Ausstellung

Menschelnder Menzel und neuer Chef im Märkischen Museum

Zum Jubiläum: Das Märkische Museum zeigt Teile des Nachlasses des Künstlers. Und der neue Chef Paul Spies stellt sich vor.

Blick in die Ausstellung: Paul Spies, neuer Direktor des Märkischen Museums. Links an der Wand hängt  Menzels schönes Gemälde „Am Kreuzberg bei Berlin“

Blick in die Ausstellung: Paul Spies, neuer Direktor des Märkischen Museums. Links an der Wand hängt Menzels schönes Gemälde „Am Kreuzberg bei Berlin“

Foto: Marion / Marion Hunger

„Ich. Menzel“ heißt die neue Ausstellung im Märkischen Museum. An diesem späten Morgen könnte es ebenso gut heißen: „Ich. Paul Spies.“ Der Holländer ist Michael Müllers neuer Mann für die Neuausrichtung des Berliner Stadtmuseums und zugleich Chefkurator für die Berlin-Fläche im Humboldt-Forum. An diesem Morgen steht Spies erstmals öffentlich in „seinem“ Museum am Mikrofon, er weiß, um all die Erwartungen und Fragen, die an ihn gestellt werden. „Ich muss üben, wie ich das mache in Berlin“, ziemlich smart sagt er es. Die aktuelle Schau verantwortet er noch nicht. Er sei, sagt er gleich, noch designierter Direktor des Museums, vorerst „halbtags“ in Berlin. Erst ab Februar nächsten Jahres startet er durch. Immerhin wollen Bund und Berlin zusammen 65 Millionen Euro in die Umstrukturierung der Stiftung Stadtmuseum stecken, dazu gehören die Modernisierung des maroden Hauses am Köllnischen Parks und der Umbau des Marinehauses.

Der Masterplan für das Museum soll im nächsten Jahr vorliegen

Sein Zeitplan ist überaus ambitioniert: Im Juli nächsten Jahres soll sein Masterplan vorliegen. Ein Konzept, das die 4500 Quadratmeter im Humboldt-Forum und die Häuser des Stadtmuseums in einem Guss inhaltlich zusammendenkt. Ein großes Netzwerk muss das werden, meint er. Wie die Abgrenzung zwischen den Ausstellungen im Märkischen Museum und der „Welt.Stadt.Berlin“ funktionieren soll? Genau daran wird er in den nächsten Monate arbeiten. Zumal er erst den Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, Neil MacGregor treffen will, der sich rar macht in der Stadt. So rar, dass man vor einigen Tagen überrascht war, wie unruhig MacGregors Mitstreiter, Stiftungspräsident Hermann Parzinger, mittlerweile auf Tempo setzt. „Wir müssen anfangen“, sagt er. In vier Jahren, 2019, soll das Humboldt-Forum eröffnen. „So viel Zeit hatte ich noch nie, um an einem Projekt zu arbeiten“, sagt Spies. Ach, ja.

Jetzt aber zu Adolph Menzel, dem Jahrhundertkünstler, dem „Urberliner“, der 75 Jahre in der Stadt lebte, hier mehrere Ateliers hatte und sich nicht nur mit der „Geschichte Friedrichs des Großen“ dem Hause Hohenzollern verschrieben hatte. Nun sind Jubiläen wie jetzt der 200. Geburtstag des 1,50 Meter großen Mannes selten originell als Anlass für eine Schau. Doch hier liegen die Dinge etwas anders. Das Märkische Museum verfügt über einen breiten Nachlass des Künstlers, es wäre wirklich schade gewesen, ihn nicht einmal für die Besucher auszubreiten.

Um es gleich zu sagen: Wer hofft, am Köllnischen Park Menzels schöne Hauptwerke wie das „Flötenspiel“, die „Tafelrunde“ in Sanssouci oder das „Eisenwalzwerk“ besichtigen zu können, muss sich den Weg noch aufsparen für die Alte Nationalgalerie. „Warum sollten wir die Gemälde hier zeigen? Man kann doch in die Nationalgalerie gehen“, fragt Kuratorin Claudia Czok. Versicherungs- und Transportkosten hätten so ein Unternehmen von vornherein obsolet gemacht. Zumal man im Märkischen Museum zeigen möchte, was man selber hat, und man hat einiges: Die Stärke liegt hier auf der biografischen Seite des Künstlers und den Arbeiten auf Papier, den Lithografien, allein 17 Lithografiesteine gehören in den Fundus. Es ist klar, dass man sich als Stadtmuseum nicht vorgenommen hat, die Menzel-Forschung zu ergänzen oder Aspekte wie die Heroisierung oder die Vereinnahmung etwa durch die Nazis herauszuarbeiten, darüber gibt es genügend Doktorarbeiten.

Im Märkischen Museum menschelt es – gezeigt wird der Erdenbürger in Berlin, und das ist gut so. Theodor Fontane bezeichnete ihn einmal etwas kokett als einen „ganz grandiosen kleinen Knopp“, der vielleicht noch „größer ist als der Maler“. Schriftsteller Maximillian Harder hingegen kritisierte, dass der „Zwerg“ oft „unsanft ins Riesenmaß“ gezerrt wurde. Unmittelbar nach der Gründung des Museums begann der damalige Direktor Ernst Friedel 1874, Kunstwerke und Hinterlassenschaften des Malers zu erwerben – die feinen Illustrationen zum Leben Friedrich des Großen waren auch dabei.

Für den Kauf von Gemälden reichten schon damals die Finanzen nicht aus, eine Ausnahme aber gibt es: das Gemälde „Am Kreuzberg bei Berlin“. Der heutige, alternative Kiez bestand damals nur aus drei Häusern, drumherum nur Grün. Es gehört neben dem Bild „Wilmersdorf bei Berlin“ heute noch in die Sammlung des Hauses.

Wir sehen den kleinen Künstler, wie er, um sich zu erhöhen, auf Podeste und Leitern steigt. Wir sehen sein letztes Atelier in der Sigismundstraße 3, ein ziemliches Tohuwabohu herrschte dort zwischen Gipsfiguren und Masken an den Wänden, überall Stühle, übersät mit Papierollen und anderem Krimskrams. Mittendrin hockt der Meister, ziemlich grämlich, wie er da sitzt. Bis zuletzt arbeite er dort fast täglich und ordnete seinen Nachlass. Dazu sein hochlehniger Lieblingsstuhl aus Nussholz, das Geflecht ist an einer Ecke abgetrennt. Weiterhin: wunderschöne Illustrationen zu Kindergedichten („Kind und Hase“), ausführliche Briefe an seinen Sohn, seine Palette und seinen Spazierstock mit der winzigen Hufe aus Elfenbein im Knauf. Aber natürlich reicht es nicht, diese Exponate nur ordentlich in Vitrinen sortiert nebeneinander auszustellen – moderne Präsentationen sehen anders aus. Und natürlich wünscht man sich auch die Ausstellungsräume heller, großzügiger und die feinen Blätter weniger artig sortiert als in einer Bibliothek.

Das Haus braucht einen frischen Auftritt mit neuen Formaten

Genau das aber wird Paul Spies’ Aufgabe sein, er wird dem Stadtmuseum insgesamt einen frischen Auftritt geben mit innovativen Formaten. Dass er das kann, zeigt er in Amsterdam.

Spies war selbst überrascht, wie breit aufgestellt die Sammlung des Märkischen Museums ist. „Das Museum ist eine Überraschung“, findet er. 4,5 Millionen Exponate gehören in den Fundus und die kleine Menzel-Ausstellung zeigt, welches Potenzial das Museum eigentlich hat, wenn man den Schatz nur endlich hebt und das Haus befreit vom Heimatmuseumsstaub der letzten Jahrzehnte.

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5. Di–So 10–18 Uhr. Bis 28. März. Katalog: 19,90 Euro. Führung: So., 6.12., 12 Uhr