Das ganze Ausmaß dieser Tragödie kann man an den Kindern ablesen. Ganz am Anfang sehen wir Macbeth und seine Frau beim Begräbnis ihres Kindes. Das steht so nicht bei Shakespeare, mag aber erklären, warum der Master und seine Lady später all das tun, was sie tun. Eine Kompensationshandlung, um die Leere in ihrem Herzen zu füllen.

Kurz darauf, vor der Schlacht, schaut der Heerführer Macbeth in die angsterfüllten Augen seiner Soldaten, die größtenteils fast noch Kinder sind. Und man ahnt seine Gewissensbisse, sie in den sicheren Tod zu schicken.

Aber später, wenn er aus Machtgier nicht nur den König getötet und den Nachfolger vertrieben hat, wird er auch noch die Nachkommen meucheln. Und das nicht, wie bei Shakespeare, durch seine Häscher. Die Kinder werden öffentlich verbrannt.

Die wuchtige Shakespeare-Adaption eines Nachwuchsregisseurs

„Macbeth“, diese große Tragödie um Machtlust und Anmaßung, ist schon mehrfach verfilmt worden, und mindestens zwei Mal auch genial, von Orson Welles und Roman Polanski. Und doch darf sich diese neue Verfilmung selbstbewusst danebenstellen.

Obschon Justin Kurzel noch ein Nachwuchsregisseur ist, der bislang noch kaum aufgefallen ist, und aus dem fernen Australien stammt, ist ihm eine wuchtige Shakespeare-Adaption gelungen, wie das so radikal, so gewagt seit Kenneth Branagh keinem gelungen ist.

Mehr noch als selbst Polanski ist dieser „Macbeth“ eine einzige Schlachteplatte, ein Hauen, Stechen und Meucheln. Und auch Shakespeare selber kommt dabei ein wenig unter die Räder.

Die edlen Verse werden zwar rezitiert – auch in der deutschen Synchronfassung, wo sie allerdings in der Schlegel-Tieck’schen Übersetzung gegeben werden, was erstaunlich lippensynchron funktioniert, aber die hohe Shakespeare-Sprache eben immer romantisiert und damit verfälscht.

Zu empfehlen ist daher eher die Originalversion mit Untertiteln. Denn die Verse werden hier mit gälisch-schwerem Zungenschlag gesprochen, so rau, dass sie fast heutig wirken. Und sie werden kaum gesprochen, mehr geknurrt, gegurgelt, geheult.

Grandiose Tableaus von kargen, unwirtlichen Landschaften

Die größte Überraschung des Films ist, dass die Sprache hier überwiegend zurücktritt. Dieser „Macbeth“ wird überwiegend durch seine Bilder erzählt. Regisseur Kurzel hat ihn in Schottland gedreht, wo er auch spielt, und zeigt grandiose Tableaus von kargen, unwirtlichen Landschaften und mit ausgemergelten, zerfurchten Visagen ähnlich beredte Gesichtslandschaften.

Die ganze Tragödie wird stets in dunkle Bilder getaucht: die erste Schlacht in Nebelschwaden, später werden Wälder brennen und ihre Funken gen Schloss sprühen.

Ein Glut- und Bluthimmel über Shakespeare. Erst ganz am Ende, wenn der Tyrann gestürzt wird, bricht ein erster Sonnenstrahl durch die Düsternis.

Marion Cotillard und Michael Fassbender spielen um die Wette als mörderisches Ehepaar
Marion Cotillard und Michael Fassbender spielen um die Wette als mörderisches Ehepaar© BM | Studiocanal

Und mittendrin in diesem blut’gen Dauerdunst zwei vorzügliche Schauspieler, die schier um die Wette brillieren, so dass jede Szene zwischen ihnen vibriert vor Kraft und Wucht. Hier die Französin Marion Cotillard, die erst einmal fremd wirkt in dem britischen Cast.

Aber genau das unterstreicht ihre Isoliertheit: eine, die offensichtlich von woanders her stammt und als kinderlose Frau gesellschaftlich nie akzeptiert wird. So macht ihre Machtlüsternheit, den Mann zum Königsmord anzustiften, einmal ganz anders Sinn: Denn nur ganz oben auf dem Thron wird man ihr Ehre gewähren.

Und neben ihr Michael Fassbender, der sich als Macbeth in einen wahren Blutrausch spielt und die großen, hehren Verse schier zwischen den Lippen zerbeißt. Der Schauspieler hat dieses Jahr gleich vier Filme, schon in zwei Wochen ist er als Steve Jobs zu sehen. Allein dieser Kontrast beweist: Der Mann kann einfach alles spielen.

Ein starker Film. Ein großes Fest. Ein absolutes Muss. Auch für Theatermuffel.

Adaption GB/F/USA 2015 113 min., von Justin Kurzel, mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis, Sean Harris