Wäre er nach seinem Vater gegangen, würde er sich heute um die öffentliche Ordnung kümmern. Der hatte damals einige starke Argumente für den unschlüssigen Joachim parat. „Du magst Sport, du bist nicht gut in der Schule, du reist nicht gerne, bleib hier und werde Polizist.“
Joachim Meyerhoff fand diesen Vorschlag gut, so hat er es einmal in einem Interview erzählt. Bekanntlich kam es anders, Joachim Meyerhoff wurde Schauspieler, Anfang der Nullerjahre am Maxim-Gorki-Theater, später dann am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Wiener Burgtheater. Einen inneren Drang, Schauspieler zu werden, hatte er nie, so viel ist schon mal nach der Lektüre von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 21,99 Euro) klar. Wie allerdings ausgerechnet er zu einem Bühnenberserker und Bühnenheld werden konnte, das werden wir durch ihn nicht erfahren. „Ich hatte in meinem Leben kein einziges Theaterstück freiwillig gelesen“, schreibt er über seine Zeit vor der Schauspielschule, „und die wenigen Male, die ich im Theater gewesen war, hatten mich zu Tode gelangweilt.“
Er kreist nicht, wie es sich für einen Schauspieler auch fern der Bühne gehört, um sich selbst, sondern er beobachtet die Anderen. Zumeist bewundert er seine Mitmenschen, schildert ihre Macken und Besonderheiten detailgetreu und hingebungsvoll. Joachim Meyerhoffs Beschreibungen sind Liebeserklärungen. Seine Familie und seine Schauspielerkollegen werden zu einer Ansammlung von echten Typen, richtigen Charakteren, während er, der Hüne, verschwindet. Er ist ein Beisitzer, den jede gesellige Runde braucht, die ohne den eifrigen Zuhörer nicht komplett ist. Er leidet an der eigenen Unscheinbarkeit, weiß aber auch nichts gegen sie zu tun: Als er an der Münchner Schauspielschule aufgenommen wird und seine acht Mitschüler beobachtet und deren Besonderheiten beschreibt, weiß er nicht recht, welche Aufgabe er in diesem Ensemble übernehmen sollte – „die leicht unterbelichtete Sportskanone mit Guter-Laune-Garantie?“
„Wie eine Guillotine“ war der Unfall in seine Welt gefallen“
Seine Selbstzweifel sind existenziell, nie kokett, und bekannt aus den beiden vorherigen Bücher „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ und „Wann wird es endlich so, wie es nie war“ – das Landei aus Schleswig in der Großstadt Hamburg, allein unter Schnöseln. Autobiografisch sind seine Erzählungen, aber was bedeutet das schon? Eine „subjektive Sicht einer bestimmten Welt“ biete er, hat er in einem Interview gesagt, und die sei „per se unterfüttert mit fiktiven Elementen“.
Das autobiografische Moment erklärt Joachim Meyerhoffs Erfolg am Büchermarkt zum Teil, schließlich scheint die Käufer kaum etwas so scharf zu machen wie die Etikette „selbst erlebt“. Aber vor allem hat er eine Gabe für Timing, ein Gefühl für Komik – eine extrem knappe Ressource in der Literatur.
Auf sein Leben in München bei den Großeltern und die Zeit an der Münchner Schauspielschule konzentriert er sich in seinem neuen Buch. Es ist die Zeit nach dem Tod „seines mittleren Bruders“ (Joachim ist der jüngste), der Unfall war „wie eine Guillotine in meine heile Welt gefallen, hatte das Davor und Danach in zwei Teile zerhackt“. Der Gang zu den Großeltern war keine schlechte Idee, lebten sie doch weit genug entfernt von der Heimatstadt Schleswig entfernt und boten gleichermaßen Stabilität wie auch Entertainment. Deren Tagesablauf hatte über Jahrzehnte eine feste Form gefunden. Der Großvater, eine emeritierter Philosophieprofessor, begann den Tag mit „einer abstrusen Gymnastiksimulation“, denn „durch sein hohes Alter waren diese Übungen nur noch Andeutungen der sicherlich einst mit Schwung und Elan geturnten Bewegungen“.
Ein Gutteil des Tages verbrachten Großeltern und Gäste mit Alkohol. Zwei Gläser Champagner zum Frühstück, dann Weißwein zu Mittag, nach einer endlosen Mittagspause kam es zum berüchtigten „Sechs-Uhr-Whiskey“, den der Großvater zuweilen so freudig erwartete, dass er mit Blick auf die Uhr die Sekunden runterzählte, als erwarte er Neujahr. Rotwein wurde zum Abendessen eingeschenkt, abgeschlossen wurde der Abend mit Cointreau. Vorausschauend hatten sich die Großeltern einen Treppenlift einbauen lassen. Am Ende des Tages „schwebten sie würdevoll winkend davon. Im sanften Schwung die lange Treppe hoch. Volltrunkene alte Engel“, schreibt Joachim Meyerhoff. „Es gab Abende, an denen ich so betrunken war, dass auch ich die Treppe nicht anders als mit dem Treppenlift hochgekommen bin.“
„Hinter meinem Rücken Schwesterngetuschel“
Erstaunlich, dass er tags darauf immer wieder aufrecht in die Schauspielschule kam. Überhaupt erstaunlich, dass er dort anfing und nicht den Verlockungen einer Zivildienststelle nachgab. Dort hätte er Schwimmunterricht geben und, jetzt kommt es, im Schwesternwohnheim wohnen dürfen. Eine Aussicht, die ihn erregt und die er auch knapp 30 Jahre später noch mit spürbarem Bedauern niederschreibt. „In Badelatschen, kurzer Hose und engem T-Shirt, alles blütenweiß, zum Schwimmbad rüberschlendern. Hinter meinem Rücken Schwesterngetuschel.“ Dann „des Nachts hoffte ich in der Dunkelheit geöffnete Türen, auf Barfußhuschen über den Gang, auf abgestreifte Kittel.“
All das schlägt er in den Wind – und für was? Nach der Schauspielschule fängt er in Kassel an, eine ernüchternde Zeit beginnt. Nach zwei Monaten hasst er das Theater und seinen Beruf „abgrundtief“. Irgendwann, das wissen wir, wird das Leben es besser mit ihm meinen. Er wird es uns erzählen.
Joachim Meyerhoff liest im Deutschen Theater, Schumannstr. 13 a, Mitte,
am 19. November um 20 Uhr




