Deutsches Theater

Ferdinand von Schirachs „Terror“: Das Publikum urteilt

Am Tag der Deutschen Einheit wurde Ferdinand von Schirachs erstes Theaterstück uraufgeführt. Nach der Pause folgte der Hammelsprung.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Die Würde des Menschen ist keine Verhandlungssache. Eigentlich. Als „unantastbar“ ist sie in Artikel 1 unserem Grundgesetz als übergeordnetes ethisches Prinzip eingeschrieben. Wenn nun also einer 164 Menschen umbringt, dann hat er ja wohl gegen dieses Prinzip verstoßen. Der Angeklagte Lars Koch gesteht die Tat. Fall erledigt, Aktendeckel zu? Mitnichten.

Lars Koch ist Kampfjetpilot und die Lufthansa-Maschine mit den 164 Passagieren hat er, gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten, abgeschossen, weil sie in der Hand von Terroristen war, die drohten, das Flugzeug ins voll besetzte Münchner Fußballstadion zu lenken.

Das Stück der Theater-Saison

164 Menschen gegen 70.000, ist Lars Koch nun ein Mörder oder ein Retter? Darf man Leben gegen Leben aufrechnen und wer hat das Recht, das zu entscheiden? Das wird ab sofort auf deutschen Bühnen verhandelt, denn der Strafverteidiger und Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach hat darüber ein Theaterstück verfasst, sein erstes.

Es heißt „Terror“, hat zwei mögliche Enden und wurde am Sonnabend gleich doppelt uraufgeführt, in Frankfurt und im Deutschen Theater in Berlin. 14 Inszenierungen auf deutschen Bühnen sind allein in dieser Saison angekündigt.

Die Pflichten des Publikums

In Berlin führte Hasko Weber Regie, was sich weitgehend darauf beschränkt, die Textvorlage einzukürzen, ansonsten wurde getan, was bei so einem Gerichtsdrama eben getan werden muss: verhandelt. Auf dem schmalen Bühnenstreifen stehen ein paar Stühle, Fotos verkohlter Wrackteile links und rechts, im Hintergrund Videoprojektionen von Flugtickets, Geschossen, trudelnden Menschen.

Ein Waschbecken hängt an der Wand, anfangs dient das hier noch als Zelle, in der der Angeklagte Liegestütze macht. Derweil klärt uns Almut Zilcher als gestrenge Vorsitzende über unsere Pflichten auf, dass wir nämlich am Ende zu entscheiden haben, wie die Sache hier ausgeht und dass wir dabei menschlich bleiben sollen.

Was Theater und Gericht vereint

Es folgen die Ausführungen der Staatsanwältin, die der Verteidigung, die Vernehmung der Zeugen, die Plädoyers. All das also, was im Grunde Theater und Gericht vereint, die Techniken der Vergegenwärtigung, die Rekonstruktion von Wirklichkeit mittels Sprache.

Hasko Weber macht daraus wenig, seine Inszenierung weist weder inhaltlich noch ästhetisch über den sachlichen, in seinen Argumenten sehr wohl sortierten Text hinaus, der in seinem Kern ein absolut überdenkenswertes moralisches und rechtsphilosophisches Dilemma skizziert. Was kann das Theater so einer juristischen Konstruktion noch hinzufügen? Mindestens die Figuren.

Großartige Gegenspieler

Timo Weisschnur bleibt als Angeklagter angenehm neutral, ein Karrierist bei der Bundeswehr einerseits, aber eben im Ernstfall auch kein Paragrafenhengst, sondern fähig, zu handeln.

In Franziska Machens als Staatsanwältin hat er eine großartige Gegenspielerin, sie führt seine Argumente mit spöttischem Lächeln ad absurdum, wohingegen Helmut Mooshammer seinen Oberstleutnant Lauterbach allzu zackig und süffisant aufspielen lässt.

Das Berliner Urteil: 255:207

Bis zur Pause sind wir aufmunitioniert mit Argumenten und Fallbeispielen, Sympathien und Antipathien und allerlei bundesverfassungsgerichtlichen Grundlagen. Die Rückkehr in den Saal wird zum Hammelsprung, die Türen sind mit „Schuldig“ und „Unschuldig“ markiert, wir müssen uns entscheiden.

Das Premierenergebnis fällt knapp aus: 255 plädieren für unschuldig, 207 für schuldig. Auch in Frankfurt gab es einen Freispruch, das Votum war aber noch knapper Das letzte Wort ist in dieser Frage der Menschenwürde und Moral offensichtlich noch nicht gesprochen. Es wird jeden Abend neu verhandelt.

Deutsches Theater , Schumannstr. 13a, Mitte. Kartentel. :28 441 225. Nächste Termine: 6., 16. und 22. Oktober, 20 Uhr.