Fotografie

Berliner Ausstellung zeigt Jules Vernes auf dem Mond

Fotograf Tagliavini belebt in seinem Werk den Entdeckergeist des 19. Jahrhunderts. Eine erstaunliche Schau bei Camera Work in Berlin.

Sehnsuchtsblick: Das kleine Mädchen sucht den  Mond mit ihrem fernrohr. Christian Tagliavini nennt sein Foto „Place des reves“, den Ort der Träume

Sehnsuchtsblick: Das kleine Mädchen sucht den Mond mit ihrem fernrohr. Christian Tagliavini nennt sein Foto „Place des reves“, den Ort der Träume

Foto: Christian Tagliavini

Gebt uns eine Zeitkapsel! Schaut man sich die Fotos von Christian Tagliavini an, möchte man sich sofort einen Roman von Jules Vernes schnappen oder eine der zahlreichen Verfilmungen anschauen.

Der Schweizer Fotograf, 44, entführt uns in seinen Serien in ein magisches Universum des 19. Jahrhunderts – voller Entdeckungen, Abenteuer und technischer Innovation. Science-Fiction, ganz aus dem Geist des 19. Jahrhunderts, das macht diese Fotos so unverwechselbar. „Voyages extraordinaires“ heißt die vierteilige Serie, die ab Sonnabend in der Galerie Camera Work zu sehen ist.

Es gibt die Sphären des Wassers, des Mondes, der Erde und den Bereich der Wartenden. Da steht dieses Mädchen, im weißen Engelskleidchen, in einem nächtlichen Studierzimmer und schaut traumverloren durch ein langes Fernrohr in den Mond, das Licht strahlt zurück in ihr offenes Gesicht. In der Ecke steht einer dieser Globen, die es heute nicht mehr gibt. Mit dem Finger darauf, so entdeckte man früher die Welt.

Der Schweizer sieht sich als „Handwerker der Fotografie“

Tagliavini ist ein „Maniac“, sagt er selber, ein Perfektionist. Zeitkolorit und Porträtästhetik seiner inszenierten Bilder sind deckungsgleich mit der Entstehungszeit der Romane. Jedes Detail stimmt, Falte, Faltenwurf, Knöpfe sind Originale, den Lederkoffer hat er bei einem Sammler aufgetrieben, die Kamera ebenfalls, selbst die alte Zange in der U-Boot-Kapsel. Sechs Monate allein hat er gebraucht, um das alles zu recherchieren. Danach folgt das gezeichnete „storybook“. Darin versammelt er alle Kostümzeichnungen, sogar das Halsband für den Hund ist mit zwei Seiten dabei.

Die Stoffproben für die Kleider stammen aus Italien, nur dort gibt es eben diese Farbauswahl, die besondere Mischung von Beige und Orange. Wolle oder Leinen? Darauf verwendet er manchmal Tage. Diese Detailversessenheit macht seine Fotos stark, gibt ihnen cineastische Qualität. Manche Porträts sehen aus wie die Gemälde Alter Meister aus Barock oder Renaissance. Am Ende braucht er zweieinhalb Jahre für die aufwändige „Reise“-Serie, 28 Fotografien gehören dazu.

Nun ist es nicht so, dass der 44-Jährige sich die drei Romane „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Von der Erde zum Mond“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“ 1:1 umgesetzt hat. Im Gegenteil, er arbeitet aus seiner Erinnerung, „wie ich als Siebenjähriger diese Geschichten im Kopf habe“. Das erlaubt ihm noch mehr Fantasie und Spontaneität.

Bei seiner Porträtserie „1503“ war es ähnlich. Bronzino inspirierte ihn, ein gebildeter und belesener florentiner Maler, der die Werke der großen humanistischen Autoren des Jahrhunderts, Dante oder Petrarca studiert hatte, Gedichte schrieb, vor allem aber hervorragende Porträts auf die Leinwand brachte.

Als Künstler sieht Tagliavini sich nicht, eher als „Handwerker der Fotografie“. Kokett ist das nicht. Die Arbeit mit der Kamera sei nur ein kleiner Teil des Projektes, für die Vorarbeit brauche er 80 Prozent der Zeit. Dieses „Mis en Scène“, der kalkulierte Aufbau eines Bildes, das ist es, was ihn am meisten Spaß macht.

Schließlich kam er gar nicht auf geraden Wegen zur Fotografie, ausgebildet ist er als technischer Ingenieur, später arbeitete er als Grafikdesigner. Vor 15 Jahren besuchte er eine Fotomesse, der Funke sprang über. Er nahm selbst die Kamera in die Hand. Seit er 2004 – er sah Bilder des Niederländers Erwin Olaf – hat er ein Faible für inszenierte Fotografien.

Irgendwann also saß er mit seiner Frau in einem Restaurant in Mailand, um für die Serie „Voyages extraordinaires“ einige Frauen zu casten. Was die beiden an den Tischen sahen, gefiel ihnen weniger, sie guckten sich an: lauter geliftete Damen in der Stadt der Fashionisten, Lippen und Wangen – alles gemacht.

„Mir kommt es nicht auf klassische Schönheit an“, sagt Christian Tagliavini. Die junge Frau, die er wählte, hat eine ausdruckstark geschwungene Nase, um nicht zu sagen, eine große. Ein Charaktergesicht. Es war die Kellnerin des Restaurants. Models interessieren ihn einfach nicht, sie denken zu stark an Posen, natürlich auch an ihr Geld – und ihre Zeit. „Da möchte ich“, sagt Christian Tagliavini, „schon etwas mehr Leidenschaft“.

Camera Work, Kantstr. 149. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 27. Februar. Fotos: 4800 – 8900 Euro.