Kulturpolitik

Paul Spies ist der neue Mann für Berliner Stadtgeschichte

Der Holländer Paul Spies wird Chef des Märkischen Museums und zugleich Chefkurator im Humboldt-Forum. Er will neue Wege gehen.

Im Roten Rathaus: Der holländische Museumsdirektor Paul Spies stellte am Dienstag sein Konzept vor

Im Roten Rathaus: Der holländische Museumsdirektor Paul Spies stellte am Dienstag sein Konzept vor

Foto: Kay Nietfeld / dpa

„Geschichte ist nicht dazu da, um wieder Geschichte zu machen“, findet Paul Spies. Geschichte bräuchten wir heute, um Gegenwart zu leben und Zukunft erkennen zu kennen. „Wir“, damit meint er das Berliner Stadtmuseum, „müssen auch wieder an den Diskussionen der Stadt teilnehmen.“

Spies, Jahrgang 1960, ist Michael Müllers neuer Joker in seinem musealen Konzept. Der gebürtige Holländer wird neuer Direktor der Stiftung Stadtmuseums, er soll vor allem das brachliegende Haus am Köllnischen Park nicht nur komplett neu aufstellen und endlich in eine neue Ära führen, sondern gleichzeitig auch die Schanierstelle bilden zum Humboldt-Forum. Dort wird er zum Chefkurator berufen, im engen Kontakt zur Intendanz um Neil MacGregor, den Spies kennt und schätzt („ein Held“). Müllers Idee ist es, dass Spies zusammen mit dem Intendantenteam einen Masterplan entwirft für den Berliner Auftritt.

Publikumsbezogen arbeiten und vielleicht in die Kieze gehen

Im März hatte der Regierende Bürgermeister überraschend bekannt gegeben, die Pläne für die Zentral- und Landesbibliothek im Humboldt-Forum zu kippen und stattdessen die „Welt.Stadt.Berlin“ mit einem Großauftritt an den Schlossplatz zu holen. Seitdem fragen sich alle, wie das eigentlich funktionieren soll. Die senatseigenen Kulturprojekte sind der „Produzent“, Spies wird jetzt der „Regisseur“ sein, der die Berliner Schau entwickeln wird. Ihm beratend zur Seite stehen wird die Museumsmanagerin Nina Simon vom St. Cruz Museum. Sie betreibt nicht nur einen Blog „Museum 2.0“, sondern arbeitet an dem Projekt des „Museums Visionary“. Es geht im Kern darum, wie man ein Publikum aktiv in die Ausstellungen mit einbeziehen kann.

Spies ist seit 2009 Chef des Amsterdam Museums, das als eines der besten und innovativsten Stadtmuseen Europas gilt. Die Amsterdamer lieben das Haus, weil es stark publikumsbezogen arbeitet und stark in der Museumsarbeit für Jugendlich engagiert ist. 3D-Animationen und Interaktivität, darauf setzt er in seiner Heimatstadt. Ganz wichtig sind ihm auch die „Bürgertugenden“, wie er es nennt. Mit der großen Porträt-Ausstellung „Golden Age“ versuchte er, den alten Gemeinschaftssinn, den es einst in den alten Grachten gab, wiederzubeleben. So etwas sei wichtig für eine stark migrantisch geprägte Stadt wie Amsterdam. Und warum nicht in Berlin einmal mit dem Museum hineingehen in die Kieze, dort, wo die Leute zu Hause sind? „Ich suche nach neuen Besucher“, sagt Spies, „es gibt unterschiedliche Zielgruppen.“ Er könnte sich auch vorstellen, den Ephraim-Palais, der zum Stadtmuseum gehört, ganz anders zu bespielen.

Wie auch MacGregor wird Spies seinen auf Posten ab Oktober antreten, allerdings vorerst nur halb, da er in Amsterdam – wie auch MacGregor in London –, gewisse Dinge in seinem Museum noch abwickeln muss. Am 1. Februar 2016 will er „voll losgelegen“, bis 2021 läuft sein Vertrag. Seine Familie wird irgendwann nachziehen.

Eine Graffiti-Ausstellung als Stadtgeschichte

Gerade noch bereitet der studierte Kunsthistoriker und Archäologe in Amsterdam die Graffiti-Schau „New York meets Dam“ vor, die am 18. September eröffnet. Graffiti sei ein kulturelles Phänomen, findet er. New Yorker Künstler wie Keith Haring hätten die Straßenkunst in Amsterdam stark beeinflusst. So eine Ausstellung wäre auch vorstellbar für Berlin.

40 Bewerbungen gab es für den Doppelposten, erzählt Müller bei der Vorstellung von Paul Spies im Roten Rathaus. Doch nur die wenigsten entsprachen den Ansprüchen. „Ich bin ein Unternehmer“, sagt Spies. Das freut natürlich Michael Müller. Spies sagt das wohl, weil er darauf hinweisen möchte, dass er in seinem Amsterdamer Haus die Einnahmen und Drittmittel von 15 auf 30 Prozent verdoppelt hat. Schließlich versteht er sich als Manager, nach seinem Studium 1987 gründet er mit zwei Kollegen die D’Arts, eine auf Beratung und Projektmanagement spezialisierte Agentur im Bereich Kunst, die museale Konzepte, Ausstellungen und Dokumentationen entwickelt.

Spies weiß aus seiner Erfahrung in Amsterdam, dass eine Institution wie das Humboldt-Forum verschiedene Besuchergruppen bedienen muss, Touristen, am besten im Schnelldurchgang, Jugendliche mit einem Bildungsangebot und diejenigen, vielleicht akademisch gebildet, die ein Thema unbedingt vertiefen wollen. „Man kann allen Gruppen etwas eigenes bieten“, sagt er.

Incognito kam Spies nach Berlin

Einige Male war Spies incognito in Berlin, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten, sich die Museen der Stadt anzuschauen. Wie in der Fahrradstadt Amsterdam radelte er vor einigen Wochen zusammen mit seiner Frau durch die ganze Stadt, hunderte Kilometer legten die beiden auf dem Drahtesel zurück. Vom Rad aus sieht man am meisten, sieht, wie Leute agieren, wie Gebäude sich einfügen in die Stadt, meint er. Er spricht gut deutsch, seine Mutter ist Österreicherin, die Ferien verbrachte er in der Nähe von Kitzbühel. Feriendeutsch, nennt er es kokett.

Das Stadtmuseum ist renovierungsbedürftig, die engen Räumlichkeiten entsprechen so gar nicht modernen Museumspräsentationen. Doch Spies hat keine Angst vor historischen Bauten, im Gegenteil. Er liebt das „Original mit mythischer Qualität“, die Architektur will er wieder freilegen und zur Ausstellung machen. Er hat da Erfahrung, seit 2009 leitet er das Amsterdam Museum an der Kalverstraat, ein ehemaliges Kloster, das später in ein Waisenhaus umgebaut wurde. Als er damals dort anfing, lag das Haus in einem ähnlichen Dornröschenschlaf wie heute das Märkische Museum. Der schlanke, smarte Holländer wird sehen müssen, wie seine finanzielle Ausstattung sein wird. Was denn aus dem einst geplanten Neubau würde, will jemand von ihm wissen. „Ich werde die Stadt nicht fragen, ob ich 400 Millionen Euro für einen Neubau bekomme.“ Da hat er sich dann doch mit einer Null vertan.

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