Klassik-Kritik

Die Bartoli ist für Rolando Villazón die neue Netrebko

Gemeinsames Programm der Opernstars in der Philharmonie

Quirlige Diva, schmachtender Tollpatsch: Auf ihrer ersten gemeinsamen Konzerttournee scheint es eine klare Rollenverteilung zwischen Cecilia Bartoli und Rolando Villazón zu geben – ganz im Gegensatz zum äußerst abwechslungsreichen italienischen Opern-Solo-Duo-Programm, das die beiden Gesangsstars in der Philharmonie präsentieren. Von Mozart bis Donizetti reicht der Reigen, darunter Ouvertüren, Arien, Duette und sogar das selten zu hörende Oboenkonzert des jungen Vincenzo Bellini. Ausschnitte aus Rossinis „La Cenerentola“ wecken Erinnerungen an Bartolis vielleicht schönsten Opern-Triumph, Donizettis „Una furtiva lagrima“ aus „Der Liebestrank“ dagegen lässt an das einstige Traumpaar Netrebko-Villazón denken. Doch ausgerechnet in dieser ergreifend schlichten Romanze offenbart sich die Stimmkrise des mexikanischen Tenors auf beklemmende Weise: Villazón kann sich nicht vom Überdruck befreien, der auf seinem Gesang lastet. „Oh nein“, raunt es betroffen im Publikum, als dem Sänger wiederholt die Höhe wegbricht.

Im Saal sitzen treue Villazón-Fans. Sie leiden mit ihm mit, spenden danach aufmunternden Applaus. Die wirkungsvollste Aufmunterung allerdings scheint von Cecilia Bartoli zu kommen. In ihrer Gegenwart blüht Villazón auf, singt sich in wahre Rauschzustände. Keine Frage: Villazón braucht die Interaktion, das Bühnengeschehen, um seine Talente zu beflügeln. Er riskiert auch hier seine Stimmgesundheit, gibt viel mehr, als er eigentlich hat. Doch seine musikalische Begeisterung wirkt so ansteckend, dass man als Zuschauer in diesen Momenten gar nicht erst dazu kommt, ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Weil hier ein hochbegabter Sänger hörbar Schaden nimmt, um dem Publikum höchsten Unterhaltungsgenuss zu bereiten.

Und die Bartoli? Auch sie ist ein Bühnentier, doch im Vergleich zu Villazón hat sie ihre Stimme über Jahrzehnte hinweg sorgsam gepflegt. Für die Zerlina aus Mozarts Duett „Là ci darem la mano“, eigentlich eine Sopranpartie, wirkt ihr Mezzo fast schon zu mächtig. Wie die Bartoli dann aber in der koloraturträchtigen Rossini-Arie „Non più mesta“ schmetterlingsgleich in die Höhe flattert und launische Loopings vollführt, klingt unerhört reizvoll. Das Zürcher Originalklang-Ensemble „La Scintilla“ begleitet an diesem Abend luftig leicht. Die Musiker pflegen einen angenehmen, spielfreudigen Konversationston, der selten über ein gesittetes Forte hinausgeht.

Villazón verkörpert hier eine Rolle, die ihm nur wenige zugetraut hätten: die des teuflisch Eifersüchtigen, der seine Geliebte aus Rache ersticht. Die Bartoli sinkt mit aus den Höhlen tretenden Augen zu Boden – und das offizielle Programm ist beendet. Doch so wollen Villazón und Bartoli ihre Fans nicht nach Hause schicken: Zur allgemeinen Freude folgen noch ein paar besonders lebensfrohe Duette als Zugaben.