Ein unglaublich langes „Hoi“ schnauft der neue Preisträger ins Mikrofon bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer und wischt sich vor seinen lyrisch anmutenden Dankesworten erst einmal über die Stirn. Lutz Seiler, Jahrgang 1963, hat für seinen DDR-Aussteigerroman „Kruso“ den Deutschen Buchpreis 2014 erhalten. Poetisch und sinnlich beschreibe der Autor darin den Sommer des Jahres 1989 auf Hiddensee, begründete die Jury ihre Wahl am Montagabend. Mit dem Preis wird der beste Roman des Jahres in deutscher Sprache geehrt.

Berliner Morgenpost:

Sie sind ein Autor im Glück. Erst der Uwe-Johnson-Preis, dann erreichte Sie die Nachricht vom Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und nun folgt der Deutsche Buchpreis. Als Lyriker gewinnen Sie den Preis ausgerechnet mit Ihrem ersten Roman?

Lutz Seiler:

Es ist natürlich wunderbar, dass „Kruso“ viele Leser findet. Dass es Leser gibt, ist doch das Größte. Aber es ist nicht so, dass ich das als aufsteigende Kurve irgendeiner Laufbahn empfinde – von der Lyrik über Erzählungen zum Roman. Ich habe lange Zeit nur Gedichte geschrieben und hatte schon nach jedem Gedichtband Lust, ein wenig in die Prosa zu marschieren. Aber die Gedichte haben mich immer wieder eingefangen, sie erschienen mir die spannendere Gattung und sind mir auch jetzt nicht weniger wichtig. Das sieht plötzlich so aus wie eine Karriere, aber so empfinde ich es nicht.

Mit „Kruso“ haben Sie der Insel Hiddensee ein Denkmal gesetzt. Wie kamen Sie auf die Idee, das Eiland als Fluchtpunkt für eine sehr eingeschworene Gemeinschaft zu nehmen?

Ich hatte das gar nicht vor, eigentlich hatte ich einen anderen Stoff im Sinn. Ich kniete 2010 auf einem anderen Romanprojekt, das sich aber einfach nicht fügen wollte. Ich habe damals viel recherchiert, ich war gerade Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, aber es fügte sich nicht. Für einen Autor, der nicht schreibt, steht ja alles in Frage, die ganze Existenz, die Berechtigung, auf der Welt zu sein. Ich habe mich damals verabschiedet von der Idee, einen Roman zu schreiben. Ich hatte ja immer noch den Heimathafen der Gedichte. Dann sagte meine Frau, „schreibe doch mal zehn Seiten über diesen Hiddensee-Stoff, der dir so gut gefallen hat“. Das sollte eigentlich ein kleineres Rückblick-Kapitel werden im ursprünglich geplanten Roman.

Also wurde aus der Krise ein Roman? Von 2010 bis 2014 haben Sie daran gearbeitet.

Als ich anfing zu schreiben, hatte ich sofort ein paar starke Bilder, denen ich absolut vertrauen konnte. Die waren wie Portale, durch die ich hineingehen konnte in die Geschichte.

Wann entdeckten Sie die Insel eigentlich?

Im Sommer 1989. 1988 war ich erstmals kurz da und nahm mir vor, in jedem Fall wiederzukommen. Ich zog mit einem Freund über die Insel, es gab ja keine Quartiere, aber als Saisonarbeiter bekam man ein Bett. Und so sind wir dann im Klausner gelandet als Abwäscher, für 2,70 Mark die Stunde. Das Norderende zahlte nur 1,20 Mark. Aber es ging ohnehin nicht um Geld, nur um die Insel, um die Chance dort zu sein. Die damalige Tresenfrau Ramona ist heute die Besitzerin. Das war schon eine phantastische, sehr exotische Szene da oben, ein Mikromilieu, das es so nur dort und später nie wieder gegeben hat.

Die Insel war ja bereits zu DDR-Zeiten ein Sehnsuchtsort.

Hiddensee war ein Mythos und ein Sehnsuchtsort, nicht nur für Intellektuelle. Eigentlich wollte jeder einmal auf die Insel. Neben den Urlaubern und Tagestouristen gab es diese Szene von Aussteigern und Ausgestoßenen, die es ganz bewusst versucht haben, sich dort als Saisonarbeiter durchzuschlagen. Es gab dort ja keine Kellner, Tresenleute und Köche, es gab nur Philosophen, Soziologien, Maler und Dichter, die sich als Kellner, Tresenleute und Köche verdingten, um an diesem Ort ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu leben. Die Insel, die Natur, das Meer, das war auch eine gewisse Jenseitserfahrung. Hiddensee als eine Art Fluchtort innerhalb der Grenzen.

Können Sie sich jetzt einen zweiten Roman vorstellen?

Warum denn nicht? Ich hätte schon Lust dazu.

Eine Idee dazu?

Ich würde den Stoff des ursprünglichen Romanprojektes noch einmal aufgreifen. Angesiedelt wäre der Roman dann zwischen 1990 und 1993 in Berlin, dem Todesjahr Alexander Krusowitschs, Krusos also. Am Anfang des Epilogs in „Kruso“ wird diese Lücke bereits markiert.

Das würde sich also zeitlich an „Kruso“ anschließen?

Vielleicht. Das wäre dann die unmittelbare Nachwendezeit in Berlin. Für mich die „Assel“-Zeit, das war die erste freie Kneipe in der Oranienburger Straße, wo ich als Kellner und Küchenkraft gearbeitet habe. Bei meiner Recherche für „Kruso“ habe ich viele Leute von damals wieder getroffen. Das Ganze funktionierte vom Mauerfall an ja wie eine Wanderdüne, die von Hiddensee nach Prenzlauer Berg mäandert ist. Die Leute aus Hiddensee kamen nach Berlin, machten in Prenzlauer Berg und in Mitte weiter, eröffneten Kneipen und Cafés, das Café Westphal zum Beispiel, das erste neue Café am Kollwitzplatz, eröffnet von einem Klausner-Kellner – inzwischen gibt es das leider nicht mehr.

Das war ja der Stoff Ihres ursprünglich ersten Romanprojektes. Warum sind Sie damals am Thema gescheitert?

Ich war einfach zu dicht dran. Ich hatte versucht, ein Scheitern zu verhindern und bin daran gescheitert.

Also, wann setzten Sie sich an den nächsten Roman?

Nicht vor dem nächstem Jahr.