Wie bitte, Porzellan in einer Ausstellung? „Na ja, eigentlich gehört es nicht ins Museum“, findet Stefanie Hering. Nur macht die Porzellandesignerin selbst gerade eine Ausnahme. Ihre, man darf sagen, Geschirrkreationen sind im Haus am Waldsee zu sehen. Immerhin, Angela Merkel hat schon auf Hering diniert, selbst US-Präsident Barack Obama ließ es sich schmecken auf einem Teller „made in Berlin“.
Die Berlinerin, ganz unkompliziert in Jeans und Bluse, hat die Tische für den G7-Gipfel auf Elmau ausgestattet. Der junge Küchendirektor, Mario Corti, serviert dort nie ohne sie. Und so musste der Container mit den bestellten Servicen einer deutschen Porzellanmanufaktur gleich wieder abgeholt werden. Und Stefanie Hering (48) stockte einige ihrer besten Stücke für die teilnehmenden sieben auf. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass sie mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde.
Unsere Esskultur hat sich stark verändert, wir essen global
Nun bespielt sie mit ihren Kollektionen das Ausstellungshaus in Zehlendorf. Unsere Esskultur hat sich stark verändert in den letzten Jahren, das interessiert auch ein breites Publikum, zumal man Hering auch erwerben kann. Es ist ihre erste Einzelausstellung, beide Stockwerke sind ihr gewidmet: unten die Kür mit den fantasiereichen Objekten, oben die Pflicht. Werkstücke und Fotos aus dem thüringischen Reichenbach, wo das Porzellan hergestellt wird. Strukturen werden von Hand gewaschen, gebohrt, gemalt, das „richtige Handwerk“ eben – das ist der Berlinerin wichtig. Geschirr hat eben ein „Wesen“. Das Haus am Waldsee, das sich gerne für kreative Berliner Köpfe vieler Sparten öffnet, erweist ihr damit museale Wertschätzung.
Wer an ihre prachtvolle Tafel in der großen Ausstellungshalle herantritt, sieht wundersame Stillleben: Die flammend roten Granatäpfel bekommen ihren Auftritt ganz in Weiß, und auch die winzigen Kirschen haben ihre Bühne auf einem handgroßen Tellerchen. Selbst die orientalischen Gewürze, rot, orange, sehen aus wie Pigmente auf dem Ateliertisch eines Malers. Wer Herings Geschirr einmal angefasst hat, mit dem Finger etwa die feinen gemalten Rillen nachfährt, die mit Diamant butterweich geschliffen sind, der weiß, auf diesen Tellern ist Speisen Kunst. Daher bestellen Spitzenköche aus der ganzen Welt so gern bei ihr. Hering veredelt Speisen, sie sagt, es sei ihr „Respekt vor den Nahrungsmitteln“.

Vorbei sind die Zeiten, wo wir bei Porzellan an Omas unhandliche Terrine und den Sonntagsbraten auf bleischweren Platten denken. Wo junge Mädchen in ihrer Ausstattung Geschirr fürs Leben bekamen, das nach 15 Jahren altmodisch war. Heute essen wir anders – wir essen global. Es vergeht gefühlt kein Tag ohne ein neues Kochbuch oder ein ausgefallenes Rezept, man fragt sich, wer es wann eigentlich kochen soll. „Ich möchte Tischkultur wieder attraktiv machen“, sagt Stefanie Hering.
„Wir brauchen das Service aus der Biedermeierzeit nicht mehr, wir laufen ja auch nicht mehr mit Reifröcken rum.“ Ihre klaren, modernen Formen passen sich gut internationalen Tischkulturen an.
Die Suche nach dem globalen Tisch
Manchmal ruft ein Sternekoch an, er hat eigene Vorstellungen, worauf er sein „Amuse-Gueule“, jene Häppchen, servieren möchte. So kommt sie ins Gespräch und zu Ideen. Aber halt, das betont sie immer wieder in unserem Gespräch, Geschirr müsse funktional sein. „Es gehört zu unserem Alltag.“ Wie sieht er nun aus der globale Tisch? „Ich muss“, sagt Stefanie Hering, „französisch, mexikanisch, italienisch, indisch, chinesisch abdecken. Selbst in einem deutschen Haushalt isst man einen Tag mit Stäbchen und am nächsten Tag hat man eine Pizza auf dem Tisch.“ Sie entwickelt ein Geschirr, das diese Bandbreite spielerisch mitmacht. Bei ihr sieht ein Suppenteller nicht unbedingt aus wie einer, die Porzellane sind flexibel nutzbar.
Sie spielt dabei mit Proportionen – und mit Oberflächen, Glanz und Mattigkeit etwa. Es gibt die Teller aus unglasiertem Biskuitporzellan und jene, deren Rand komplett perforiert ist. „Damit gehe ich raus aus dem klassischen Service. Das gibt es nicht mehr“, erklärt sie ihre Idee. Früher hätte man einen Essteller, heute gäbe es fünf bis neun verschiedene in der Kollektion.
Und wie deckte sie die G7-Gipfel-Tafel ein, wo es einem François Hollande genauso schmecken sollte wie dem japanischen Regierungschef? Sie weiß es nicht. Wie und was Staatsgäste essen – reine Verschlusssache. Sie weiß nur, „es gibt eine Dramaturgie wie in einem guten Theaterstück.“ In Asien und im Orient speist man anders als in Europa.
Dort gibt es keine individuellen Portionen auf dem eigenen Teller, sondern große Platten und viele verschiedene Schüsseln. In orientalischen Kulturkreisen tafelt man schnell mal mit 12 oder 24 Personen. Und diese Kundschaft liebt genau wie die russische, reiches, farbiges Dekor. Darauf hat sich Hering eingestellt. Sie zeigt auf Teller im hinteren Teil der Tafel, verziert mit feinsten Goldgespinsten, andere haben blaue florale Elemente oder Flammen und Paisley. Ein Scheich bestellte kürzlich eine Kollektion mit Dekor und eine komplett weiße, jeweils für 48 Personen.
Seit 1992 ist sie in Berlin, heute lebt sie am Wannsee
Seit 1992 ist sie in Berlin, gehörte damals zur Gruppe der kreativen Zuzügler, wo alles möglich war, erzählt sie. Da gab es genügend Nischen und Räume, um durchzustarten. Gelernt hat die Schwäbin das klassische Handwerk als Keramikerin, drei Jahre Gesellenzeit, danach Meisterbrief, anschließend drei Jahre Gestaltung. „Neun Jahre müssen reichen“, meint sie.
In der Lychener Straße im Prenzlauer Berg bezog sie ihr erstes Atelier – in einer alten Paketausgabestelle. 2005 kam das Geschirr auf den Markt. Inzwischen heißt die Marke „hering berlin“, Wiebke Lehmann, ihre Kollegin, gehört dazu, und ihr Mann Götz Esslinger, Architekt. Das eingespielte Trio managt das Unternehmen mittlerweile in Kohlhasenbrück am Wannsee. Vermutlich wäre ihre Karriere anders verlaufen, hätte sie damals nicht Berlin gewählt. „In anderen Städten gab es nur fertige Wege, da musste man sich einfügen“, meint sie. „Auch heute gibt es hier noch ungeheuer viel Eigenes.“
Allerdings mangelt es immer noch an Kaufkraft. Sie hat trotzdem ihren Flagship-Store eröffnet, und zwar in der edlen Ladenzeile des „Waldorf Astoria“, womöglich wagt sich da nicht gleich jeder rein. „Tolle Nachbarschaft mit dem Zoo Palast und C/O Berlin“, sie schwärmt von dem Areal. 80 Prozent ihrer Kollektionen gehen ins Ausland. Aber ihre Kunden kämen ohnehin nach Berlin. Die würden ihr sagen: „Die Stadt ist immer eine Reise wert.“
Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30. Di–So 11–18 Uhr. Bis 7. Februar. Geschirr ab 50 Euro.




