Musik-Kritik

Und am Ende zückt sie doch noch den Cowboyhut

Gitte Haenning hat den Schlager längst abgelegt. Im Tipi brilliert sie als Jazz-Diva. Und interpretiert auch die alten Hits ganz neu.

Gitte Haenning steht seit 61 Jahren auf der Bühne. Mit 17 Jahren wurde sie bekannt mit  „Ich will ein Cowboy als Mann“. Das singt sie auch in Berlin – aber noch sehr, sehr viel mehr

Gitte Haenning steht seit 61 Jahren auf der Bühne. Mit 17 Jahren wurde sie bekannt mit „Ich will ein Cowboy als Mann“. Das singt sie auch in Berlin – aber noch sehr, sehr viel mehr

Foto: Geisler-Fotopress / picture alliance / Geisler-Fotop

Sie ist schon da, bevor man sie sieht. Die vier Musiker spielen bereits, da singt sie noch im Off „Ich hab Lampenfieber“. Bei anderen wäre das vielleicht Koketterie. Nicht so bei Gitte Haenning. Die steht, unglaublich genug, seit 61 Jahren auf der Bühne. Und hat doch immer ein bisschen Angst davor. Wohl weil sie ahnt, warum die meisten gekommen sind: Um die alte Gitte zu erleben. Die ohne Nachnamen. Die Schlagertante, die sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr ist.

Wirklich sitzen im Tipi am Kanzleramt überwiegend Vertreter der Silberhaarfraktion, die mit der Künstlerin älter geworden sind. Manche sind gar mit Skistöcken und Krücken gekommen. Nicht die übliche hedonistische Tipi-Prominenz findet sich ein. Dafür Alt-Star Ursela Monn (die sogar ein Foto von sich im Zelt haben muss). C-Prominenz wie Anouschka Renzi. Und, ja auch das, Schlagerkollegen wie Ireen Sheer und Gunter Gabriel. Und alle wollen sehen, was „ihre“ Gitte da so macht in ihrem neuen Programm „All by myself“, mit dem sie seit März durch die Lande tourt.

Sie macht gleich klar: Ich singe nicht nur alte Hits

Bei ihrem dreitägigen Berliner Heimspiel – Gitte wohnt sei Jahren in der Stadt – kommt sie betont leger auf die Bühne, mit Schlabberhemd, Flickenhose und einem Columbo-würdigen Knittertrenchcoat. Mit „Lampenfieber“ als Intro stimmt sie einen ihrer großen Erfolge an, betont aber sogleich – mit ihrem sympathischen skandinavischen Akzent -, dass es an diesem Abend nicht um ihre Hits geht, sondern „um Lieder, die es verdienen, gespielt zu werden.“ Klingt wie eine Entschuldigung, wie eine Distanzierung.

Als nächstes gibt sie ein schwedisches Volkslied und Songs von Mandy van Baaren, die auch im Publikum sitzt, deren Lieder aber eher unbekannt sind. Gitte Haenning interpretiert das alles sehr rockig, ihre Musiker heizen gehörig ein, und die Lady kann, auch mit 69 Jahren, noch immer röhren wie vor 30, 40 Jahren. Dabei erschöpft sich die Stimme wundersamerweise nie. In Musikerkreisen sagt man in solchen Fällen, der habe man in die Kehle gespuckt. Naja, das Verb ist eigentlich noch kräftiger, aber das wollen wir nicht benutzen. Stimmlich jedenfalls ist Gitte Haenning ein Phänomen.

Am Anfang will der Funke nicht recht überspringen

Nur mit den Texten hat sie es nicht so. Das weiß jeder, der vor zehn Jahren die Show „Gitte, Wencke, Siw“ im besagten Tipi miterlebt hat. Wo sie sich mit den anderen skandinavischen Schlagerveteraninnen Wencke Myhre und Siw Malmkvist zusammen tat, aber die meisten Einsätze vermasselte. Daraus hat sie gelernt, jetzt steht vor ihr ein Notenständer, von dem sie die Texte abliest. Aber meistenteils hockt sie eben dahinter, so kommt kein Blickkontakt zum Publikum zustande, und der Funke will nicht recht überspringen. Die Fans geben sich verhalten, Gunter Gabriel zeigt sich sogar, nicht eben kollegial, gelangweilt und brummelt lautstark mit den Tischnachbarn.

Schließlich stimmt Gitte Haenning ein Lied an, von dem sie gleich sagt, dass es „für Sie wahrscheinlich viel mehr Zuhause ist als für mich“. Ein Rückzug, schon im Vorfeld. Dann kommt „Ich will alles“, ein Gitte-Evergreen. Den verfremdet sie zwar komplett und peitscht ihn tempomäßig durch, aber das Publikum erkennt darin doch „seine“ alte Gitte. Und tobt und johlt. Aber dann ist schon Pause.

Mit eigen interpretierten Klassikern kommt sie authentisch rüber

In der zweiten Hälfte hat Anouschka Renzi bereits ihren Hut genommen, auch Frau Sheer und Herr Gabriel sind nicht mehr anzutreffen. Selber schuld. Denn jetzt kommt Gitte Haenning zu ihrem Lieblingsteil, zu Standards, die sie verjazzt. Da lebt, da dreht sie richtig auf, in dieser Musik (und in der englischen Sprache) scheint sie eher zuhause. Der Notenständer jedenfalls wird zur Seite geschoben, nur noch selten spickt sie mal drauf. Frau Haenning singt sich frei.

Und jetzt funktioniert das auch mit dem Funken. Ob bei „Sentimental Journey“ oder „All of Me“ – hier zeigt sich das wahre Talent dieser alterlosen Frau: Klassiker auf ganz eigene Weise zu interpretieren. Und hochzufahren, als habe sie Stimmbänder aus Drahtseilen.

In einer Klasse wie Soul-Legende Nina Simone

Zwischendurch erzählt sie Anekdoten, die man kaum glauben mag. Wie sie 1963 bei Marlene Dietrich auf dem Schoß sitzen durfte. Oder wie sie 1967 mit Ray Charles und Nina Simone in einem deutschen Aufnahmestudio spielte, der Aufnahmeleiter aber kein Englisch sprach und nach diversen „Ruhe“-Rufen Ray Charles einfach den Klavierdeckel auf die Finger haute. Worauf Nina Simone stimmgewaltig „Go to hell“ sang.

Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, singt Gitte Haenning diesen Song selber. Und steht der großen Soul-Legende in Nichts nach. Spätestens in diesem Moment erkennt der Zuschauer, dass da eine Frau einfach mit vier Musikern eine Jam Session hinlegt, bei der man wie zufällig dabei sein darf.

Richtig gut ist sie, wenn sie keine Erwartungen erfüllen muss

Am authentischsten ist die Dänin immer dann, wenn sie keine Erwartungen erfüllen muss, wenn sie ganz sie selbst sein darf. Und so ist der ganze Abend eine Art Umerziehung. Die Leute sind gekommen, um die alte Gitte zu hören. Ein paar versöhnliche Bröckchen werden ihnen auch vorgeworfen. Aber dann kommt Frau Haenning mit ihren Jazz-Songs. Und macht Lust auf eine ganz andere Musik.

Am Ende geht sie kurz. Und kommt mit Cowboyhüten zurück. Für sich, aber auch für die Musiker. Und dann kommt der Song, der den einstigen skandinavischen Kinderstar 1963, da war sie 17, auch bei uns bekannt machte: „Ich will ‘nen Cowboy als Mann“.

Gitte Haenning war immer etwas anders als andere Schlagergrößen

Man stelle sich das vor: Da muss eine Sängerin über 50 Jahre immer wieder einen Schlager singen, auch wenn sie sich längst zu etwas ganz anderem emanzipiert hat. Aber dann wird „Cowboy“ so verbluest, das man den Hit zwar noch erkennt, aber vor allem anerkennen muss, wie diese Künstlerin sich da aus ihrem eigenen Schatten befreit hat.

Das hat sie vor dem traurigen Schicksal bewahrt, das so viele ehemalige Schlagergrößen ereilt hat: die immer gleichen Sachen vor Kegelvereinen spielen zu müssen. Gitte Haenning war immer ein bisschen anders, immer ein bisschen ehrlicher, authentischer. Und stimmgewaltiger. Und diese Frau soll nächstes Jahr 70 werden? Das muss ein Irrtum sein.

Weitere Konzerte: Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tiergarten. Tel.: 39 06 65 50. Noch einmal am 13. und am 14. November, 20 Uhr.