flüchtlingsdrama aus dem Berichterstattermodus herauszukommen. Vor allem nach einigen hektischen, sehr aufwühlenden, oft bewegenden Tagen und Wochen in Berlin, Bayern und anderswo unter Flüchtlingen, Helfern und Polizeibeamten. Plötzlich kommt man dann auf diese kleine Insel, geht von der Fähre und es ist einfach nichts los. Keine Autos – erst recht keine VWs. Nur Sand, Meer, Sanddorn und Bernstein.

Sich in einen Strandkorb zu setzen ist eine der tollsten deutschen Erfindungen. Es ist ein bisschen, als gehe man zurück in seine Kindheit. Man sitzt fast wie im Kinderwagen, geschützt vor Wind und Sonne, liest etwas, guckt sich mal die vorbeifliegenden Gänse und Seemöwen an, ohne den Kopf dazu bewegen zu müssen, bekommt ab und zu etwas zu essen und macht ab und an ein Nickerchen, wenn die Kinder es einem erlauben.

Ich hatte Lutz Seilers „Kruso“, Gewinner des letztjährigen Deutschen Buchpreises, im Gepäck. Es war durchaus eine passende Lektüre, nicht zuletzt deshalb, weil Seiler Hiddensee als eine Insel „jenseits der Nachrichten“ beschreibt.

Ich wurde hineingeworfen in den Sommer 1989, jenen Sommer, als Menschen aus dem Osten Richtung Westen flohen, und ein Küchengehilfe auf Hiddensee versucht, seinen Platz im Leben wiederzufinden, indem er sich zurückzieht auf eine Insel „außerhalb der Zeit“. Seiler thematisiert die oft verzweifelten Fluchtversuche von Menschen aus der DDR, die versuchten, über die Ostsee zu entkommen.

Und so habe ich mich auch in diesem Sommer gefragt, wie verzweifelt man sein muss, um überhaupt eine so risikoreiche Flucht auf sich zu nehmen. Während ich so in meinem Roman las, musste ich an den 24 Jahre alten Jurastudenten aus Darrya in Syrien denken, der mir detailliert geschildert hatte, wie er die Strecke zwischen der Türkei und Griechenland in diesem Jahr geschwommen war.

Seiler stellt in dem Roman einen bisher sehr lückenhaft dokumentierten Teil der DDR-Geschichte dar, zusammengefasst in die Zahlen, die er in seinem Epilog erwähnt: „Über 5600 Flüchtlinge, 913 erfolgreiche Fluchten, 4522 Festnahmen und mindestens 174 Todesopfer seit 1961, die zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark angeschwemmt worden waren.“ Ob beim Kaffeetrinken in der Gaststätte „Zum Klausner“, zentraler Schauplatz des Romans, oder am großen Leuchtturm mit Blick auf die dänische Insel Mon, war ich häufig in Gedanken bei diesen Geschehnissen.

Stolpersteine gibt es auch auf Hiddensee, in Erinnerung an die vielen jüdischen Urlauber, die schon in den frühen 30er-Jahren nicht willkommen waren auf der Insel und die später Inselverbot bekamen. Vor dem sogenannten Hexenhaus in Vitte stolperten wir über einen Stein, der an den Pädagogen Adolf Reichwein erinnert, der Mitglied in der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis war. Er wurde am 20. Oktober 1944 in Plötzensee hingerichtet.

Seine sehr sympathische Tochter Sabine zeigte uns Bilder von sich und ihren Geschwistern am Strand von Hiddensee sowie ein Bild von ihrem Vater, das ihn auf einem Boot kurz vor dem Hiddenseer Hafen, umrahmt von misstrauischen SS-Soldaten, zeigt. Sie führte uns durch das winzige reetgedeckte Häuschen aus dem 18. Jahrhundert. Es war nach der Hinrichtung des Vaters für die Familie der Rückzugsort, an dem die Mutter den Kindern trotz allem glückliche Urlaubstage bereiten wollte. Und mir wurde klar, dass man nie weit weg genug von der Geschichte in Deutschland ist – auch nicht auf einer kleinen Insel, die jenseits der Nachrichten und außerhalb der Zeit zu sein scheint.